Der Wortarchitekt am Deich in Cuxhaven
Uwe-Michael Gutzschhahn hat in Cuxhaven seine kreative Oase gefunden. Ein Ortswechsel, der mehr als nur eine neue Aussicht bietet. Was ihn dazu bewogen hat, die bayerische Metropole gegen die Küste zu tauschen, bleibt spannend.
Vom Schreibtisch aus sieht man die Dächer der anderen Häuser. Aber das reicht. Denn nur wenige Schritte trennen Uwe-Michael Gutzschhahn von dem, was ihn antreibt: das Wasser, der Deich, das Licht, das sich in einer halben Stunde dreimal verändert. Das Arbeitszimmer in unmittelbarer Nähe der Grimmershörnbucht ist, wie es ein Arbeitszimmer sein sollte, vollgestellt mit Büchern, durchflutet von Stille, und doch mitten im Rauschen der Welt. Wände voller Rücken, jeder ein alter Bekannter. "Bei meinen Eltern gab es riesige Bücherschränke", sagt er. "Das ist einfach Tradition."
In München, wo Gutzschhahn zuletzt lebte, war der Schreibtisch derselbe. "München ist und bleibt eine wunderschöne, aber doch eine fremde Stadt", sagt er, ohne Bitterkeit, eher mit der Sachlichkeit eines Mannes, der weiß, was er braucht. Er kommt aus Dortmund, seine Frau Hanne auch. Das Ruhrgebiet prägt: Klarheit, Direktheit, kein Umweg um den Kern der Dinge. Die bayerische Mentalität blieb ihm immer ein Stück weit fremd. München war eine Stadt, in der man lebte, aber eben keine Liebesstadt, wie er es nennt.
Der Weg nach Cuxhaven begann, wie viele der besten Entscheidungen, mit einer Zufälligkeit. Das Haus, in dem die Gutzschhahns in München eine schöne Wohnung hatten, wurde verkauft. Steigende Kosten, ein Schriftsteller- und Übersetzergehalt, das selten in Reichtum mündet - und die leise, alte Sehnsucht nach dem Norden. Über ImmoScout landeten sie in Cuxhaven, nicht bei der ersten Wohnung, die sie sahen, aber bei der zweiten, die sie sich anschauten: dieses Haus, unweit der Grimmershörnbucht, mit Blick vom Wohnzimmer auf den Deich und die Schiffe. "So ein Glück", sagt er einfach.
Zwischen Möwen und Manuskripten
Seit dem 15. September wohnt er hier. Sechs Monate. Und in diesen sechs Monaten hat er mehr geschrieben als erwartet. Die Küste, die Weite, das Gehen - er geht gerne allein, langsam, ohne Fahrrad, ohne Laufen - tun ihm gut. "Hätte nicht gedacht, dass ich so viel Material zusammen habe, dass im nächsten Jahr mein neuer Gedichtband erscheint", sagt er. Ein eigener, neuer Lyrikband für Erwachsene.
Gutzschhahn - Lyriker, Kinderbuchautor und einer der renommiertesten Übersetzer des Landes mit über dreihundert übersetzten Büchern - ist eine ruhige, präzise Erscheinung. Einer, der langsam spricht und dabei nichts Ungenaues sagt. Wenn er über das Übersetzen redet, klingt es wie eine Beschreibung von Musik: nicht Wort für Wort, sondern Melodie für Melodie. "Die Jury zum Sonderpreis 2018 nannte mich die Stimme von Kevin Brooks", sagt er. Kein Satz macht ihn sichtlich stolzer. Und dennoch ist es keiner, auf den er selbst größeren Wert legt. "Man muss den Autor hören, nicht den Übersetzer." Der Übersetzer, findet er, ist ein bescheidener Mensch.
Die Kunst, nicht aufzufallen
Die Kinderlyrik treibt ihn hingegen mit offenem Gesicht an. Er schreibt sie nicht für Kinder allein. Gute Kinderlyrik erreiche auch Erwachsene, sagt er, weil sie vom Witz lebt, von der Pointe, vom Staunen über Sprache.
Dass er ausgerechnet jetzt, in Cuxhaven, ein Buch über James Krüss herausgibt, hat mit Helgoland zu tun - und damit, dass manche Fäden im Leben erst dann sichtbar werden, wenn man zurückschaut. Als Kind fuhr Gutzschhahn jeden Sommer zur Insel. Mit neun oder zehn sah er in einem Schaufenster das Buch "Mein Urgroßvater und ich". Er kaufte es, las es und fand es toll, dass da ein Urgroßvater mit seinem Urenkel in einer Hummerbude sitzt und reimt. Viele Jahre später begegnete er Krüss persönlich, auf Gran Canaria, wo der Dichter lebte. Sie verbrachten abendlange Gespräche, fuhren über die Insel. "Wir haben so viel gelacht", erinnert er sich.
Nun erscheint im Atrium Verlag der Gedichtband "Gedi, Geda, Gedichte - Reimlichkeiten für Kleine und Groß", entstanden aus Anlass des 100. Geburtstages von James Krüss, dem großen Helgoländer Kinderdichter. Sieben Autoren, je acht Gedichte, vier Arbeitstage auf Helgoland im vergangenen Mai in einer echten alten Hummerbude am Hafen. Gutzschhahn hatte das Projekt ersonnen, die Autoren ausgewählt, die Gruppe zusammengehalten. Und wie in Studienzeiten in den Berliner Kreisen des Dichters Christoph Meckel, in denen er als junger Autor die großen Stimmen der deutschsprachigen Lyrik kennenlernte - Sarah Kirsch, Oskar Pastior -, war auch hier das Gespräch das eigentliche Werkzeug. "Wenn alle aufeinander losgehen mit Texten und reden, das ist eine so wunderbare geistige Befruchtung."
Ein Netzwerk im Norden
Am 11. Mai wird das Buch um 19.30 Uhr in der Cuxhavener Stadtbibliothek vorgestellt. Vier der sieben Autoren werden dabei sein: Michael Augustin, Mona Harry, Manfred Schlüter und Gutzschhahn selbst. Die vier M's, wie sie sich untereinander selbst nennen. Davor liest Gutzschhahn in zwei Schulen; die genauen Termine stehen noch aus.
Der Norden, sagt er, ist ohnehin die eigentliche Heimat der deutschen Kinderlyrik: Arne Rautenberg in Kiel, Michael Augustin in Bremen, Manfred Schlüter in Dithmarschen. Dass er nun selbst hier ist, fühlt sich nicht wie Zufall an. "Manchmal dauert's ein wenig länger", sagt er und lächelt dabei so, als habe er das schon lange gewusst.
