Kultusministerin Julia Willie Hamburg machte auf der 80. Pädagogischen Woche in Duhnen deutlich, dass es Recht und Aufgabe der Schule ist, eine klare Position für die Wahrung der Grundrechte einzunehmen. Foto: Reese-Winne
Kultusministerin Julia Willie Hamburg machte auf der 80. Pädagogischen Woche in Duhnen deutlich, dass es Recht und Aufgabe der Schule ist, eine klare Position für die Wahrung der Grundrechte einzunehmen. Foto: Reese-Winne
Verantwortung und Tradition

80. Pädagogische Woche in Duhnen: Kein Maulkorb für Lehrkräfte beim Thema Demokratie

von Maren Reese-Winne | 11.11.2025

Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg gelang in Cuxhaven ein Kunststück, das bisher längst nicht allen Vorgängerinnen und Vorgängern gelungen ist. Gleich am ersten Tag bekamen die Lehrkräfte Rückendeckung bei einem richtigen Thema. 

Eine Bildungsveranstaltung wie die Pädagogische Woche - eine Woche, ein Thema - ist in Deutschland einzigartig. Mit ihren Impulsen strahlt sie weit über die Grenzen Cuxhavens und Niedersachsens hinaus. Auch ihre Beständigkeit sucht ihresgleichen: Am Montag wurde die 80. Auflage der Traditionsveranstaltung in Duhnen eröffnet. Gewürdigt wurde dies auch von Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg.  

Nur in den Jahren der Nazi-Diktatur, den ersten beiden Nachkriegsjahren sowie der Corona-Pandemie (2020) war die Reihe unterbrochen, die mit der Auftaktveranstaltung des Bezirkslehrervereins Stade im Jahr 1930 auf Initiative von Karl Engelage begonnen hatte. Schon damals richtete sich der Blick der Teilnehmer außer auf erziehungswissenschaftliche und schulrechtliche Themen auch auf die Welt- und Wirtschaftspolitik. 1948 wurde in dem Bewusstsein, dass Fortbildung und Gewerkschaftsarbeit zusammengehören, die Reihe der Pädagogischen Wochen wieder aufgenommen. Seit 1951 findet sie immer in Cuxhaven statt (meist in Duhnen, dazwischen auch im Hotel Seepavillon). 

Immer wieder wurde dabei intensiv über das Thema Demokratie und die Rolle der Schule diskutiert. Wie auch in diesem Jahr. Das Thema "Demokratie leben! Schützen, stärken, ausbauen" scheint größere Aktualität angenommen zu haben als je zuvor. Zwischen offen ausgelebtem Rechtsextremismus auf den Schulfluren und einer Zerrissenheit darüber, ob sie Position beziehen dürfen, verlangt es Lehrkräfte nach Rückendeckung. 

Eine Bewegung, die sich angekündigt hat

Mit ihrem geschichtlichen Exkurs erzeugte Karina Krell, Vorsitzende des Bezirksverbands Lüneburg der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Nachdenklichkeit: "Wenn es sich so lange angekündigt hat, warum sind wir dann noch nicht weiter?" Für ihre Einstimmung und die aktuell im Hotel Seelust zu sehende Ausstellung hatten sich Karina Krell und Rani Benter bewusst auf die bisherigen Veranstaltungen mit dem ausdrücklichen Thema Demokratie konzentriert und Erstaunliches herausgefunden: Zum Beispiel, dass schon 1965 die Gesamtschule als Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit gefordert wurde, 1986 leidenschaftlich über Politik in der Schule gestritten und 1990 vor "schrillen nationalistischen Tönen" und einem Vormarsch des Nationalismus in allen europäischen Ländern gewarnt wurde.

Karina Krell, Bezirksvorsitzende des GEW-Bezirksverbands Lüneburg, stellte in ihrem Eingangsstatement die Verbindung von damals und heute her.

2002 wurde der Rückmarsch in der politischen Bildung angeprangert: "Weil politische Mündigkeit offensichtlich nicht mehr gewünscht war." Doch gerade, um Demokratie zu leben, gehöre Streiten und Diskutieren in der Schule dazu, so Karina Krell; und der richtige Ort dafür sei eine Schule für alle, die Bildungsgerechtigkeit fördere und Armut bekämpfe.

Cuxhavens Bürgermeister Thomas Brunken forderte in seinem Grußwort die politische Mitte zu mehr Einigkeit und Abgrenzung zu den politischen Extremen an den Rändern auf, während es Regionalbischöfin Sabine Preuschoff (gerade eine Woche im Amt) zu den Verpflichtungen der Schule und der Kirche gleichermaßen zählte, sich zu Missständen zu äußern und die Stimme zu erheben, wenn Grundrechte wie Gleichberechtigung und Menschenwürde mit Füßen getreten würden. "Es geht um die Haltung", so Landeselternratsvorsitzende Miriam Kaschel. Kinder und Jugendliche müssten in den Schulen sichere Orte vorfinden, die ihnen Kompetenzen und Rückgrat verliehen.

"Sie gehen mit gutem Vorbild voran"

Die in der Pause eingetroffene Kultusministerin Julia Willie Hamburg schaffte mit ihrem Eingangsstatement ein Kunststück, das längst nicht alle Amtsvorgängerinnen und -vorgänger bei Pädagogischen Wochen hinbekommen haben: Sie erntete Dank und Anerkennung der Anwesenden. Die Ministerin hob die Haltung hervor, die viele Lehrkräfte für die Förderung und Verteidigung der Demokratie einnähmen. Das sei in diesen Zeiten enorm wichtig.

Die Reihen waren voll und die Diskussionsbereitschaft hoch beim Auftakt der 80. Pädagogischen Woche.

Als erstes Bundesland habe Niedersachsen einen Erlass zur Demokratiebildung auf den Weg gebracht. Das Verstummen der demokratischen Gesellschaft stufte die Grünen-Politikerin als hochgefährlich ein. Viele Schulen hätten sich daher dankenswerterweise auf den Weg gemacht, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen, was in unterschiedlich geprägten Schulgemeinschaften keineswegs einfach sei.

"Wer Haltung zeigt, braucht Halt", bekräftigte Elina Stock aus dem GEW-Hauptvorstand. Selbstverständlich hätten Lehrkräfte das Recht und die Pflicht, Angriffen auf die Grundrechte zu widersprechen. "Haltung zu zeigen, heißt nicht, andere mundtot zu machen, sondern Kindern und Jugendlichen Respekt, Empathie und Zivilcourage vorzuleben." Am die Kultusministerin gerichtet, konstatierte sie: "Sie gehen mit gutem Vorbild voran. Das ist die Form von Haltung und Rückendeckung, die es von Politik und Behörden braucht."

Über die Eindrücke aus der Praxis, die der GEW-Landesvorsitzende Stefan Störmer anstatt einer Grundsatzrede mitgebracht hatte, wird noch zu berichten sein. Soviel schon jetzt: Vorsicht vor dem Algorithmus. Eine von vielen Baustellen in Bildung und Gesellschaft, die längst nicht ausgeräumt sind und natürlich nicht unerwähnt blieben, allen voran Unterfinanzierung, Personalmangel und Bildungsungerechtigkeit. 

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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