25 Jahre Jugendhilfe Kappelmann-Fischer in Cuxhaven: "Kein Kind fallen lassen"
Cuxhaven. "Das Dach ist schief und die Fenster sind rund, aber ich komme trotzdem gern" - so kommentierte mal ein Kind das Domizil "Jugendburg" unweit der Einkaufsmärkte in der Brockeswalder Chaussee in Cuxhaven.
Das große gelbe Haus ist das wohl bekannte Symbol der Jugendhilfe Kappelmann-Fischer, die in 25 Jahren eine turbulente Entwicklung genommen hat und aus dem Jugendhilfe-Gefüge der Region nicht mehr wegzudenken ist. Das Jubiläum wurde kürzlich mit Gästen und Vertretungen der Standorte gefeiert. Dabei begrüßten Reinhard Kappelmann-Fischer, Carla Fischer und die Söhne Hauke und Steffen Fischer auch Wegbegleiter aus dem früheren Jugendamt der Stadt wie den ehemaligen Amtsleiter Wilhelm Scharpen.
Der hatte den Stein ins Rollen gebracht, als er den langjährigen Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes Reinhard Kappelmann-Fischer ermutigte, als freier Träger in der Jugendhilfe seine erste Tagesgruppe mit sechs Plätzen als Bindeglied zwischen ambulanten Hilfen und stationärer Betreuung zu eröffnen. Das war in der Brockeswalder Chaussee 17. "In toller Nachbarschaft konnten sich die Kinder zum Positiven entwickeln", stellte Kappelmann-Fischer fest, und so reifte bald die Idee zum Bau der "Jugendburg" am Rande des Neubaugebiets Westlich Meierhof.
Strukturen bieten und Mut für Veränderungen machen
Wut, Ärger, Trauer, Freude leben zu dürfen, positives Selbstwertgefühl aufzubauen, den Kopf frei zu bekommen, um Neues anzufangen: Kindern und Jugendlichen solche Perspektiven zu geben, ist damals wie heute Ziel der Betreuungsangebote. Der Leitsatz "Niemand wird hier fallen gelassen" fiel schon in den ersten Pressegesprächen. Die Kinder anzunehmen, wie sie seien, sei der Schlüssel: "Positive Veränderungen gibt es nur, wenn alle dasselbe Ziel verfolgen." Dazu gehöre ausdrücklich die Zusammenarbeit mit Behörden und Institutionen, so der Gründer. Als 2007 die Zuständigkeit für die Jugendhilfe zum Landkreis wechselte, seien die freien Träger wertschätzend aufgenommen worden.
Hauke Fischer führte zurück in die Geschichte. Dem Beginn 1997 in der Brockeswalder Chaussee folgte 1999 die Tagesgruppe Jugendburg. 2002 eröffnete im Siedelhof eine heilpädagogische Wochengruppe. "Die enge Anbindung an die Familie bleibt erhalten", erklärte Hauke Fischer, aber die Wohngruppe bilde ebenso einen familiären Wohlfühlort. Bewusst befänden sich die Standorte deshalb auch in Wohngebieten. 2004 schlossen sich die Eröffnung einer Tagesgruppe und 2005 die einer Wohngruppe in der Lüderitzstraße an.
Zermürbender Start mit Schlagzeilen und Rechtsstreit
Mit der beabsichtigten Erweiterung nach Dorum in einen Neubau für eine Tages- und eine Wohngruppe ("Dorum-West") begann eine aufreibende Zeit. Anwohner wandten sich in Erwartung vermeintlicher jugendlicher Straftäter an eine große Boulevard-Zeitung, die in großen Lettern verkündete: "Ein Dorf hat Angst". Das riesige Symbolbild eines mit einem Messer bewaffneten Jugendlichen neben dem Artikel und der Begriff "Kindergangster" brachten dem Blatt eine öffentliche Rüge des Deutschen Presserats ein, der schwere Verstöße gegen den Pressekodex feststellte und die Berichterstattung als "diskriminierend, einseitig, unangemessen und unwahrhaftig" abkanzelte. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg stellte schließlich die Rechtmäßigkeit des Bauvorhabens fest. 2009 kam eine heilpädagogische Wohngruppe in Dorum-Ost hinzu und heute sei der Rückhalt aus dem Dorf da, so Fischer. Der Satz, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, bekomme hier eine besondere Tragweite.
Nach der intensiven Betreuung nicht sich selbst überlassen
Im Jahr 2012 folgte die Ausweitung nach Bremen. Fußläufig zur einer heilpädagogischen Wohngruppe wurden bald Appartements für junge Leute bereitgestellt, die den Betreuungsgruppen entwachsen sind, aber noch Begleitung benötigen. Dies mündete 2015 ins betreute Jugendwohnen, das in der Flüchtlingskrise auch im Kreis Cuxhaen unbegleiteten Jugendlichen Orientierung und Integration ermöglichte. Friedhelm Ottens, Erster Kreisrat und Sozialdezernent des Landkreises Cuxhaven, bedankte sich für die Flexibilität und nachhaltige Betreuung: "Dieser Zeitstrahl endet nicht", kündigte er an. "Weitere Ideen werden und müssen kommen." "Die Jugendarbeit vor Ort ist bedeutender denn je", bekräftigte die Cuxhavener Bürgermeisterin Christine Babacé. Junge Menschen dürften in Krisenzeiten oder in schwierigen Familienverhältnissen nicht sich selbst überlassen werden. Wertschätzende Begleitung ermögliche ihnen, soziale Kompetenz und ihre Persönlichkeit zu entwickeln, um so Chancengleichheit zu erfahren.
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