Sie hat viele Talente und Berufe: Sandra Keck, geboren in Cuxhaven, ist Schauspielerin, Regisseurin, Moderatorin, Autorin und Sängerin. Foto: dpa/Wendt
Sie hat viele Talente und Berufe: Sandra Keck, geboren in Cuxhaven, ist Schauspielerin, Regisseurin, Moderatorin, Autorin und Sängerin. Foto: dpa/Wendt
Interview

Von Cuxhaven auf die Ohnsorg-Bühne: Sandra Keck

von Christian Mangels | 09.05.2021

CUXHAVEN. Schauspielerin Sandra Keck, bekannt aus dem Ohnsorg-Theater, berichtet im Interview, wie sie in der Corona-Krise über die Runden kommt.

Sie hat zahlreiche Talente und Berufe: Sandra Keck ist Schauspielerin, Regisseurin, Moderatorin, Autorin und Sängerin. Viele Jahre gehörte die gebürtige Cuxhavenerin zum festen Ensemble des Hamburger Ohnsorg-Theaters und stand dort mit Größen wie Heidi Kabel und Uwe Friedrichsen auf der Bühne. Im Gespräch mit Jens-Christian Mangels berichtet die 53-jährige Volksschauspielerin, wie sie in der Corona-Pandemie zurechtkommt und warum sie die plattdeutsche Sprache so liebt.

Frau Keck, die Corona-Pandemie hat die Kulturszene weiterhin fest im Griff. Wie kommen Sie persönlich über die Runden?

Das ist schon schwierig. Ich bin volle Häuser gewohnt, bin daran gewöhnt, dass man mir Beifall klatscht. Das ist schon hart, wenn man merkt, dass das von einem Tag auf den anderen nicht mehr so ist, dass Kunst nicht systemrelevant ist und keinerlei Status hat. Das ist schwierig, nicht nur für mich, sondern auch für alle meine Kollegen, mit denen ich spreche. Viele sind deprimiert. Ich habe am 13. März 2020 meine letzte Vorstellung gehabt. Mir sind im vergangenen Jahr 80 Vorstellungen weggefallen.

Wie sehr vermissen Sie die Bühne und das Publikum?

Sehr. Ich bin ja Theaterschauspielerin und viel mehr auf diesen Live-Charakter angewiesen als diejenigen, die das Glück haben, im Fernsehen zu arbeiten oder die sich den digitalen Medien verschrieben haben. Ich bin sehr darauf angewiesen, in Gesichter zu blicken, das Lachen zu hören. Ein schönes Beispiel: Ich hatte in der Weihnachtszeit ein sehr nettes Streaming-Konzert für die Hamburger Universität gemacht - eine virtuelle Weihnachtsfeier. Das war für mich eine echte Premiere. Als die Teilnehmer die "Clapping Hands" gemacht haben auf dem Computer, da habe ich zunächst gar nicht begriffen, worum es geht. Und wenn du Pointen ins Nichts hineinhaust und bist es eigentlich gewohnt, dass da ein fetter Lacher zurückkommt, aber da passiert gar nichts, stattdessen schwirren da so kleine Smileys - dann ist das schon sehr skurril. Ich bin dankbar für die Erfahrung, aber es ist auch etwas ungewohnt.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Bis zu meinem Ausstieg beim Ohnsorg-Theater im vergangenen Sommer bin ich ja noch in einer relativ privilegierten Situation gewesen. Ich hatte eine super Auftragslage, etwa noch 80 Vorstellungen 2020. Ich habe die 80 Vorstellungen, die mir weggefallen sind, nicht ersetzt bekommen. Natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau. Ich habe so viele Bekannte und Freunde, die freie Künstler sind, und für die es jetzt wirklich ums nackte Überleben geht. Da bringt auch das kleine bisschen, das die Regierung in diesem Bereich rausschießt, sehr wenig. In anderen Bereichen ist sie sehr viel großzügiger. Ich jedenfalls habe keinerlei Gelder bekommen.

Wie sieht momentan Ihr Arbeitsalltag aus. Können Sie überhaupt etwas machen?

Heute Abend wäre ich mit meinem Soloprogramm "Kecke Utsichten - Prinzessin in de Wesseljohren" im Ohnsorg-Theater aufgetreten. Aber das ist ja flachgefallen. Alle acht Vorstellungen sind zum fünften Mal - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen - verlegt worden. Ich habe mir aber einen neuen Bereich gesucht. Ich schreibe Projekte für verschiedene Institutionen. Momentan ist mein Lieblingsprojekt das Kultur Gut Hasselburg in der Nähe von Neustadt in Holstein. Da bauen wir gerade ein interaktives Hörspiel-Museum auf, ganz zauberhaft. Da kann ich richtig kreativ sein. Also ja, ich kann momentan arbeiten und dafür bin auch sehr dankbar.

Haben Sie die Aktion #allesdichtmachen, mit der Schauspieler wie Jan Josef Liefers die Corona-Politik der Bundesregierung kritisieren, verfolgt? Wie denken Sie darüber?

Ich denke - und das ist eine jahrhundertealte Geschichte - dass wir Künstlerinnen und Künstler Narrenfreiheit haben. Wir dürfen anprangern, wir dürfen hinterfragen, das ist unser Job. Das machen wir in politischen Stücken, das machen wir sogar in komischen Stücken. Das machen wir mit einem Spielplan, der Dinge beschreibt, die momentan relevant sind. Ich stehe voll hinter den Künstlern, die da mitgemacht haben. Die Aktion führt zu einem Diskurs und das ist genau das, das wir momentan brauchen. Natürlich kann man sich fragen, ob das der richtige Weg war. Auf der anderen Seite: Haben Sie die Spots der Bundesregierung gesehen, wo sich jemand auf einem Sofa lümmelt, Chips isst und den Satz sagt "Unsere Couch war die Front"? Wenn das nicht ironisch und polemisch war, dann weiß ich auch nicht.

Es hagelte dennoch Kritik. Sind Satire und Zynismus möglicherweise die falschen Stilmittel in diesen Tagen?

Möglich. Sicherlich kann man darüber streiten, was die richtigen Mittel sind. Andererseits: Das ist doch die Aufgabe der Kunst. Und die Aktion hat genau zu dem Ergebnis geführt, das sich alle erhofft haben: Man spricht darüber!

Sie gehörten viele Jahre dem Ensemble des Ohnsorg-Theaters an. Wieso haben Sie sich im Sommer 2020 dort verabschiedet?

Ich glaube, mein Blick auf Theater hat sich gewandelt im Laufe der Zeit. Wer weiß, vielleicht bin ich auch in der alten Form stecken geblieben. Ich musste mich entscheiden, ob ich diesen Weg mitgehen will. Ich möchte unterhalten, das ist mein Job. Ich möchte den Leuten gern etwas an die Hand geben. Gerade ein Volkstheater, glaube ich, sollte leichte Unterhaltung bieten, die die Menschen erfreut. Wenn es zu belehrend wird, dann ist das für mich schwierig. Ich kann diese Richtung verstehen, aber für mich als Volksschauspielerin ist Theater nun einmal Unterhaltung.

Volkstheater - was ist das eigentlich genau?

Man muss wissen, für wen man Theater spielt. Wenn ich ins Schauspielhaus gehe, dann habe ich ein ganz anderes Publikum vor mir als im Ohnsorg-Theater. Volkstheater ist letztendlich dafür da, dem Publikum den Spiegel zu zeigen, aber auch an tagesaktuellen Geschichten nicht vorbeizugehen. Und das Ganze immer noch mit einem Lächeln im Gesicht.

Sehen Sie sich in der Tradition der legendären Volksschauspielerin Heidi Kabel?

Heidi Kabel war eine tolle Frau. Ich hatte das große Glück, noch mit ihr auf einer Bühne stehen zu dürfen. Im Stück "Manda Voss wird 106" spielte sie meine Ururgroßmutter. Und mit ihrer Tochter Heidi Mahler verbindet mich eine lange Freundschaft. Heidi Kabel war eine prägende, tolle Schauspielerin in einer Zeit, in der Gesichter und Charaktere das Ohnsorg-Theater noch prägen konnten, geschuldet der Tatsache, dass es damals nur drei Fernsehsender gab. Heutzutage ist das gar nicht mehr möglich, so eine Volksschauspielerkarriere aufzubauen. Das schafft man in der jetzigen Medienlandschaft gar nicht. Trotzdem ist es wichtig für ein Volkstheater, dass es seine Leute hält, dass es die Gesichter, die an dem Haus spielen, immer wieder benutzt, damit der Zuschauer sagt: "Ach Mensch, die kenn ich doch."

Die plattdeutsche Sprache spielt in Ihrer künstlerischen Laufbahn eine große Rolle. Dabei wurde bei Ihnen zu Hause überhaupt kein Platt gesprochen. Wer hat Ihnen die Sprache beigebracht?

Plattdeutsch habe ich in der Schule gelernt. Ich hatte einen ganz tollen Mathelehrer, der auch die Plattdeutsch-AG geleitet hat. Ich war in Mathe nicht besonders gut, aber Plattdeutsch klappte ganz ordentlich. Dialekte liegen mir, ich bin musikalisch, da ist eine Affinität da. Und dann habe ich mit diesem Mathelehrer beim Plattdeutsch sehr viel Spaß gehabt und ich hatte gehofft, dass ich das dann auch in den Matheunterricht mit rüberziehe. Es hat nur mäßig geklappt.

Es heißt, Sie träumen sogar auf Plattdeutsch ...

Ja! Das war in der Zeit, als ich "Rock op Platt" gemacht habe. Da habe ich mich zwei- bis drei Mal in der Nacht dabei erwischt, wie ich im Traum plattdeutsch gesprochen habe. Und das ist erstaunlich, wenn einem das gar nicht in die Wiege gelegt wurde.

Gibt es in der plattdeutschen Kulturszene eigentlich viele Frauen? Mir fallen jedenfalls keine ein. Sie sind die Ausnahme. Ist Platt immer noch eine Männerbastion?

Zum Glück gibt es Ina Müller. Dann kommen große Namen wie Heidi Mahler und Anni Heger, eine ostfriesische Entertainerin. Aber Sie haben Recht, es gibt nicht viele Frauen. Es heißt ja oft, Plattdeutsch sei belegt mit grauhaarigen, älteren Herren. Aber wir Frauen arbeiten daran, Platt ein bisschen weiblicher zu machen.

Es wird ja momentan viel gestritten - in den Medien, auf Facebook, in der Politik. Hass und Hetze sind an der Tagesordnung. Meine Theorie ist: Wenn wir alle Plattdeutsch miteinander sprechen würden, würde es viel zivilisierter zugehen, weil Plattdeutsch so etwas Liebevolles, Gemütliches hat. Was halten Sie von dieser Theorie?

Ach, wissen Sie, es ist ja nett, wenn die Leute sagen, dass Plattdeutsch niedlich sei. Aber Plattdeutsch kann so viel mehr, als gemütlich und niedlich sein und Flensburger-Werbung. Ich wehre mich auch ein bisschen gegen Wörter wie "Ackerschnacker" oder "Schnutenpulli". Zurzeit mache ich ein ganz tolles Projekt, das nennt sich "Platt Poems". Da machen wir zum Beispiel den Osterspaziergang aus Goethes Faust auf Plattdeutsch oder den Prolog aus "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas. Da wird dann Musik druntergelegt. Das ist so ein bisschen wie das Rilke-Projekt. Plattdeutsch ist ein Stück Norddeutschland. Und es wäre schade, wenn es verloren geht.

Sollte an den Schulen Plattdeutsch wieder mehr Gewicht erhalten?

Ja. In Hamburg ist das wieder auf dem Lehrplan, was ich wichtig und richtig finde. Ich habe selbst plattdeutsche Schulbücher eingesprochen. Und bei meinem Sohn in der Schule habe ich Kurse gegeben, das war richtig toll. Wenn so ein kleiner Inder anfängt, plattdeutsch zu sprechen - einfach zauberhaft.

Selbst die übelsten Schimpfwörter klingen ja auf Platt irgendwie entzückend. Was ist Ihr liebstes plattdeutsches Schimpfwort?

Es gibt einen Spruch, den hat mir Jürgen Pooch mal erzählt: "Ween mal, ween, denn bruukst nich to pissen." Auf Hochdeutsch: "Wein mal, weine, dann brauchst du nicht zu pinkeln." Und dann gibt's da noch den schönen Spruch: "Den hebbt se woll in Stevel scheeten." Dem haben sie wohl in den Stiefel geschissen. Finde ich auch cool.

Zum Schluss müssen wir noch über Ihre Geburtsstadt Cuxhaven sprechen. Welche Kindheitserinnerungen kommen Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an Cuxhaven denken?

Ich bin in Cuxhaven geboren, aber dann recht schnell, noch vor der Einschulung, weggegangen. Aber wir sind trotzdem jedes Jahr wieder nach Cuxhaven gefahren. Meine Großmutter, Oma Keck, hat am Seedeich in einem tollen, alten Kapitänshäuschen gewohnt. Ich kann mich noch sehr gut an diese Wohnung erinnern, an die hohen Decken. Und immer, wenn wir reinkamen, war dort eine Bullenhitze. Meine Großmutter ist immer mit so einer Schippe mit glühenden Kohlen von Ofen zu Ofen gegangen. Das war irre. In ihrer Wohnküche hatte sie eine Vorratskammer, in der immer Pudding stand. Vanillepudding, mit Haut oben drauf. Ich habe den Geruch heute noch in der Nase.

Sind Sie noch regelmäßig in Cuxhaven?

Na klar. Ich liebe Cuxhaven und fahre jedes Jahr zum Wattlaufen nach Döse. Ich liebes dieses Gefühl des Watts unter meinen Füßen, den Wind in meinen Haaren. Das ist einfach nicht zu toppen.

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