Cuxhaven: Hier kommt die Stadtbibliothek für das nächste Zeitalter
Zu dem, was gerade in der Stadtbibliothek passiert, sagt Oberbürgermeister Uwe Santjer: "Dieses Angebot ist sensationell gut. Viele Menschen in Cuxhaven wissen gar nicht, was für eine Perle sie da in der Stadt haben."
Noch immer - auch nach 30 Jahren noch - stehen Menschen vor der Tür der Stadtbibliothek und fragen sich, ob sie auch ohne Bibliotheksausweis einfach so hindurchgehen können. Aber es geht auch anders: Zum jüngsten Krabbeltreff kamen 56 Kindern mit ihren Eltern und durch die Gänge zog sich eine ganze Kinderwagenparade. Die Zeichen sind eindeutig: Die Stadtbibliothek ist lebendiger denn je - und sie verändert ihr Bild laufend.
Das Raumkonzept überzeugt noch heute
Die erste Bücherhalle wurde in Cuxhaven schon 1908 eröffnet. Sie zog 1926 an den Holstenplatz um. Von dort aus ging es am 1. Juli 1994 - vor 30 Jahren - weiter in den spektakulären Neubau am Schleusenpriel. Ein nach wie vor inspirierender Ort mit Kunstwerken, die auch erst seit gestern dort hängen könnten. Nur beim Konzept gibt es keinen Stillstand.
Corona-Dornröschenschlaf für beendet erklärt
"Der Corona-Dornröschenschlaf ist beendet", sagt Stephanie Lüder, neue Leiterin der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs. Die Zeiten, in denen jedes ausgeliehene Buch noch eine Lochkarte im Umschlag trug, kennt sie nur aus den Erzählungen der Kolleginnen. Denn für die 30-jährige gebürtige Cuxhavenerin war der Neubau von Anfang an ihre Haus- und Heimatbibliothek.
Nach ihrem Studium des Bibliotheks- und Informationsmanagements in Hamburg heuerte sie 2019 in der Stadtbibliothek an, die sie nun zusammen mit dem Team in ein neues Zeitalter führen will. "Wir bieten ein tolles Veranstaltungsprogramm mit vielen Neuheiten, haben nach neun Jahren den Julius-Sommerleseclub neu etabliert und wollen für die Bevölkerung noch präsenter werden", kündigt sie an.
Mit der Vielfalt des Sortiments überraschen
Viele - wie die Puzzlebörse oder der Spieletreff - seien auf Anregung der Nutzerinnen und Nutzer entstanden. Überraschen wolle die Einrichtung aber auch durch ein ständig erweitertes Sortiment. Eine "Bibliothek der Dinge" biete auch Gegenstände zum Ausleihen an - von der Häkelnadel bis zum Spezialwerkzeug. "Praktisch, wenn man erst mal etwas ausprobieren und nicht gleich kaufen möchte", erklärt Ina Jäkel, die am 1. August ihr 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert hat. Bei ihr laufen die Fäden für Veranstaltungen im Hause zusammen.
Ein weiterer Ort neben Arbeit und zu Hause
In den Köpfen festsetzen soll sich die Bibliothek aber auch als "Dritter Ort": Dieser Fachbegriff beschreibt einen Ort, der neben Arbeit und zu Hause eine wichtige Rolle im Leben einnimmt; ein Ort zum Wohlfühlen, Aufhalten, Austauschen. "So niedrigschwellig wie möglich", sagt Stephanie Lüder.
70 Jugendliche stürmen Julius-Sommerleseclub
Dass Smartphone und Tablet nicht alles sind, hat Astrid Hebel beim von ihr organisierten Julius-Sommerleseclub gemerkt, der nach neun Jahren Pause direkt 70 Elf- bis 14-Jährige erreichte. Besonders habe sich die Geschwister-Scholl-Schule hervorgetan, erzählt sie, aber auch Kinder aus vielen anderen Schulen hätten jede einzelne Veranstaltung zu einem bereichernden Erlebnis gemacht.
Nach tollen Ausflügen zum Beispiel in den Skaterpark, ins "Windstärke 10" und zum Eisessen, einem Gaming-Nachmittag und einem Improvisationstheater-Workshop sowie den Treffen neben dem Julius-Bücherregal rufe die Gruppe bereits nach Wiederholung. Die "erlesenen" Diplome werden am kommenden Freitag überreicht.
Gute Medienpädagogik schützt die Demokratie
Weitere Ideen gibt es reichlich: Ein Ort zum Kreativsein ("Makerspace") wäre schön, Präsenz in den sozialen Medien, vor allem mehr Kooperation mit den Schulen. Gerade im Hinblick auf die Ganztagsbetreuung bringt Dezernentin Petra Wüst die Bibliothek als Partner ins Spiel.
Einsatz hat jede Menge mit Demokratie zu tun
Allerdings brauche es dafür auch Unterstützung aus Politik und Verwaltung, sagt Stephanie Lüder mit Blick auf die knappe Personaldecke. "Es geht dabei auch um demokratische Werte", unterstreicht Ina Jäkel: "Es ist wichtig, zu lernen, Fake News etwas entgegenzusetzen, sich Informationen aus seriösen Quellen zu holen und Manipulation zu erkennen."
"In der ganzen Stadt etablieren"
"Was hier passiert, müssen wir an vielen Stellen etablieren", sagte Uwe Santjer. "Dies passt alles ins Gesamtbild. Wir wollen die Stadt der guten Nachbarschaft sein, wir wollen der Einsamkeit entgegenwirken. Der Einsatz für Demokratie, Frieden und Begegnung sei für ihn die wichtigste Aufgabe. Alles, was das Bibliotheksteam hier ausstrahle, sei ansteckend.
"Danke, dass wir ein bisschen verrückt sein dürfen", sagte Stephanie Lührs lächelnd. Ermutigend sei auch, dass es in der Bibliothek zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zwei Auszubildende gebe - "das würden wir gerne so erhalten."
