Tradition in Bedrängnis: Sterben die Wattwagen in Cuxhaven aus?
CUXHAVEN. Die Wattwagen-Fahrer in Cuxhaven haben es schwer: Neben dem "Duhner Loch" machen den Betreibern auch bürokratische Hürden zu schaffen.
Nicht genug damit, dass die Pegelstände auf der Neuwerk-Route die Gespanne immer öfter zur Umkehr zwingen. Der Amtsschimmel macht Wattwagenunternehmern zusätzlich das Leben schwer: Der sogenannte "Kutschenerlass" das Landes Niedersachsen stellt infrage, was 140 Jahre lang als gut und richtig galt. Betreiber schlagen deshalb Alarm. Und warnen in Kreisen der Politik davor, dass die Belastungsgrenze irgendwann überschritten werden könnte. Ein Leben ohne Wattwagen können sich weder Kai Stelling noch sein Kollege Christian Kühlcke vorstellen. Wenn es so weitergehe, so Kühlcke, sei trotzdem irgend wann der Punkt erreicht, "an dem das hier alles kippt".
Mehrere Kritikpunkte geäußert
Am vergangenen Montag hatte der Wattwagen-Unternehmer eine CDU-Delegation auf seinem Hof in Sahlenburg empfangen. Landtagsabgeordnete aus dem Bezirk erfuhren, dass es gleich mehrere Hafen und Ösen gibt, die den eine lokale Nische besetzenden Wattwagenfahrern zu schaffen machen. Da geht es nicht allein um das immer wieder zitierte "Duhner Loch", jenen Priel, dessentwegen bereits in der Saison 2020 rund ein Viertel der Fahrten zur Insel buchstäblich ins Wasser gefallen ist. Das aber ist nicht alles: In der Szene wird außerdem darüber spekuliert, mit welchen Auflagen in Zukunft wohl noch zu rechnen sein wird - nachdem die eingangs erwähnte Landesverordnung die Personal-Akquise bereits mit einem Fragezeichen versehen hat. Denn seit Kurzem muss jeder gewerblich tätige Gespannführer, der die notwendige Sachkunde nicht anhand langjähriger Fahrpraxis nachweisen kann, einen Kutschenführerschein machen. Lehrgang und Lizenz kosten den Betrieb auch bis zu 2500 Euro pro Kopf; dazu kommen die Stunden, die Neu-Kutscher investieren müssen, bevor sie das erste Mal allein auf dem Bock sitzen dürfen.
Hoher Zeit- und Kostenaufwand
"Wer ist denn dazu schon bereit?", fragten Stelling und Kühlcke bei dem Montagstermin in die Runde. Vor Augen hatten sie in diesem Moment Quereinsteiger, die sich zwar gerne zum Wattwagenfahrer ausbilden lassen würden, mehrheitlich aber abwinken dürften, sobald ihnen klar geworden ist, dass der Kutschenführerschein vom Zeitaufwand her beinahe schon mit dem "grünen Abitur" zu vergleichen ist. Wattwagen-Betreiber Kai Stelling kann den 2018 eingeführten Spielregeln dennoch etwas Gutes abgewinnen: Die von Tierschützern immer wieder aufs Korn genommenen Unternehmen erhielten über die neuen Regularien so etwas wie einen Beleg dafür, dass der Fahrbetrieb unter Aufsicht und nach genau definierten Kriterien abläuft.
Wichtige Werbeträger
Als paradox kritisieren die Cuxhavener Wattwagenfahrer jedoch den Umstand, dass ihre von Neuwerk (also von Hamburger Territorium) aus ins Watt startenden Kollegen anderen, dem Vernehmen nach weniger strengen Richtlinien unterliegen. CDU-Gäste wie der Landtagsabgeordnete Thiemo Röhler sprachen am Montag von einer Wettbewerbsverzerrung; auf politscher Ebene wollen sie sich nun für die Belange der Branche einsetzen. Die heimischen Wattwagen-Unternehmer befürchten, dass der weg zum Kutschenführerschein zunehmend kommerzialisiert werden könnte und Lehrgänge und Prüfungen nicht mehr vor Ort stattfinden könnten. "Wattwagenfahren lernen kann man nur hier", hieß es beim Treffen in Sahlenburg, wo der Abgeordnete Kai Seefried (Stade) darauf hinwies, dass die Cuxhavener Wattwagen nichts Geringeres seien als Werbe-Ikonen für das gesamte Bundesland. Wenn deren Betreibern die Perspektiven genommen würden, so der Landtagspolitiker Röhler, ginge "eine ganz große Cuxhavener Tradition, etwas Einmaliges verloren".
Pragmatische Lösung
Der Cuxhavener Landtagsabgeordnete erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Probleme am Duhner Loch, zu denen sich im Rahmen eines Cuxhaven-Besuchs am morgigen Donnerstag auch der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) äußern will. Was dort draußen passieren müsste, ist aus Sicht der Wattwagen-Unternehmer kein Hexenwerk, sondern eine "Sache von zwei bis drei tagen", die keine 100.000 Euro koste. Auf einem 20 Meter breiten (und circa 100 Meter langen) Streifen müsste Schlick entfernt durch Kies ersetzt werden, der anschließend mit Muschelsand bedeckt werden könne. Keine dauerhafte, dafür eine pragmatische Lösung, war am Montag zu hören.