Das Lotsenstationsschiff "Weser" ist seit 2010 vor Wangerooge im Einsatz. Das Doppelrumpfschiff dient als schwimmende Versetzstation für die Weser- und Jadelotsen. Foto: Barth
Das Lotsenstationsschiff "Weser" ist seit 2010 vor Wangerooge im Einsatz. Das Doppelrumpfschiff dient als schwimmende Versetzstation für die Weser- und Jadelotsen. Foto: Barth
Müll im Fluss entsorgt?

Vorwürfe gegen Crewmitglieder des Lotsenstationsschiffes "Weser"

28.10.2019

BREMERHAVEN. Tagein, tagaus patrouilliert das Lotsenstationsschiff "Weser" vor der Insel Wangerooge und wartet auf vorbeikommende Schiffe.

Wer nach Bremerhaven oder Brake will, bekommt einen Lotsen an Bord; wer aus der Weser kommt, gibt hier seinen Lotsen ab. Eine gut eingespielte Routine. Jetzt behauptet ein ehemaliges Besatzungsmitglied: Von Bord der schwimmenden Lotsenstation sollen jahrelang Altpapier und leere Flaschen im Meer entsorgt worden sein. Der Lotsbetriebsverein bestreitet die Vorwürfe.

Als Christoph Oliver Weller im Januar 2017 auf dem Lotsenstationsschiff "Weser" anheuerte, staunte er nicht schlecht. Kaum an Bord, beobachtete der Schiffsmechaniker, wie einige Besatzungsmitglieder Papierabfälle und Kartons ins Wasser warfen. "Wenn das Schiff alle zwei Wochen in Bremerhaven Proviant übernimmt, kommen 15, 16 Paletten Verpflegung an Bord", beschreibt Weller das Verfahren. Die Köche packen die Nahrungsmittel aus und verstauen sie; dabei fällt naturgemäß eine Menge Verpackungsmaterial an.

Normalerweise gehört dies in die eigens mitgeführten blauen Papiertonnen an Bord. Nach dem weltweit gültigen MARPOL-Abkommen gegen die Verschmutzung der Meere darf kaum noch Schiffsmüll ins Meer geworfen werden - auch keine Pappkartons oder leeren Flaschen.

Doch auf der "Weser" seien Papierabfälle und Altglas regelmäßig über die Kante gegangen, berichtet Weller. "Ich habe dem Bootsmann gesagt: Mensch, was macht ihr denn da?" Die Antwort sei wenig freundlich ausgefallen. "Ich wurde als ,Popel‘ bezeichnet und sollte mich verpissen", erzählt Weller. Das mit dem Müll, das habe man schon immer so gemacht - an Bord sei kein Platz und im Hafen zu wenig Zeit für die Entsorgung.

Dabei verfügt das 2010 in Dienst gestellte Stationsschiff "Weser" eigens über einen klimatisierten Lagerraum für Bio- und Restmüll, Papier- und Altglastonnen stehen achtern an der Reling. Auf seiner zweiten Reise, berichtet Weller, habe er die Pappkartons aus der Kombüse fein säuberlich zerkleinert und in einer dieser Papiermülltonnen gestapelt. "Ich wurde ausgelacht", erinnert sich Weller, von einem älteren Decksmann, der das alles für überflüssige Arbeit gehalten habe. Am nächsten Morgen sei die 240-Liter-Tonne leer gewesen.

Er sei daraufhin zum Kapitän gegangen, um die Sache zu melden, versichert Weller. Der habe die Besatzung noch einmal über den korrekten Umgang mit dem Müll belehrt. "Danach war ich natürlich unten durch", sagt er, zumindest bei einigen der langgedienten Besatzungsmitglieder. "Viele Jüngere sehen das mit dem Müll auch kritisch, trauen sich aber nicht, was zu sagen", erklärt der 36-Jährige.

Weller wurde vom Bootsmann zum "Müllbeauftragten" ernannt, ein Posten, den es bis dahin nie gegeben habe. Fortan seien in den Zwei-Wochen-Schichten, die er an Bord Dienst schob, fünf oder sechs Tonnen mit Altpapier angefallen. "Vorher waren es immer nur zwei." Der Rest muss also, so seine Schlussfolgerung, im Meer gelandet sein. Auch Altglas sei regelmäßig über Bord gegangen, vor allem eimerweise Bierflaschen; ebenso Zigarettenkippen, manchmal 250 bis 300 am Tag.

Dass sein Zeitvertrag nach einem Jahr nicht verlängert wurde, führt Weller auf die Auseinandersetzungen um den Müll zurück. Offiziell wurde ihm der Schmuggel einer Flasche Schnaps zur Last gelegt. Weller entschloss sich, Anzeige gegen vier der Besatzungsmitglieder zu erstatten - nicht aus Rache, wie er betont, sondern weil er angesichts der Diskussion um die Vermüllung der Meere etwas tun wollte. Ein Jahr lang ermittelte die Wasserschutzpolizei Wilhelmshaven, befragte Zeugen und Beschuldigte, suchte nach Ungereimtheiten in den Mülltagebüchern und reichte ihre Ergebnisse dann an die Staatsanwaltschaft Oldenburg weiter. Die stellte das Strafverfahren Ende Juli 2019 ein.

Ein paar Diskrepanzen in der Buchhaltung habe es gegeben, so ist inoffiziell zu hören. Aber der strafbare Umgang mit Abfällen sei den Beschuldigten "nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Verurteilungswahrscheinlichkeit nachzuweisen", teilte die Staatsanwaltschaft mit. Sprich: Es fehlen die Beweise. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Lediglich die Entsorgung der Zigarettenkippen im Meer habe einer von ihnen eingeräumt. Aber 200 bis 300 Stummel am Tag seien "nicht ohne weiteres geeignet, ein vergleichsweise großes Gewässer wie die Nordsee zu beeinträchtigen oder zu schädigen", befand die Staatsanwaltschaft.

Sie leitete das Verfahren an den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) weiter, der nun wegen möglicher Ordnungswidrigkeiten gegen die vier Besatzungsmitglieder ermittelt. Das Verfahren läuft noch, deshalb könne man sich nicht zu Einzelheiten äußern, sagt NLWKN-Sprecher Achim Stolz.

Beim Lotsbetriebsverein, der die Flotte der Lotsenversetzschiffe und -boote betreibt, ist man sich keiner Schuld bewusst. "Das ist nicht die gängige Praxis auf unseren Schiffen - jedenfalls ist uns das nicht bekannt", sagt Thomas Mrusek, stellvertretender Geschäftsführer des Lotsbetriebsvereins Bremerhaven.

Es gebe natürlich die Anordnung an die Schiffsführungen, alle Gesetze zu beachten, auch die MARPOL-Regeln zur Schiffsmüllentsorgung. "Ich gehe davon aus, dass alle sich daran halten", sagt Mrusek.

Christoph Oliver Weller, der ehemalige "Müllbeauftragte" auf der "Weser", bleibt bei seiner Version. Inzwischen ist er selbst Schiffsführer mit einem Patent für die küstennahe Fahrt (NK 500) und fährt eines der Versetzboote für die Bremerhavener Hafenlotsen.

Im Dezember heuert er auf einem Hamburger Hafenschlepper an. Thema seines Referats auf der Seefahrtschule in Flensburg war die MARPOL-Anlage V: "Regeln zur Verhütung der Verschmutzung durch Schiffsmüll".

MARPOL

Das Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL) wurde 1973 geschlossen. In 20 Artikeln und 6 Anlagen regelt es weltweit verbindlich den Umgang mit Öl und Chemikalien, Gefahrgut, Abwasser, Schiffsmüll und Abgasen.

Anlage 5 schreibt den korrekten Umgang mit Schiffsmüll vor. In der Fassung von 2013 dürfen Lebensmittelabfälle und Waschwasser mit ungefährlichen Reinigungsmitteln unter bestimmten Umständen im Meer entsorgt werden, nicht jedoch sonstiger Schiffsmüll, etwa Kunststoffe, Verpackungsmaterial, Papier, Lumpen, Glas, Metall und Flaschen.

Von Christoph Barth

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