Ausstellung an den BBS Cuxhaven erinnert eindrücklich an NSU-Opfer
Die Ausstellung "Mein Vater - Opfer des NSU" an den BBS Cuxhaven stellt die Opfer der Morde in den Mittelpunkt. Schülerinnen und Schüler führen als "Peer Guides" durch die Inhalte und regen Gespräche über Rassismus, Erinnerung und Verantwortung an.
Acht Schüsse beenden ein Leben. Enver Şimşek steht am 9. September 2000 in seinem Blumenladen, und vertritt einen Mitarbeiter. Ein gewöhnlicher Arbeitstag. Wenig später ist er tot. Sein Sohn erfährt im Internat davon. Ein Anruf, der alles verändert.
Şimşek ist das erste Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), einer rechtsextremen Terrorgruppe, die zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordet. Eine Mordserie, die lange nicht als solche erkannt wird. Weil die Ermittlungen in eine andere Richtung gehen. Weil rassistische Motive übersehen werden.
Genau hier setzt die Ausstellung an, die jetzt an den BBS Cuxhaven zu sehen ist. "Mein Vater - Opfer des NSU" rückt die Perspektive zurecht. Weg von den Tätern. Hin zu den Menschen, deren Leben gewaltsam endete.
In Zusammenarbeit mit der Theatergruppe Scheselong vom Brandenburgischen Kulturverbund hat das Berufliche Gymnasium Gesundheit und Soziales 2025 (BGSoz25) die Ausstellung organisiert.
Schülerinnen und Schüler führen als sogenannte "Peer Guides" durch die Inhalte, die sie sich selbst an zwei Tagen mit der Theatergruppe erarbeitet haben. "Peer Guides" sind geschulte Gleichaltrige, die andere Menschen auf Augenhöhe beraten, begleiten oder unterstützen. "Die Schülergruppen kommen anders ins Gespräch, als es mit Lehrkräften der Fall wäre", erklärt Politiklehrer Christian Kuck. Die Führungen dauern zwischen 45 und 90 Minuten.

Lernen auf Augenhöhe
Die Theatergruppe ist nicht zum ersten Mal an den BBS zu Gast. Bereits in der Vergangenheit hat sie mit Inszenierungen Impulse gesetzt. Nun übernehmen die Jugendlichen selbst die Vermittlung.
Mio (16 Jahre) und Jan (17 Jahre) stehen an der ersten Station: "Nationalsozialistischer Untergrund - Wer, wann, was, warum?" Vor den zwei Tagen mit der Theatergruppe wussten sie grob, worum es geht. Jetzt kennen sie Namen. Geschichten. Zusammenhänge. "Wir haben einen viel tieferen Einblick bekommen", sagen sie.
Im Zentrum der Ausstellung stehen die Opfer. Auf Stellwänden werden sie einzeln vorgestellt. Wer sie waren. Wie sie lebten. Und wie sie starben.
Die zehn Opfer des NSU
Die erste Schülergruppe, die durch die Ausstellung geht, hat bisher kaum vom NSU gehört. Mio und Jan kommen mit ihnen ins Gespräch. Sie sagen nicht nur, dass sie gut vorbereitet sind- sie sind es und gehen auf viele Fragen ein.
Neun weitere Menschen folgen auf Enver Şimşek und werden Opfer des NSU. Acht von ihnen werden aus rassistischen Motiven ermordet. Auch eine Polizistin gehört zu den Opfern.
Lange Zeit geraten nicht die Täter in den Fokus der Ermittlungen, sondern die Opfer selbst. Ihre Familien. Ihr Umfeld. Hinweise auf rechtsextreme Hintergründe werden nicht konsequent verfolgt.

Worte, die verletzen
An einer Station geht es um Sprache. Zwei Schülerinnen, die durch die Ausstellung führen wollen, wissen, was die anderen mit dem Begriff 'Döner-Morde‘ verbinden? "Dass jemand Hass auf Türken hat", sagt ein Jugendlicher.
2011 wird der Begriff zum "Unwort des Jahres" erklärt. Er verharmlost die Taten des NSU und reduziert die Opfer auf ein Klischee. Tatsächlich hatten nur zwei von ihnen in einem Dönerladen gearbeitet.
Die Ausstellung spannt den Bogen weiter zurück. Zum Marshallplan. Zum Wirtschaftswunder. Zur Anwerbung sogenannter Gastarbeiter. Viele kommen für kurze Zeit. Bleiben dann doch. Arbeiten, leben und gründen Familien.
"Das türkische Wort "Gurbet" beschreibt dieses Leben in der Ferne. In der Fremde", erklärt einer der Schüler. Für viele wird es zum Synonym für Deutschland.
Zwischen den Stellwänden wird es leise. Kleine Gruppen stehen zusammen. Lesen. Diskutieren. "Das ist krass", flüstert eine Schülerin. "Gänsehaut", sagt ihre Freundin.
Ein Moment, der zeigt, worum es hier geht. Nicht nur um Wissen. Sondern um Verstehen.