Der Tennisplatz ist sein Zuhause: Seit seiner Kindheit steht Scott "Scotty" Gabel auf dem Court - und hat seine große Leidenschaft zum Beruf gemacht. Heute genießt er das Leben in Cuxhaven. Foto: Kuczorra
Der Tennisplatz ist sein Zuhause: Seit seiner Kindheit steht Scott "Scotty" Gabel auf dem Court - und hat seine große Leidenschaft zum Beruf gemacht. Heute genießt er das Leben in Cuxhaven. Foto: Kuczorra
Über Umwege

Wie der US-Amerikaner Scott Gabel von New York nach Cuxhaven kam

von Joscha Kuczorra | 11.09.2021

CUXHAVEN. Der gebürtige New Yorker Scott Gabel hat in Cuxhaven über Umwege eine weitere Heimat gefunden - und schon viel erlebt.

Vielleicht wäre Scott Gabel heute nicht mehr am Leben, wenn er damals den einfachen Weg gegangen wäre. Dann hätte er den Finanz-Job angenommen im World Trade Center, das vor genau 20 Jahren am 11. September 2001 einstürzte. Doch er entschied sich für die Reise ins Ungewisse, setzte auf die Tennis-Karte. Heute ist er glücklich, dass er nach mehreren Stationen in Cuxhaven zu Hause ist.

Scott "Scotty" Gabel erblickte das Licht der Welt im November 1958 in Brooklyn, New York. Seine Kindheit sei gut gewesen: "Wir haben viel auf der Straße gespielt. Wir waren alle gleich", erinnert sich der heute 62-Jährige an seine ersten Jahre. Schon früh bestimmte der Sport sein Leben. Vor allem Tennis und Baseball spielte er leidenschaftlich gern. Nebenbei arbeitete er im Supermarkt.

Schwarz gegen Weiß in der Schule

Scott Gabel ging auf die Port Richmond High School. Rassenkämpfe prägten den Alltag der Schüler, "es war Schwarz gegen Weiß", erzählt der gebürtige New Yorker mit amerikanischem Akzent. Scotty wollte sich aus den Prügeleien raushalten - auch weil er klein und schmächtig war.

Eines Tages eskalierte ein Streit. Gabel berichtet von einem "Food Fight" in der Schul-Cafeteria, der sich auf den Pausenhof verlagerte. Außenstehende, junge Männer bekamen die Auseinandersetzung mit, stürmten auf das Schul-Gelände, es kam zu einer Schießerei - vier Schüler starben.

Als Scotty 13 Jahre jung war, meldeten ihn seine Eltern auf der Susan E. Wagner High School an, die in einem besseren Viertel lag. Da sich nach Wohnort der Familie entschied, auf welche Schule die Kinder gingen, gaben die Gabels eine falsche Adresse für ihren Sohn an. Als der Schwindel aufflog, wurde Scott Gabel zurück auf die Port Richmond High School geschickt.

"Sport verbindet alles"

Schüchtern und ängstlich wollte der junge Tennisspieler seinen Spind in der Port-Richmond-Sportler-Umkleide beziehen, als ein kräftiger, dunkelhäutiger Junge seinen Schrank blockierte. Scotty brachte kaum ein Wort heraus, doch dann stellte sich der breite Football-Spieler vor. "‘Wenn Du ein Problem hast, dann sag Bescheid', meinte er. Und seitdem hatte ich nie wieder ein Problem. Wir sind immer noch auf Facebook befreundet", erzählt Gabel. "Man sagt: ‘Sport verbindet alles.' Das stimmt!"

Vier Jahre ging Scotty auf die High School. Im Anschluss hatte Gabel eigentlich ein Tennis-Stipendium an der Florida State University sicher, doch trotz der Zusage kam im letzten Moment die Absage. "Das war hart, da habe ich geheult", erinnert sich der 62-Jährige. "Es war mein Traum. Ich wollte Tennis-Spieler werden."

BWL und Tennis

Stattdessen studierte er vier Jahre BWL an der Business School in Manhattan, New York, und spielte nebenbei weiter Tennis. Auf Turnieren erzählte er, dass er nach Europa gehen wolle. "Europa ist für Amerikaner etwas Besonderes", erzählt Scotty. Im Fernsehen habe er deutsche Städte wie München und Lüneburg entdeckt. "Jede Stadt hatte eine Altstadt. Das fand ich geil."

Und so wurden 1981, als Scott Gabel 22 Jahre alt war, vier Männer aus Österreich und Deutschland, die Tennis-Schulen auf dem gesamten Kontinent betrieben, auf ihn aufmerksam und machten ihm ein Angebot: Einen Teil der Zeit solle er Training geben, die restliche Zeit dürfe er auf Turnieren spielen. Gabel unterschrieb für ein Jahr.

Der Amerikaner lebte mehrere Monate in Kitzbühel, Walchsee oder Fuerteventura. Nach zwölf Monaten musste er sich erneut entscheiden. "Ich hätte mit meinem BWL-Studium sofort im World Trade Center anfangen können", erzählt Gabel. Hätte er sich für diesen Weg entschieden, hätte er vielleicht auch in dem Bürokomplex gesessen, als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme flogen, die daraufhin einstürzten und tausende Menschen unter sich begruben. "Ich weiß das, aber ich bin niemand, der grübelt und sagt: Was wäre, wenn ...", erklärt der 62-Jährige.

Lieber in Europa bleiben

Gabel wollte damals noch nicht zurück nach New York, unterschrieb deshalb für ein weiteres Jahr bei den Österreichern. Auch danach war für ihn klar, er würde in Europa bleiben. "Ich wollte hauptberuflich etwas mit Tennis machen", erzählt Gabel. Für eine Karriere als Profi sei er aber nicht gut genug gewesen, "damit konnte ich kein Geld verdienen".

Stattdessen wählte der Amerikaner den Weg nach Deutschland: Er erfuhr, dass der HTC Blumenau in Hamburg-Schnelsen einen Tennis-Trainer suchte. Gabel packte die Gelegenheit beim Schopfe und heuerte an. Über gemeinsame Freunde lernte er in Hamburg seine Ehefrau Erika kennen. Drei Jahre blieb Gabel, 1988 kam Sohn Kevin zur Welt.

Dann erhielt er ein Job-Angebot für eine Trainer-Stelle in Pennsylvania. "Ich habe Deutschland verlassen, bin mit einem Container umgezogen und war zu Hause", beschreibt der Amerikaner seine Gefühle. In dieser Zeit wird Tochter Isabelle geboren.

Nur kurz in der Heimat

Doch es dauerte nicht lange, da flatterte die Trainer-Anfrage aus Cuxhaven ins Haus. 1992 - nur eineinhalb Jahre nach dem Umzug in die USA - war Gabel wieder in Deutschland. "Seitdem bin ich hier und jetzt habe ich zwei Zuhause", betont er. In Cuxhaven fühle er sich wohl, aber "ich finde es toll, in New York zu sein und sage immer noch: Ich bin New Yorker." Spielen die USA im Fußball gegen Deutschland, sei er für die Vereinigten Staaten - "sonst aber immer für Deutschland", versichert der Ami. Deutscher Staatsbürger ist Gabel nicht, weshalb er nicht in der Bundesrepublik wählen darf. Dafür müsse er seinen amerikanischen Pass abgeben, wozu er nicht bereit sei. In Cuxhaven sei er eigentlich noch Gast: "Ich musste mich anpassen." Das Wichtigste sei gewesen, die Sprache zu lernen.

An Cuxhaven schätze er den Mix aus Stadt und Natur. "Es ist keine ‘Big City'. Und ich finde die See und das Grün toll." Er könne sich "gut vorstellen, für immer hier zu bleiben" - auch wenn er nie daran gedacht habe, irgendwann mal auszuwandern. "Das ist was fürs Fernsehen", habe er immer über Auswanderer gedacht. Seine Emigration habe sich Stück für Stück ergeben. "Ich war alleine, hatte keine Kinder. Und dann hat sich alles so entwickelt." Seine Mutter sei von seinen Plänen damals nicht begeistert gewesen. "Sie wollte nicht, dass ich so weit weg bin, aber mein Vater hat gesagt: ‘Lass ihn gehen. Wenn etwas ist, kommt er eben zurück.'"

Digitalisierung hilft der Familie

Zwischenzeitlich sei der Kontakt in die Heimat schon mal etwas eingeschlafen gewesen. "Ich musste mal für ein 22-Minuten-Telefonat 75 Mark bezahlen. Das war mir zu teuer", erzählt Gabel schmunzelnd. Heutzutage spreche er dank Whatsapp und Video-Telefonie regelmäßig mit seiner Familie. Persönlich gesehen hat er seine Verwandten in den USA wegen der Corona-Pandemie aber seit zwei Jahren nicht mehr. Seine Eltern wohnen noch immer in New York, sein Bruder in New Jersey, seine Schwester in Florida.

Aber für Sommer 2022 hat Gabel schon eine Reise in die Heimat geplant. Gemeinsam mit vier Trainer-Kollegen und 26 Jugendlichen will er nach New York. "Das wird toll. Dann kann ich ihnen meine Heimat zeigen", sagt Gabel stolz.

Wiedersehen mit Sohn Kevin

Im "Big Apple" trifft der 62-Jährige auch Sohn Kevin wieder. Ironie des Schicksals: Der 33-Jährige ging den exakt umgekehrten Weg. Kevin Gabel verbrachte als Schüler ein Jahr in New York, kam bei seiner Großmutter unter. Anschließend studierte er an der Rutgers University in New Jersey BWL. Und wie es der Zufall so will, arbeitet Kevin Gabel heute als Tennistrainer in New York. Tochter Isabelle ist stellvertretende Leiterin einer Kita in Köln.

"Ich werde nie in Rente gehen", sagt der Berufstrainer Gabel. Solange er fit sei, wolle er dem Tennis erhalten bleiben. "Ich wache jeden Morgen auf und freue mich, zur Arbeit zu gehen", erzählt Gabel, der seine Erfahrung gerne weitergibt: Dank zweier gewonnener Quali-Runden beim Turnier am Hamburger Rothenbaum sammelte Gabel in seiner Karriere drei ATP-Punkte und stand zwischenzeitlich auf Platz 996 der Weltrangliste. "Das war geil", erzählt der Amerikaner stolz. "Aber ich war einfach nicht gut genug. Ich hatte Glück" - Glück, das ihn nach Cuxhaven gebracht hat.

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Joscha Kuczorra

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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