Bekannter Insektenforscher in Cuxhaven: "Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen"
In Cuxhaven offenbart der Insektenforscher Thomas Hörren das stille Drama des Artensterbens. Vorträge und Diskussionen rütteln auf und verdeutlichen die Dringlichkeit des Handelns für den Erhalt der Biodiversität.
An dieses Phänomen erinnern sich die meisten: Nach langen Autofahrten war angesichts der massenweise auf der Windschutzscheibe klebenden Insekten oft kein Durchblick mehr. Heute ist das anders. Diese Alltagssituation gibt auch Laien ein Gefühl dafür, wie viele Insektenarten und -exemplare in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus unserer Umgebung verschwunden sind.
Eine aufrüttelnde wissenschaftliche Basis dafür bildete vor neun Jahren die Krefelder Studie zum Insektensterben. Einer der Mitautoren, Thomas Hörren, war in diesen Tagen in Cuxhaven zu Gast. Rund 700 Personen kamen zu seinen Vorträgen und Wanderungen. Initiatoren der mehrtägigen Vortragsreihe waren der Imkerverein Cuxhaven und Umgegend, das Amandus-Abendroth-Gymnasium (AAG) und der Naturschutzbund Cuxhaven.
Nach zwei Schulvorträgen war die Aula des Amandus-Abendroth-Gymnasiums am Montagabend ein drittes Mal sehr gut besetzt. Da hatte ein stundenlanger Stromausfall in der gesamten Schule schon für reichlich Nervenkitzel gesorgt. Dank Notbeleuchtung konnte die Veranstaltung dann doch noch stattfinden und mitten im Vortrag sprang dann auch der Strom wieder an.
"Wie ein Atomschlag, nur leiser"
Mit dem von ihr selbst am Klavier begleiteten und durch eine Schülerin gesungenen Klassiker "What a wonderful world" führte Schulleiterin Juliane Kahle dem Publikum symbolisch die Verletzlichkeit unserer Welt vor Augen - einer Welt, die auf biologischer Vielfalt beruhe. Die Auswirkungen des Insektensterbens glichen einem Atomschlag, "nur leiser".

"Die Biodiversität ist ein Wert wie kein anderer auf unserem Planeten", unterstrich auch Dr. Benedikt Wiggering von der Nationalparkverwaltung Niedersachsen in Wilhelmshaven. Die Zivilisation habe der Biodiversität (Artenreichtum) allerdings nur wenig Raum gelassen; einer davon sei der in diesem Jahr seit 40 Jahren bestehende Nationalpark Wattenmeer mit rund 12.000 dort nachgewiesenen Arten. Während die Schutzbemühungen dort Wirkung zeigten, befinde sich die Artenvielfalt anderenorts in einer tiefen Krise: Die Erde befinde sich mitten im sechsten großen Artensterben ihrer Geschichte.
Thomas Hörren verstand es, auf eine leichte Weise Zugang zu dem komplexen und ernsten Thema zu vermitteln. Schon sein Name bei Instagram spricht dafür: "@totholz.thomas". Der Rat des Entomologen (Insektenkundlers), ist bundesweit gefragt. Hörren ist gleichzeitig Vorsitzender des Entomologischen Vereins Krefeld. Dessen größter Schatz ist seine Sammlung von rund 2,5 Millionen Insekten (bewegliches Denkmal der Stadt Krefeld), die in über 140 Jahren zusammengetragen wurden. Was vor 100 Jahren als Hobby praktiziert wurde, liefert heute wertvolle Vergleichsdaten.

Das Schwinden der biologischen Vielfalt in Deutschland sei allgegenwärtig, so Hörren. Doch wie krass es wirklich ist, zeigte erstmals in dieser Form die Krefelder Studie, für die die Biomasse gefangener Insekten gewogen und mit den über Jahrzehnte hinweg standhaft vor der Vernichtung bewahrten Proben der Sammlung verglichen wurde. Kaum war das aufrüttelnde Ergebnis veröffentlicht - ein Verlust von rund 75 Prozent der Fluginsekten in Deutschland im Zeitraum von 1993 bis 2016 -, begann ein Medienansturm, wie ihn die Krefelder noch nicht erlebt hatten. Weltweit wurde in namhaften Publikationen berichtet.
Nur einen wirklichen Kurswechsel zum Schutz von Lebensräumen - extensivere Landwirtschaft, Entsiegelung, vielfältiges Nahrungsangebot - vermochten Thomas Hörren und seine Kollegen bislang nicht zu erkennen. "Selbst das Klugheitsargument - wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen - zählt nicht", so Hörren. Entscheiderinnen und Entscheider wüssten, was vor sich gehe und entschieden sich dann doch wieder gegen ein Eingreifen. "Haben wir Reichtum gegen Geld eingetauscht?", fragte der Referent.

Mit positiven Erfahrungen verbinden
Handeln auf allen Ebenen funktioniere am besten mit Dingen, die Freude bereiteten: Selbst zu beobachten und in Meldeplattformen einzutragen, Lebensräume vor Ort zu schützen und damit andere Leute anzustecken, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Naturschutzgebiete müssten unbedingt erhalten und weitere Flächen renaturiert werden. "Lieber Kompromisse finden und punktuell etwas hinbekommen als gar nichts", riet Hörren.
Außerdem rief er zu gegenseitigem Verständnis mit möglichst viel Rückendeckung für die Landwirtschaft auf, gegebenenfalls auch durch Ausgleichszahlungen, aber ohne Abkehr der überlebenswichtigen Naturschutzmaßnahmen.
Als Biosphärenschule fühle sich auch das AAG verpflichtet, dem Artensterben zu begegnen und die Kinder hierfür zu sensibilisieren, unterstrich Direktorin Juliane Kahle. Die Reihe wurde außerdem sehr aktiv durch die Naturschutzbehörden des Landkreises und der Stadt begleitet.
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