Cuxhaven: Markante Steinkette könnte auf früheren Hafen in Holte-Spangen hindeuten
Ist die Steinformation, die zwei Cuxhavener in Holte-Spangen ausgegraben haben, das Zeugnis eines früheren Hafens? Vieles spricht dafür. Warum Ralf Braesch und Detlef Conrad an einem Tag von Sondengängern zu Grabungshelfern wurden (Fotos und Video).
Feierabend ist überbewertet: Wenn sie einmal so richtig die Fährte aufgenommen haben, dann können sich die Cuxhavener Ralf Braesch und Detlef Conrad stundenlang in den verschiedensten Kartenwerken verlieren. Insbesondere sogenannte Schummerungskarten machen in verschiedenen Grautönen jede Erhebung und jede Auffälligkeit auf dem Terrain sichtbar. Hierdurch entsteht eine faszinierende Verbindung zu dem Hobby der passionierten Sondengänger, die sich sonst üblicherweise mit ihren Metalldetektoren über das Gelände bewegen und dabei schon unzählige Funde - von der Zahnpastatube bis zur Goldmünze - zutage gefördert haben.

Grabungstechniker kennt die richtigen Kniffe
Die Karten können ihnen Hinweise auf interessante Stellen geben; oft sind die Auffälligkeiten im Gelände dann schon mit bloßem Auge erkennbar, manchmal aber auch dicht bewachsen. Kürzlich erlebten die beiden Sondengänger eine weitere Premiere: Mit Erlaubnis der Cuxhavener Stadtarchäologie (Dr. Jan Steffens) durften sie in Holte-Spangen ihre erste Grabung unternehmen, fachlich begleitet durch den Grabungstechniker der Kreis-Archäologie Matthias Fischer. Dieser begleitete das Projekt freiwillig in seiner Freizeit und beeindruckte die beiden Kumpel den ganzen Tag über mit seiner Routine und Zielstrebigkeit.
Hinweise auf Anlegestellen und Wegeverbindungen
Der Ort war nicht zufällig ausgewählt. Aufgrund eines Netzes an Hinweisen haben es sich die beiden Freunde auf die Fahnen geschrieben, die Orte früherer Häfen, Anlegestellen und Handelsplätze im heutigen Stadtgebiet aufzuspüren. Einige davon - allen voran Altenwalde (Seeburg) und Gudendorf (nahe dem Baggersee) - sind bereits bekannt, doch auch in Holte-Spangen gibt es Hinweise auf Anlegestellen und Wegeverbindungen, insbesondere zwischen den durch den Spanger Bach getrennten Erhebungen "Swiens" und "Sixt".

Auf jeden Fall von Menschen angelegt
Eine wie an einer Perlenkette aufgezogene Steinformation auf einer Weide hatte die Aufmerksamkeit der Sondengänger auf sich gezogen. Und sobald an diesem sonnigen Sonnabend der erste Spaten ins Erdreich versenkt wurde, folgte eine Überraschung auf die andere. So stellte sich heraus, dass die freigelegte Steinformation wesentlich größer und raffinierter war als erwartet.

Unter den Steinen fanden sich geometrisch angeordnete Pfostenspuren und verschiedenfarbige Erdschichten mit einer Torfbasis; alles zusammen wahrscheinlich Teile einer künstlich angelegten Uferbefestigung. "Diese Steine sind durch Menschen hierhergebracht worden, so etwas kommt so nicht in der Natur vor", war für Matthias Fischer glasklar.

Ausgehend hiervon fand sich eine aus mindestens 35 Steinen bestehende, in Richtung Nachbarweide führende Steinreihe. Gleich hinter dem Zaun schließt sich eine Kuhle an, aus der einst der Sand für die etwa gleich große Aufschüttung auf der anderen Seite entnommen worden sein könnte.
Führte hier ein Weg über den Spanger Bach?
Die so plötzlich endende Steinformation könne ein Hinweis auf eine frühere Brückenverbindung über den Spanger Bach sein, so Braesch, der dann später direkt am Bach auf einen weiteren Stein stieß; möglicherweise ein Hinweis auf den Brückenkopf auf der anderen Seite. Möglich sei auch, dass im Zuge einer späteren Begradigung einiges durcheinandergekommen sei. Unverkennbar sind auf Karten die Hinweise auf die früheren Wegebeziehungen in dem vor dem Jahr 1200 noch weitgehend schlammigen, oft überfluteten und auf Bächen schiffbaren Gebiet.
Verbindung über Land dürfte deutlich sicherer gewesen sein
Angesichts der gefährlichen Umrundung der Spitze des Geestrückens und des weiten Umwegs um Neuwerk und Scharhörn herum oder durch das tückische Wattenmeer müssten See- und Kaufleute damals großes Interesse daran gehabt haben, Abkürzungen über die Halbinsel zwischen Elbe und Weser zu finden, so die Theorie der Sondengänger. Viele Beobachtungen passten dazu: die historischen Karten, auf denen die Überflutungsgebiete genau an die vermuteten Häfen heranreichen, ein ominöser Wall von noch unbekannter Bedeutung um den heutigen Brockeswalder Friedhof, Dämme und Hohlwege, der Galgenberg, von dem aus alles beobachtet und gesichert worden sein mag.

Dazu die Gegenstücke auf der Weserseite: die vermuteten Häfen in Berensch und Oxstedt, dessen Bach damals noch ein veritabler Fluss gewesen sein muss. Dann die imposante Altenwalder Burg, das Kloster, der Burgwall quer durch die Heide und eine regelrechte "Autobahn", sichtbar in mehreren Reihen von Hohlwegen von und nach Altenwalde: Sie alle sind Hinweise auf ein lebhaftes Handels- und Transportwesen, vielleicht auch auf dem Landweg zur Pipinsburg und darüber hinaus.
Interesse der Profis für Forschungsprojekt wecken
Angesichts so vieler Puzzleteile hoffen Detlef Conrad und Ralf Braesch, das Interesse zum Beispiel der Archäologen des Instituts für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven für ein größeres Forschungs-und Grabungsprojekt zu wecken. Noch mehr Nachdruck würden diesem Anliegen ein paar Funde verleihen, anhand derer die historischen Zeugnisse datiert werden könnten. Doch das entscheidende Fundstück aus Keramik oder Holz, das eine Altersbestimmung erleichtern würde, kam an diesem Tag nicht ans Licht, dafür musste am Ende alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Nach Probenentnahme, Fotodokumentation, Ausmessen und Zeichnung wurde die Grube wieder zugeschaufelt und mit Grasplacken abgedeckt.

Ab jetzt liefern sich die Hobbyforscher wieder ein Rennen mit den Profis beim Aufspüren bislang unbekannter Grabhügel, Motten (Wehrtürme, oft an Hafenanlagen), Dämme und Wasserläufe. Zusätzlich zu den frei zugänglichen Karten des Landkreis-Geoinformationssystems und des Nibis-Kartenservers (Geodaten des Niedersächsischen Bodeninformationssystems) haben sie sich einen Fundus an historischen Karten zugelegt.
Für die freundliche Unterstützung der Bauern (die dann oft noch an alte Geschichten oder Bodenbesonderheiten erinnern) und der Behörden und Fachleute bedanken sie sich sehr. Können sie selbst noch ohne suchenden Blick für Bodenbesonderheiten durch die Gegend laufen? "Kaum", lacht Detlef Conrad.
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