Kreis Cuxhaven: Ist Wasserstoff der Antrieb der Zukunft?
KREIS CUXHAVEN. Weniger Lärm und weniger Emissionen: Wasserstoff gilt als ein Baustein der Energiewende. Als Antrieb kommt er aktuell vor allem bei Nutzfahrzeugen zum Einsatz. Regionale Experten erklären, warum und ob der Antrieb zukunftsfähig ist.
Aktuell beherrschen noch umweltschädliche, dieselgetriebene Lastwagen das Straßenbild in der Region. Doch Dr. Nils Meyer-Larsen und sein Team möchten das ändern. In einem Projekt zusammen mit lokalen Firmen wie dem Speditionsunternehmen Brüssel und Maass Logistik oder Tiefkühlriese Frosta haben sie deshalb im Projekt "H2Cool Prelude" am Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremerhaven gemeinsam mit der örtlichen Hochschule erforscht, wie Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik bei Lastwagen-Tiefkühltransporten künftig zum Einsatz kommen können.
In den Augen von Meyer-Larsen ein "innovativer Forschungsansatz, der gleichzeitig ein besonders hohes Potenzial für Anwendungslösungen bietet". Der Gütertransport mit Treibstoff aus fossilen Energieträgern hingegen ist seinen Augen ein Auslaufmodell.
In dem Projekt wurden umfassende Konzepte für die Abkehr von fossilen Treibstoffen und die Verminderung oder sogar Vermeidung von schädlichen Emissionen wie Treibhausgasen, Luftschadstoffen und Lärm entwickelt. Aber auch die Sicherheit von Wasserstoffanwendungen wurde untersucht und inwieweit heutige Wasserstofftechnologie mit den logistischen Anforderungen in Einklang zu bringen ist. Ganz praktisch hieß das zum Beispiel, durch Simulationen Antworten zu finden auf Fragen wie, welche Umwege durchs Tanken zu erwarten sind und wie viel mehr Fahrzeit das kostet. Dafür wurde zum Beispiel mit verschieden großen Wasserstofftanks gerechnet.
Wichtige Erkenntnisse gewonnen
Mit den Ergebnissen des kürzlich abgeschlossenen Projekts ist Meyer-Larsen zufrieden. Es seien wichtige Erkenntnisse gewonnen worden, zum Beispiel darüber, welche Technologie Sinn macht. "Das bietet jetzt eine solide Basis für ein anschließendes Umsetzungsprojekt, in dem das gewonnene Wissen in die Praxis umgesetzt werden soll", sagt Meyer-Larsen.
Bereits einen Schritt weiter ist die Firma Faun mit Sitz in Osterholz-Scharmbeck, die erst im Mai dieses Jahres ihre neuen umweltfreundlichen Wasserstoff-Müllfahrzeuge vorgestellt hat. Die für den Laien von außen betrachtet wie die bekannten Sammelfahrzeuge aussehen, deren Technik es aber in sich hat. Denn die Wagen sind nicht nur kaum hörbar, statt Abgase in die Luft zu pusten, kommt hier aus dem Auspuff auch lediglich Wasserdampf.
Möglich macht dies unter anderem das dreiachsige "Blue Power"-Fahrgestell, das zum Müllfahrzeug oder zur Kehrmaschine umgebaut werden kann. 240 Kilometer können die Fahrzeuge zurücklegen, bis ihr 16 Liter großer Tank wieder an einer Wasserstoff-Tankstelle befüllt werden muss.
Lebensdauer von acht Jahren
Aus diesen Hochdrucktanks - am Müllfahrzeug gibt es zwei - wird der Wasserstoff mittels Brennstoffzellen in Strom umgewandelt. Dieser betreibt einen elektrischen Motor und lädt eine Batterie auf, die sich unter dem Fahrerhaus befindet. Bei einer Leistung von 85 kWh habe die Batterie eine Lebensdauer von etwa acht Jahren. Seit 2021 befinden sich 20 dieser Wasserstoff-Müllfahrzeuge in Deutschland im Einsatz. Zum Beispiel in Berlin, Duisburg, Bochum oder Brüssel. Auch Bremerhaven hat bereits Interesse angemeldet. Insgesamt erklärt die Firma Faun es als ihr Ziel, eine saubere Umwelt zu schaffen.
Dieses Ansinnen verfolgt auch die Firma Nonne, Großhändler von Medizin- und Hygieneprodukten in Stotel, die aktiv versucht, ihren Kohlenstoffdioxid-Fußabdruck zu verkleinern. Das reicht von zwei firmeneigenen Windrädern bis zur Blühwiese. Auch Windräder und Wärmepumpen gehören dazu. Aber auch Wasserstoff als Antrieb für die Transportflotte hat bereits das Interesse der Firma aus der Gemeinde Loxstedt geweckt, hatte Juniorchef Malte Wencke zuletzt betont. Bisher seien dies aber nur grobe Ideen.
Wasserstoff in der Elbe-Weser-Region
Schlussendlich darf beim Wasserstoff in der Elbe-Weser-Region natürlich aber auch der Blick auf Wasserstoff-Züge nicht fehlen, die nach einer Probephase ab 24. August als erste Wasserstoffzüge weltweit offiziell an den Start gehen sollen und dann zwischen Bremervörde, Bremerhaven und Cuxhaven verkehren werden. 14 Triebfahrzeuge wurden von der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) für den Zugverkehr bei Alstom bestellt. Derzeit läuft die Produktion der völlig emissionsfreien Triebfahrzeuge auf Hochtouren, die Auslieferung ist angelaufen und soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
Die Technik
Wasserstoff-Fahrzeuge oder korrekt Brennstoffzellen-Fahrzeuge sind im Grunde Elektrofahrzeuge. Der Unterschied ist, dass im Fahrzeug eine Brennstoffzelle samt Wasserstofftank verbaut ist, die den Strom für den Antrieb während der Fahrt erzeugt. Eine kleine Batterie fungiert dabei als Zwischenspeicher. In der Brennstoffzelle wird elektrischer Strom aus Wasserstoff gewonnen. Das geschieht durch die Umkehrung der Elektrolyse. Wasserstoff und Luftsauerstoff reagieren zu Wasser, dabei entstehen Wärme und elektrische Energie. Letztere treibt den Elektromotor an, der wesentlich leiser ist als ein Verbrennungsmotor.
Bei Autos setzen Hersteller für Elektroautos bislang vor allem auf die reine Batterievariante. Technikexperten plädi
eren aber auch hier für mehr Offenheit gegenüber Brennstoffzelle und Wasserstoffmotor. Schwachstelle ist aktuell vor allem das nur dünn ausgebaute Netz an Wasserstofftankstellen, die oft lange Umwege für Fahrer von Lastwagen oder Autos bedeuten und damit zum Beispiel für Speditionen einen Zeit- und Geldverlust. Auch in den Nachbarstaaten steckt die Technik noch in den Kinderschuhen. Von Kristin Seelbach