Mathias Christian Kosel. Foto: Kosel
Mathias Christian Kosel. Foto: Kosel
Das Sonnabend-Gespräch

MareMusikFestival Cuxhaven: Carmina Burana trifft lokale Stimmen

von Jens Potschka | 02.05.2026

Fünf Jahre MareMusikFestival: Redakteur Jens Jürgen Potschka hat mit dem künstlerischen Leiter Mathias Christian Kosel über Carmina Burana, klingende Gegensätze und große Träume für Cuxhaven gesprochen. Das Festival wird an Pfingsten gefeiert. 

Fünf Jahre MareMusikFestival - wenn Sie auf die erste Ausgabe zurückblicken: Was hat Sie damals am meisten überrascht, und was hat sich seitdem grundlegend verändert?

Dass das Festival von einem Tag auf ein ganzes Wochenende angewachsen ist und laufen gelernt hat, an unterschiedlichen Plätzen der Begegnung mit so vielen Künstlern, die gern dabei sind und gern wiederkommen.

Cuxhaven ist Ihre Heimatstadt, Hamburg Ihr Lebensmittelpunkt. Wie anders fühlt es sich an, hier zu arbeiten - zwischen persönlicher Bindung und professionellem Anspruch?

Für mich ist es eine Bereicherung, an zwei Orten, die ich liebe, leben beziehungsweise arbeiten zu dürfen und gerade in meiner Heimatstadt etwas auf kultureller Ebene zu bewegen. Diese Art von "Homecoming" machen mir vor allem die Menschen hier mit ihrer Zugewandtheit möglich. Außerdem bin ich hier ja auf vertrautem Terrain und habe sogar noch Freunde von früher, auch wenn etliche von ihnen nicht mehr unter uns sind.

Sie eröffnen das Jubiläumsfestival mit einem der meistgespielten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Was hat Sie bewogen, ausgerechnet die "Carmina Burana" für diesen Anlass zu wählen und nicht ein weniger bekanntes Werk?

Carmina ist und bleibt eine Challenge. Ich wollte herausfinden, ob man in der Region ein solch großes Standardwerk, einen Klassiker der Moderne, mit lokalen und internationalen Kräften auf die Beine stellen kann.

Bei den Proben im Stadttheater sagten Sie: "Wir machen keine Schablone, wir machen ein Erlebnis.” Was genau meinen Sie damit und wie verändert dieser Ansatz die Arbeit mit einem "Laienchor"?

Erst einmal ist es ein Abenteuer für alle, für solch ein Event zusammenzukommen, und zweitens eben ein besonderes Erlebnis, wenn man eine derartige Herausforderung schlussendlich auch gemeinsam meistern kann. Das ist ja das, was das Singen leisten kann: ein persönliches und zugleich gemeinsames Erleben von besonderen Momenten - für die Ausführenden wie für das Publikum.

Frauen und Männer, die seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen haben, Schüler vom AAG und LiG, Profis auf der Bühne - wie formt man aus so unterschiedlichen Stimmen und Charakteren einen homogenen Klangkörper?

Indem man alle für dieselbe Musik entflammt, egal welcher Herkunft, welcher Couleur, und dann kollektiv durch etwas hindurchgeht mit einem gemeinsamen Ziel. Außerdem gibt es hier in Cuxhaven und umzu eine gewachsene Chor-Tradition und eine große Begeisterung für das Singen, und viele sind da sehr aktiv, auch an den hiesigen Schulen. Daraus ist dann der Festivalchor mit 140 Sängerinnen und Sängern entstanden.

Die Besetzung ist ungewöhnlich: zwei Klaviere statt Orchester, Percussion statt großem Apparat. Welche künstlerischen Chancen stecken in dieser reduzierten Fassung und welche Risiken?

Ungewöhnlich würde ich gar nicht sagen, das Schlagwerk findet sich zum Teil im Orffschen Schulwerk wieder und das Klavier ist Herzstück auch der großen Orchesterfassung. Eigentlich vermisst man nichts, denn der Chor agiert original - inklusive der Kinder und der Solisten - und zum anderen hat Carl Orff ja diese Fassung lizenziert, damit auch andere Ensembles die Carmina aufführen können und nicht nur die großen Chöre und Orchester in der Welt. Übrigens wurde diese Version vor 60 Jahren hier schon einmal aufgeführt, von meinem damaligen Musiklehrer Walter Knape. Betrachten Sie es auch als eine kleine Reverenz daran.

Wie viele Proben liegen zwischen dem ersten gemeinsamen Einsingen im November 2025 und dem Abend in der Kugelbake-Halle, und reicht das?

Ich glaube, ein römischer Dichter hat mal gesagt: "Niemand weiß, was er kann, wenn er es nicht versucht." Nun, wir proben seit gut einem halben Jahr in regelmäßigen Phasen und sind bereit für die Bühne.

Die "Switch-Konzerte" in Schloss Ritzebüttel und Villa Gehben funktionieren nach einem ungewöhnlichen Prinzip: Künstler tauschen ihre Spielorte. Was soll dieses Format beim Publikum auslösen?

Die Idee zu diesem Format hatte ich erst vor Kurzem und dachte: Es sind so und so viele Künstler in town, warum sollen wir nicht an verschiedenen Orten gleichzeitig spielen, damit auch andere Menschen in der Region in den Genuss desselben Konzerts kommen? Lustigerweise interessieren sich auch schon andere Veranstalter für dieses Format.

Laura Lootens mit "Diabolico" und das Duo Togawa & Gerassimez mit "Libertango" - das sind klingende Gegensätze. Wie finden Sie die Künstler, die inhaltlich und menschlich zum Festival passen?

Grundsätzlich arbeite ich mit Künstlern zusammen, die untereinander und auch mit mir matchen. Mit vielen bin ich befreundet. Aber die Chemie muss stimmen. Das war bisher beim MMF der Fall und ist auch in meiner Stadtklang-Konzertreihe Grundvoraussetzung. Manchmal treffen sich hier aber auch Künstler, die vorher noch nie miteinander musiziert haben; daraus entstehen dann oft neue gemeinsame Ideen und Projekte. Solch ein Cometogether soll auch der Pfingstfrühschoppen sein in unserer neuen Spielstätte in der Kulturkirche Süderwisch, wo wir - ähnlich wie in der Villa Gehben in Altenbruch - auch Menschen erreichen wollen, die sonst eher nicht ins Konzert gehen.

Das Festkonzert "Amadeus Amadeus" endet mit "Rock me Amadeus". Ist das eine künstlerische Entscheidung oder ein erlaubter Spaß am Pfingstsonntag?

Beides. In erster Linie zeigt es, wie viel Einfluss Mozart auf verschiedenste Musikrichtungen hatte und hat, wie populär er noch ist und wie zeitlos. Ich habe da nie Grenzen zwischen E und U gezogen und werde es auch weiterhin nicht. Außerdem war Mozart immer für einen Spaß zu haben, das belegen zum Teil auch etliche seiner Briefe, die an diesem Abend zu Gehör kommen werden.

Lucienne Renaudin Vary tritt gleich dreimal auf - am Festkonzert, beim Frühschoppen und beim Abschluss. Was macht diese Künstlerin für Sie so besonders?

Festivals haben oft besondere Künstler "in residence", die also über die Tage mehrfach auftreten und spielen. So ist das bei uns auch.

Den Abschluss bildet "The Perfect Match" mit Trompete und Akkordeon in der Herz-Jesu-Kirche am Meer. Welche Atmosphäre wollen Sie mit diesem letzten Bild des Festivals hinterlassen?

Einen schönen Ausklang, der uns beseelt und noch lange nachklingt, wie hoffentlich das ganze Festival als "perfect match". Dazu eignet sich Herz-Jesu als Resonanzraum hervorragend. Und irgendwie gehören auch Pfingsten und Kirche für mich zusammen.

Das Programm spannt den Bogen von mittelalterlichen Vagantenliedern bis zu Miles Davis. Gibt es eine innere Klammer oder ist Vielfalt selbst das Programm?

Wir haben sowohl Abende mit Schwerpunkten wie eben Orff oder Mozart als auch kleine, feine Traditionen wie den MareJazz. Drumherum lebt aber so ein Festival von Vielfalt und Kontrasten.

Der Pfingstfrühschoppen in der Kulturkirche Süderwisch ist als "Überraschungskonzert" angekündigt. Wie viel Spontaneität ist wirklich drin und wie viel ist inszeniert?

Lassen wir uns mal überraschen. Ich habe zwar die Künstler für dieses Konzert-Special zusammengeholt, größtenteils aber kenne ich das Programm selbst noch gar nicht.

Oberbürgermeister Uwe Santjer ist Vorsitzender des Fördervereins. Wie wichtig ist politische Rückendeckung für ein Festival dieser Größenordnung und wo hört Unterstützung auf und fängt Einfluss an?

Auch ein Festival braucht Förderung und finanzielle Rückendeckung, anders sind größere Formate nicht zu stemmen, zumal sich Kultur in unserer schwierigen Zeit nicht von selbst trägt, wie wir wissen. Da braucht es die Unterstützung von außen. Jedoch ohne politischen und künstlerischen Einfluss.

Cuxhaven ist kein Leipzig, kein Hamburg. Warum sollte ein Festival von internationalem Rang dauerhaft an der Nordseeküste beheimatet sein und nicht in einer Metropole?

Weil auch Cuxhaven so etwas verdient.

Was fehlt dem MareMusikFestival noch - was würden Sie realisieren, wenn Sie weder Budget noch Kapazität bremsten?

Das Fort Kugelbake zur Freilichtbühne umgestalten. Ein Konzerthaus oder eine Konzertmuschel bauen. Instrumente anschaffen. Mediale Präsenzen erweitern, mehr Aufmerksamkeit in der Außendarstellung erreichen, sodass Cuxhaven auch als kultureller Standort noch wesentlich stärker wahrgenommen wird. Ach, die Liste ist lang …

Festivals dieser Art sind abhängig von Sponsoren, Fördertöpfen, und ehrenamtlichem Engagement. Wie stabil ist das Fundament und was würde das Festival gefährden?

Wir reden immer vom Wirtschaftswachstum, aber niemand vom kulturellen Wachstum, dabei sind die schönen Künste unsere geistige und seelische Nahrung. Es mag eine Binsenweisheit sein, aber wir brauchen das wie Essen und Trinken und Schlafen. Es gehört zu unserem Leben und ist gleichzeitig Spiegel und Reflexion unserer selbst und unserer Gesellschaft. Wenn wir das verlieren, und vergessen, versagen wir als Menschen und landen in Stumpfsinn und Barbarei.

Das Carmina-Projekt bindet Cuxhavener Stimmen und Biografien ein. Wäre es denkbar, dieses Prinzip auszuweiten, das Festival noch stärker als Produktionsort und nicht nur als Spielstätte zu denken?

Das eine schließt das andere nicht aus. Da haben wir etwa das Beethoven-Jahr 2027, in dem wir etwas Besonderes machen wollen und nicht nur zum Festival. Außerdem ist zur interkulturellen Woche geplant, das Jugendsinfonieorchester der Ukraine nach Cuxhaven zu holen, das hier mit seiner Gründerin und Dirigentin Oksana Lyniv seine zehnjährige Jubiläumstournee vorbereiten, proben und starten soll, bevor es damit in die Welt hinausgeht. Das könnte auch für die hiesige ukrainische Community wie für die Schulen ein spannender und inspirierender Austausch sein.

Letzter Vorhang am Pfingstmontag, Herz-Jesu-Kirche, 18 Uhr: Was wünschen Sie sich in dem Moment, wenn der letzte Ton verklungen ist?

Party! (lacht) Aber nach dem Festival ist vor dem Festival.

Tickets im Vorverkauf sichern

Karten für die Konzerte des MareMusikFestivals 2026 sind im Vorverkauf erhältlich. Informationen zu Preisen und Spielorten sowie alle weiteren Details zum Programm finden sich unter www.maremusikfestival.de. Karten sind auch im Ticketcenter der Kugelbake-Halle, Telefon (04721) 404 444, erhältlich.

Der musikalische Leiter Mathias Christian Kosel bei einer der vielen Proben für das Carmina-Burana-Projekt. Foto: Potschka

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