Warum die Arbeit der Seemannsmission Cuxhaven aktuell wichtiger denn je ist
CUXHAVEN. Die Arbeit der Seemannsmission im Cuxhavener Hafen ist aktuell notwendiger denn je. Nach Corona erschwert jetzt der Ukraine-Krieg die Arbeit.
Die Situation auf vielen Seeschiffen hat sich durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine noch einmal zugespitzt. Nachdem die Seeleute aller Nationen bereits durch die Coronapandemie teilweise über viele Monate ohne Landgang an ihre Schiffe gefesselt waren und auch nur unter extremen Schwierigkeiten zu ihren Familien in die Heimat reisen konnten, sind Ukrainer und Russen nun durch die Auswirkungen des Krieges zusätzlich betroffen.
Zum Teil schwer zu ertragende Geschichten bekommen die Mitarbeiter der Seemannsmission bei ihren Schiffsbesuchen im Cuxhavener Hafen zu hören, vor allem von Schiffen, auf denen Ukrainer und Russen zusammenarbeiten, die einen Großteil der Besatzungen stellen.
Großartige Unterstützung
Das sei alles andere als die Ausnahme, bestätigt Seemannsdiakon Martin Struwe, der zusammen mit seiner hauptamtlichen Mitarbeiterin Inga-Kristin Thom froh ist, in diesen schwierigen Zeiten großartige Unterstützung durch den Förderverein und Ehrenamtliche im Besuchsdienst zu haben, der wieder hochgefahren werden konnte. Etwa 70 Prozent der Schiffe dürfen wieder von den Externen betreten werden, was in der Hochzeit der Pandemie ausgeschlossen war. Trotzdem seien viele Reedereien und Kapitäne noch immer sehr restriktiv, auch wenn es um den Landgang ihrer Besatzungen geht, erzählt Oliver Fuhljahn, der den ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Ulrich Getsch als Vorsitzenden des Fördervereins abgelöst hat.
Die Angst vor einer Corona-Infektion, die schnell den gesamten Schiffsbetrieb lahmlegen könnte, sei noch immer sehr groß. Kein Wunder, dass die meisten ausländischen Besatzungen der auch vermehrt aus asiatischen Ländern kommenden Schiffe, die Cuxhaven anlaufen, sich nach ein wenig Abwechslung sehnen - und wenn es nur der Bummel durch einen Supermarkt ist, bei dem die Seeleute gerne zum Beispiel ein paar Lebensmittel kaufen, die es an Bord eben nicht gibt. Teilweise seien sie monatelang nicht von Bord gekommen, hätten sich in dieser Zeit ausschließlich von den immer gleichen Gerichten aus der Bordkantine ernährt. Schon ein Hamburger oder eine Pizza seien deshalb eine willkommene Abwechslung.
Besonderes Erlebnis für Seefahrer
Einen Abend im Garten des Seemannsclubs im Grünen Weg genössen die Gäste so sehr, dass schon die Blüte des dortigen Birnbaums und die Ruhe und Abgeschiedenheit ohne ständigen Motorenlärm zum besonderen Erlebnis für die Seefahrer wird. "Wir können uns kaum vorstellen, mit welchem Stress der ständige Lärm durch die Schiffsmaschinen und Lüftungsanlagen für die Menschen verbunden ist", erinnert sich Rudolf Rothe, ehemaliger Leiter der örtlichen Seefahrtschule, an einen seiner jüngsten Besuche auf einem Autotransporter.
Seit seinem Ruhestand ist er Vorsitzender des Sozialbeirats, ein Zusammenschluss von Behörden aus dem maritimen Sektor, der die Arbeit der Seemannsmission in Cuxhaven seit 1978 in fachlicher Hinsicht unterstützt. Ziel des Sozialbeirats ist es, Verbesserungen für die Seeleute in Cuxhaven zu erreichen. Mitglied ist auch die Stadt, die ein Drittel der Haushaltsmittel der Mission zur Verfügung stellt. Beteiligt ist auch die evangelische Landeskirche, die die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellt.
Zweite Vollzeitstelle
Den inzwischen 140 Mitgliedern des Fördervereins sowie Spendern ist es zu verdanken, dass neben Diakon Struwe inzwischen auch eine zweite Vollzeitstelle finanziert werden kann.
Die Arbeit der Seemannsmission lebt von den Kontakten an Bord. Mit Ausbruch der Coronapandemie waren diese Besuche nicht mehr möglich. In welch zum Teil verzweifelte Lage die Menschen auf den Schiffen gerieten, wurde am Fall der "Mein Schiff 3" augenfällig, die damals mit 3000 Menschen an Bord für etliche Tage in Cuxhaven festsaß. "Das ist ziemlich genau zwei Jahre her", erinnert sich Struwe an nervenaufreibende Einsätze an Bord.
Gespräche zerreißen das Herz
Nun sind es die Gespräche mit den ukrainischen Seeleuten, die einem das Herz zerreißen könnten, sagt Struwe. Dabei bleibe nicht viel mehr als zuzuhören, wenn die Betroffenen von Krieg, Tod und Zerstörung in ihrer Heimat berichten. Dank guter Ausbildung und geringer Heuer stellen Ukrainer einen großen Teil der Mannschaften auf den Seeschiffen, ebenso wie Russen und Filipinos.
Eine innere Zerrissenheit habe er bei vielen Ukrainern beobachtet, einerseits hätte sie das Gefühl, ihren Familienangehörigen im Krieg helfen zu müssen, andererseits wollten sie sie mit dem Geld unterstützen, das sie mit der Seefahrt verdienten. Einige Reedereien auch aus Cuxhaven hätten Wohnungen in Deutschland angemietet, in denen die Familien der Besatzungsmitglieder untergebracht sind, um sich deren Arbeit auch für die Zukunft zu sichern. Äußerst dankbar seien die Männer auch für gespendete Telefonkarten, die sie in die Lage versetzen, regelmäßig mit ihren Familien im Kriegsgebiet Verbindung zu halten.
Russen in prekären Situationen
Russische Seeleute seien oft ebenfalls in einer prekären Situation, wenn ihre Schiffe wegen der Sanktionen gegen ihr Heimatland keinen europäischen Hafen anlaufen dürften. Der Flug in die Heimat führe für sie oft nur noch über Istanbul, nachdem die Reisefreiheit nach dem Schengenabkommen nicht mehr für russische Staatsbürger gilt.
Außerdem, so Rothe, bekämen die Seeleute ihre Heuer nicht mehr zu den Familien in Russland überwiesen. All das führe manchmal zu Spannungen unter den verschiedenen Nationalitäten, die das Zusammenleben an Bord schwieriger machen, ist die Erfahrung von Oliver Fuhljahn, der bei Cuxport das Automobilgeschäft verantwortet. "Wir können oft nur zuhören, die Hand reichen und bei Einkäufen helfen", fasst Diakon Struwe zusammen. Die Schließung des hafennahen Real-Marktes habe nun weitere Wege zur Folge.
Zahlen
Die Mitarbeiter der Seemannsmission haben im vergangenen Jahr (2021) 3200 Begegnungen mit Seeleuten bei 1268 Schiffsbesuchen gehabt, 62 Ausflüge beziehungsweise Einkaufsfahrten mit Seeleuten unternommen und 49 Einkäufe für Seeleute getätigt.
Den Seemannsclub im Grünen Weg haben 118 Seeleute aus 14 Nationen besucht. Gezählt wurden außerdem 1203 Übernachtungen im Seemannsheim. Der Jahreshaushalt betrug rund 191.000 Euro.