Cuxhavener Seniorin will Porzellan verkaufen - dann wird ihre Familie misstrauisch
Eine letzte große Reise - dafür würde eine 76-jährige Cuxhavenerin sogar ihr altes Meißener Porzellan verkaufen. Ein Flyer scheint die passende Gelegenheit zu bieten. Doch Angehörige werden misstrauisch und entdecken mehrere bekannte Warnzeichen.
Annegret Bressel streicht mit den Fingern über den alten Teller. Das Porzellan hat Jahrzehnte überstanden, für die 76-Jährige ist es mehr als nur Geschirr. Das Stück stammt aus Meißen, aus den 1920er-Jahren. Eine kleine Rarität. Neben ihr liegt ein bunter Werbeflyer. Ganz oben steht: "Bares für Wahres - Gold- und Pelzankauf in Cuxhaven."
Als Bressel den Zettel Ende September in ihrem Briefkasten findet, beginnt sie zu rechnen. Die Cuxhavener Rentnerin, deren Name von der Redaktion geändert wurde, hat einen Wunsch: Noch einmal möchte sie eine große Reise machen. Früher, mit ihrem 2020 verstorbenen Lebenspartner, war sie viel unterwegs. Heute fehlt ihr dafür das Geld. Vielleicht, denkt sie, könnte das alte Porzellan helfen.
Bressel schaut regelmäßig die ZDF-Trödelshow "Bares für Rares" mit Horst Lichter. Menschen bringen dort alte Schätze mit, Experten schätzen deren Wert, Händler bieten anschließend Geld. Der Flyer klingt erstaunlich ähnlich. Nicht nur der Name "Bares für Wahres" erinnert an die Fernsehsendung, auch von "Experten" ist die Rede.
Fünf Tage lang sollen die Ankäufer in Cuxhaven sein. Angepriesen wird der Ankauf von Pelzen, Goldschmuck, Münzen und Zahngold, aber auch von Silberbesteck, Porzellan, Gemälden, Nähmaschinen oder Puppen. Bressel ist überzeugt: Dort könnte jemand sitzen, der sich mit ihrem alten Geschirr auskennt. Vielleicht ist der Teller tatsächlich viel wert.
Doch zuvor erzählt sie ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn von dem Flyer. Die beiden werden stutzig, recherchieren und stoßen auf Warnungen vor ähnlichen Angeboten. Sie überreden die 76-Jährige, ihr Porzellan zu Hause zu lassen. Heute ist Bressel froh darüber. Denn das Angebot weist mehrere Merkmale auf, vor denen Verbraucherschützer warnen.
Der Flyer des Händlers setzt auf große Versprechen
Der Flyer setzt auf große Versprechen. "Wir zahlen bis zu 25.000 Euro für Ihre Pelze", steht dort. An anderer Stelle wird mit einem Ankaufspreis von "bis zu 145 Euro pro Gramm" geworben. Auch kostenlose Hausbesuche "bis zu 100 km" werden angeboten. Auffällig ist zugleich ein kleiner Satz: "Alle Ankäufe nur in Verbindung mit Gold." Darin erkennt die Verbraucherzentrale ein typisches Muster.
"Besonders ältere Menschen werden gezielt angesprochen", warnt die Verbraucherzentrale Niedersachsen. Die Verbraucherschützer sprechen von einer bekannten Masche: Zunächst werben Händler mit dem Ankauf alter Pelze oder anderer Gegenstände. Bei einem Termin - teilweise direkt in der Wohnung - spielen die mitgebrachten Sachen plötzlich kaum noch eine Rolle. Stattdessen wird nach Schmuck oder Gold gefragt.
Hinzu kommt der Zeitdruck. "Nur 5 Tage Aktion" prangt in einem roten Feld auf dem Flyer. Solche stark begrenzten Angebote seien ein weiteres Warnsignal. "Wer Pelze, Schmuck oder andere Wertgegenstände verkaufen möchte, sollte sich nicht zu einer schnellen Entscheidung drängen lassen", rät die Verbraucherzentrale.
"Gerade bei Anbietern, die ihr Geschäftsmodell als Aktion darstellen und nicht dauerhaft erreichbar sind, ist höchste Vorsicht geboten, da es praktisch kaum möglich ist, nach einem abgeschlossenen, vielleicht nachteiligen Verkauf noch Kontakt zu den Anbietern aufzunehmen", sagt Tiana Schönbohm, Leiterin Recht und Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
Wie real die Gefahr ist, zeigt ein Fall aus Cuxhaven von Mitte September. Eine Seniorin hatte auf eine Zeitungsanzeige reagiert. Ein Mann kam zu ihr nach Hause, interessierte sich nach Polizeiangaben aber kaum für die angebotenen Flohmarktartikel. Stattdessen brachte er die Frau mit geschickter Gesprächsführung dazu, hochwertigen Goldschmuck für einen sehr geringen Betrag zu verkaufen. Die Polizeiinspektion Cuxhaven prüfte einen möglichen Betrug.
Die Polizei rät, unbekannte Personen nicht ins Haus zu lassen, wenn man allein ist. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, mehrere Angebote einzuholen, Wertgegenstände vorher zu fotografieren und auf einer detaillierten Quittung zu bestehen. Verkaufsgespräche sollten möglichst nicht allein geführt werden.
Für Annegret Bressel kam die Warnung rechtzeitig. Ihr Meißener Teller steht noch immer in ihrem Wohnzimmer. Ob er tatsächlich ein kleines Vermögen wert ist, weiß sie bis heute nicht. Die große Reise muss deshalb vorerst warten.
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