Rudolf Zimmermann mit Darine Akkad, "Brückenbauerin" zu den syrischen Familien im Stadtteil. Foto: Reese-Winne
Rudolf Zimmermann mit Darine Akkad, "Brückenbauerin" zu den syrischen Familien im Stadtteil. Foto: Reese-Winne
Rudolf Zimmermann

"Wir in Süderwisch": Interview über den Cuxhavener Stadtteil

03.10.2020

CUXHAVEN. Sein 20-jähriges Bestehen feiert in diesem Jahr der Stadtteilverein "Wir in Süderwisch" in Cuxhaven. Er ist längst eine feste Größe in einem Stadtteil, der seit Jahrzehnten auf der Suche nach seiner Identität ist.

Dass dies so gekommen ist, hat tatsächlich auch mit der deutschen Einheit zu tun, wie Rudolf Zimmermann, seit 20 Jahren 1. Vorsitzender des Vereins, im Gespräch mit Redakteurin Maren Reese-Winne erklärt. Er selbst hat sich seit 1997, als er selbst Bewohner des Viertels wurde, eingehend mit dessen Geschichte und Entwicklung befasst.

Herr Zimmermann, wie ist der Stadtteilverein eigentlich entstanden?

Pastor Hans-Christian Engler hatte im März 1997 zum ersten Mal einen runden Tisch für diejenigen, die im Stadtteil aktiv waren, initiiert. Danach wurde Sozialarbeiterin Elsbeth Bösch als erste ABM-Kraft für die Stadtteilarbeit angestellt. Sie fing mit Jugendangeboten wie einem Mittagstisch für Kinder an; für Jugendliche gab es unter anderem ein Graffiti-Projekt. Die Kirchengemeinde vermietete zusätzlich dem Kinderschutzbund ein Reihenhaus für die Kinder- und Jugendarbeit und im Juli 1998 gab es erstmals ein großes Stadtteilfest. Doch Pastor Engler selbst schlug irgendwann vor, dass sich die Initiative von der Kirche trennen sollte. Deshalb haben wir den Verein gegründet.

Diesen leiten Sie seit 20 Jahren ehrenamtlich als Vorsitzender. Woher kommen Ihre Motivation und Ihr Interesse am Stadtteil?

1997 waren wir in ein Haus in der Straße Am Siedelhof gezogen, die zwar auf der anderen Seite der Altenwalder Chaussee liegt, aber Süderwisch zuzuordnen ist. Ich war damals dem Stadtmagazin "Die Spitze" eng verbunden. Für eine Stadtteilserie schrieb ich über Süderwisch; einen Stadtteil, in dem viele Menschen nicht gerade zu den Privilegierten zählten. Ich betreute damals als Fachbereichsleiter der VHS auch die Angebote für den zweiten Bildungsweg und traf auch dort auf viele dieser Menschen. Ich wollte dort wie hier einen Beitrag für mehr Chancengleichheit leisten. Das hat sich im Kern bis heute nicht geändert. Ich finde, bürgerschaftliches Engagement ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Der Staat sieht viele Dinge nicht und macht sie auch einfach nicht.

Wie sah der Stadtteil Süderwisch damals aus?

Nach der Wende gab es in den Mehrfamilienhäusern plötzlich Riesen-Leerstände, bis zu 40 Prozent. Das war tatsächlich eine Folge der Wiedervereinigung. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde die NVA aufgelöst und die Bundeswehr reduziert. Gerade in Cuxhaven wurde viel Personal reduziert. Stabilität, die viele Zeitsoldaten und ihre Familien dem Viertel gegeben hatten, fiel plötzlich weg. Und so enorme Leerstände können Gettos entstehen lassen. Dann brauchte der Staat plötzlich Wohnraum für die Spätaussiedler aus Russland, Kasachstan und Kirgisistan. Sie wurden in diesem Viertel konzentriert, um dann festzustellen: Hier waren sie plötzlich immer nur die Russen, während sie früher immer nur die Deutschen gewesen waren. Das führte zu Konflikten. Damals haben wir mit Sprachkursen angefangen, weil es noch keine Integrationskurse gab. Es waren zu allererst die Frauen, die das Leben dann angepackt haben.

Zuwanderung hat das Viertel immer geprägt. Nach der Eröffnung der Süderwischschule 1955 zogen vor allem aus den Ostgebieten geflüchtete Familien in die Pommernstraße und die seitlich davon entstehenden Straßen. Zu den Spätaussiedlern kamen im Jugoslawienkrieg wieder Flüchtlinge hinzu, vor allem aber ab 2015. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Während es für die Spätaussiedler von Anfang an klar war, dass sie hierbleiben dürfen, sieht das für viele heute ganz anders aus. Sie haben keine Bleibeperspektive. Und doch bleibt die Sehnsucht, es zu schaffen und den Kindern eine Zukunft zu bieten. Das motiviert mich heute noch stärker als früher: Wir müssen aufhören, die Diversität als Problem zu sehen. 250 Syrer im Stadtteil, das sehe ich als Gewinn.

Wie erleben Sie das?

Es ist beeindruckend, wie schnell die Kinder sich integrieren. Vielleicht lernen sie zu schätzen, dass man hier seine Meinung sagen kann. Wir versuchen, auch den Erwachsenen eine Perspektive zu bieten. Das heißt nicht, alles zu ändern. Man kann auch akzeptieren lernen, dass man anders ist. Wir haben es genau richtig gemacht, Darine Akkad als Brückenbauerin zu beschäftigen. Sie hat einen engen Draht zu den syrischen Familien.

Aber in Süderwisch leben noch viel mehr Nationalitäten.

Ja, in der Schule, in der ja auch Kinder aus dem Lehfeld unterrichtet werden, sollen es knapp 50 Nationalitäten sein. Wir haben hier erst mal ganz viele Deutsche, dann sind stark die Syrer vertreten, aber auch die Portugiesen, darüber hinaus vor allem Türken beziehungsweise Kurden, Afghanen, Rumänen und Bulgaren. Die sind nicht leicht zusammenzubringen, allein wegen der sprachlichen Hürden. Wie haben zu Beginn unserer Frauengruppe im Begegnungszentrum deshalb ganz viel Theater gespielt, in denen die Frauen ihre Lebenssituationen nachgestellt haben. Kinder sind oft die Dolmetscher. Aber viele Erwachsene bemühen sich auch selber.

Schon 1999 wurde in der "Spitze" das Problem der mangelnden Identifikation mit dem Viertel geschildert. Und schon damals wurde beklagt, dass es mit der Infrastruktur abwärts geht. "Früher hatten wir vier Kneipen, zwei Schlachter, Läden, zwei Bäckereien, eine Drogerie, eine Poststelle", hieß es da. Alles, was den Charakter eines Dorfes ausmache, sei inzwischen verloren gegangen. Wohlgemerkt, dies wurde schon vor 21 Jahren so beschrieben! Wie ist es weitergegangen?

Leider mit immer mehr Schließungen. Der russische Laden in unserer Ladenzeile, der Aldi- und später der Penny-Markt, der Friseur, der Bäckerwagen - ein ganz wichtiger Treffpunkt für einen Kaffee! - und die Stadtsparkasse - alles weg. Es fehlen die Begegnungspunkte. Die Nahversorgung ist für die Bewohnerinnen und Bewohner ein ganz großes Thema. Als Oberbürgermeister Uwe Santjer zu seiner ersten Sprechstunde ins Viertel gekommen ist, wurde dies als Allererstes angesprochen.

Welche Hoffnungen verknüpfen die Menschen mit dem neuem Lebensmittelladen, der sich im ehemaligen Penny-Markt ansiedeln soll?

Sicherlich sehr große. Viele der Anwohner hier haben wenig Geld und auch oft kein Auto. Da bedeutet so ein Geschäft Lebensqualität, zumal dort ja wohl auch eine Café-Ecke eingerichtet werden soll. Es ist spannend zu erleben, welches Angebot der zukünftige Betreiber, es soll ein Türke aus Stade sein, wohl etablieren wird und ob er zu einem Teilversorger für den Stadtteil werden kann.

Gleich gegenüber befindet sich heute gut sichtbar das Begegnungszentrum. Aber angefangen haben Sie in einer Wohnung im Hochhaus in der Küddowstraße.

Genau. In der Küddowstraße 11 hatte uns der Bauträger Baubecon kostenlos eine Wohnung zu Verfügung gestellt. Nachdem wir ohne öffentliche Mittel angefangen hatten, erhielten wir bis 2006 eine Förderung aus Mitteln der Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte. Eigentlich fördert diese keine Personalkosten; unser Konzept führte aber zu einer von nur drei Ausnahmen in ganz Niedersachsen. Seit 2007 erhalten wir städtische Mittel als Pauschalzuschuss. 2014 sind wir dann als Untermieter der Stadt, die die Räume von der "Siedlung" mietet, mit dem Begegnungszentrum an den Schneidemühlplatz gezogen.

Was hat sich seither an Angeboten entwickelt?

Wir haben fünf Sportgruppen, ganz klassisch: Die Männer spielen Fußball, die Frauen tanzen (lacht). Wir haben schon große Feste gefeiert und begehen im Wechsel mit dem Lehfeld alle zwei Jahre den Tag der Städtebauförderung. Ebenfalls alle zwei Jahre gibt es am 3. Advent den Budenzauber vor der Gnadenkirche, wir hatten schon Faschingsfeiern und freuen uns über unser ein rege genutztes Seniorencafé. Wegen Corona haben wir uns zuletzt einfach im Garten hinter dem Haus getroffen, da kamen über 30 Leute, ganz toll. Darine Akkad bietet einen Nähtreff und eine Frauengruppe an, wir haben aber auch einen Männertreff und für Kinder und Jugendliche Ferienprogramme in den Oster-, Sommer- und Herbstferien, Schularbeitenhilfe und Nachhilfe. Für das Offene Herz Altenwalde stellen wir Räume für Sprachkurse zur Verfügung. Unsere Kooperationsfähigkeit sehe ich überhaupt als eine unserer großen Stärken.

Für viele bestimmt unerwarteterweise gibt es ja nicht nur Deutsch-, sondern auch Arabischkurse. Was hat es damit auf sich?

Mittlerweile lernen 60 Kinder bei uns Arabisch. Der muttersprachliche Unterricht wäre eigentlich Aufgabe des Schulträgers. Darine Akkad bringt langjährige Erfahrung in dieser Arbeit mit. Viele Eltern haben Sorge, dass ihre Kinder ihre Herkunftssprache verlernen.

Nachdem das Städtebauförderungsprogramm "Soziale Stadt" überaus erfolgreich im Lehfeld etabliert worden ist, ist inzwischen auch der Stadtteil Süderwisch in dieses Förderprogramm aufgenommen worden ...

... dass es dazu gekommen ist, sehe ich auch mit als unseren Verdienst. Wir haben deutlich gemacht, dass man sich um diesen Stadtteil bemühen muss. Wir hoffen, dass jetzt die Strukturentwicklung vorangetrieben wird. Natürlich ist es schön, dass die ersten Straßen schon erneuert worden sind, aber wir brauchen unbedingt auch die Bürgerbeteiligung, die das Programm ja im Lehfeld so besonders prägt. Die Menschen müssen sich aktiv einbringen und ihre Bedürfnisse nennen.

Zum Programm zählt auch die Aufwertung des Wohnumfelds. Als großes Problem wird dabei immer genannt, dass es schwer ist, an die unterschiedlichen Vermietungsgesellschaften, teils irgendwo in Übersee, heranzukommen.

Das stimmt. Aber zu einer der ganz großen konnten wir jetzt einen Kontakt aufbauen. Ich sehe uns da am Beginn einer Zusammenarbeit. Es ist schon über regelmäßige Sozialsprechstunden gesprochen worden.

In Sichtweite des Viertels entsteht, allerdings mit Zufahrt vom Bäderring aus, derzeit das Neubaugebiet "Südlich Westerwischstrom". Ist das eine Chance für mehr Integration und Vermischung im Stadtteil?

Immerhin ist eine Verbindung von der Pommernstraße zum neuen Kindergarten der AWO im Rudolf-Kinau-Weg geplant. Das Gebiet wird gut angenommen. Ich glaube aber nicht, dass das Zusammenwachsen automatisch funktionieren wird.

Zur Person

Rudolf Zimmermann (70) stammt aus Alfeld an der Leine (Raum Südhannover) und studierte in Göttingen. 1979 kam er als Sozialwirt nach Cuxhaven, um an der Volkshochschule der Stadt als Fachbereichsleiter die Bereiche 2. Bildungsweg, berufliche Bildung und politische Bildung zu betreuen. Seine politische Heimat sind die Grünen, für die er unter anderem im Cuxhavener Kreistag vertreten war. Rudolf Zimmermann ist mit Beate Haas-Heinrich verheiratet.

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