Wirtschaftsmotor Wasserstoff? Warum Cuxhaven darauf setzt
CUXHAVEN. Windparks liefern den Wasserstoff, den Deutschland in den kommenden Jahrzehnten brauchen wird. Davon wird auch Cuxhaven profitieren - davon sind die Führungskräfte der Stadt jedenfalls überzeugt.
Allen Wasserstoff, den Deutschland in den kommenden Jahrzehnten beim Umbau seiner Energieversorgung brauchen wird, werden Windparks in Nord- und Ostsee nicht liefern können. Allerdings einen großen Teil. Das wird den Norden und insbesondere Cuxhaven als Hafenstadt mit seiner idealen Lage zu den Windparks in der Deutschen Bucht wirtschaftlich einen großen Schritt voranbringen. Davon sind Oberbürgermeister Uwe Santjer (SPD) und der Leiter der Agentur für Wirtschaftsförderung, Marc Itgen, überzeugt. Über die Chancen und Möglichkeiten wollen die Stadt und mehrere lokale Beteiligte im Rahmen einer "Woche des Wasserstoffs" vom 12. bis zum 20. Juni informieren.
Viele noch in Planungsphase
Im Rahmen der vom Netzwerk H2-Mobility initiierten "Woche des Wasserstoffs Nord" sollen besonders die Standortvorteile von Cuxhaven, die bereits laufenden Aktivitäten rund um das Thema Wasserstoff, aber auch Zukunftsperspektiven herausgestellt werden. "Wir wollen in dieser frühen Phase Interessierte verbinden und Netzwerke schaffen", sagt Marc Itgen, der mit seinem Team bereits umfangreiche Vorarbeit auf diesem Feld geleistet hat.
Das Problem: Derzeit befinden sich die meisten Projekte noch in der Planungsphase. Vorzeigbares, abgesehen vom Wasserstoffzug und wenigen wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen, gibt es wenig.
Cuxhaven vorne mit dabei
Das wird sich ändern. Die Stadt Cuxhaven spielt den Vorreiter und nutzt Fördermittel des Bundes, um die eigene Fahrzeugflotte - wo sinnvoll - Stück für Stück von Diesel auf Wasserstoff umzurüsten. Ein Anfang ist gemacht mit dem kürzlich in Dienst gestellten neuen Einsatzleitfahrzeug der Feuerwehr. Das erste Müllfahrzeug mit Wasserstoffantrieb ist bestellt, sagt Santjer. Weit mehr Potenzial dürfte allerdings in der Umrüstung von Lkw, Baggern, Gabelstapler usw. der örtlichen Betriebe liegen. "Interesse an 60 mobilen Einheiten" habe er von örtlichen Betrieben aus dem Hafen- und Logistik-Gewerbe bereits gemeldet bekommen, erklärt Wirtschaftsförderer Itgen. Und dann braucht es natürlich eine Wasserstoff-Tankstelle für das Brennstoffzellen-Fahrzeug, die es bisher nur in Bremerhaven gibt. Der Tankvorgang an sich ist kein Problem. Innerhalb von drei bis fünf Minuten ist der Tank voll. Abgerechnet wird nach Kilogramm. Zum Preis von 9,50 Euro kommt ein Pkw rund 100 Kilometer weit.
Schwerpunkt Hafengewerbe
Allerdings sind sich die Fachleute darin einig, dass sich der Wasserstoffantrieb nur für große schwere Einheiten wie Lkw, Busse, Bahnen usw. eignet. Deshalb legt Itgen den Schwerpunkt in der Startphase auch auf das Speditions- und Hafengewerbe. Die Bundesregierung fördert mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket auch den Bau von Tankstellen, von denen es bundesweit bisher erst 104 gibt. Auch Cuxhaven bewirbt sich um eine Wasserstoff-Tankstelle, deren Standort noch gesucht wird, sich aber im Bereich der östlichen Industrieflächen befinden sollte. "In dieser Sache sind wir im Gespräch mit der EWE", verrät Itgen.
Drehscheibe für Energie
Im Wettbewerb um Fördermittel will sich Cuxhaven zusammen mit einem Netzwerk von Unternehmen und Interessengruppen auch künftig um Fördermittel bewerben, um Infrastruktur für die Produktion (Elektrolyseur) und Lagerung von Wasserstoff aufzubauen und den Hafen als Drehscheibe möglichst gut zu positionieren. Als erstes Schiff werde die Versorgungseinheit für die Bohrinsel Mittelplate von der EnTec GmbH (Helgoländer Kai) dank Förderbescheid bis 2022 von Diesel auf Wasserstoff umgerüstet. Außerdem werde auch über die Produktion von Wasserstoff nachgedacht, so Itjen.
Anlagen in Cuxhaven produzieren
Das große Geschäft wird in den kommenden Jahrzehnten nach Einschätzungen von Fachleuten mit neuen Windparks in der Nordsee gemacht, die dann für die Produktion von Wasserstoff an Ort und Stelle ausgelegt sein werden. Dazu bedarf es nach Einschätzung Itgens stärkerer Gründungsrohre, 130 Meter lang, über elf Meter im Durchmesser und 2500 Tonnen schwer, die auch in Cuxhaven produziert werden könnten. Die Anlagen bräuchten keinen Netzanschluss mehr. Der aus dem Strom vor Ort produzierte Wasserstoff wird in der Hochlaufphase vermutlich in speziellen Containern abgeholt werden, bevor eine Pipeline von Helgoland zum Festland gebaut sein wird. Unter anderem an der Vision einer Energieinsel in der Elbe arbeiten vier Ingenieure, darunter Lutz Machulez-Hellberg, die sich zu einer Bürogemeinschaft im umgebauten Restaurant "Seestern" zusammengetan haben, die am 18. Juni offiziell startet.