Ein Grandhotel mitten in Cuxhaven - bis 1967 der Abrissbagger kam
Am 2. September 1876 eröffnete am heutigen Kaemmererplatz Dölles Hotel. Politiker und Admiräle logierten hier, Cuxhavener feierten im "Blauen Affen". Das Haus wurde zum Spiegel der Stadtgeschichte - bis es 1967 aus dem Stadtbild verschwand.
Wer heute über den Kaemmererplatz geht, muss schon alte Fotografien kennen, um sich vorzustellen, welches Gebäude dort einst den Blick bestimmte. Neben dem späteren Pressehaus erhob sich Dölles Hotel - repräsentativ, vielgeschossig und für Jahrzehnte die erste Adresse Cuxhavens. Eine Veröffentlichung zur Stadtgeschichte nennt es rückblickend schlicht das "Grandhotel" der Stadt. Am 2. September 1876 wurde der Neubau eingeweiht.
Die Geschichte von "Dölle" begann allerdings lange zuvor. August Dölle, 1802 geboren, hatte bereits in den 1830er-Jahren am Alten Hafen eine Weinhandlung mit Schankstube und anschließend das Hotel Belvedere aufgebaut. Das Haus entwickelte sich zu einer der führenden Herbergen des jungen Seebades. 1844 verfügte es nach einer Erweiterung über 47 Zimmer. Zu den Gästen gehörte 1846 der Dichter Hoffmann von Fallersleben. 1872 übergab August Dölle die Leitung an seinen Sohn Emil. Ein Jahr später zerstörte ein Brand das alte Hotel.
Emil Dölle ließ sich von der Katastrophe nicht entmutigen. Auf dem Gelände der ehemaligen Feldtmannschen Dampfmühle an der Ritzebütteler Schleuse entstand nach Plänen des Architekten Franz Schumacher ein neues Hotel. Am 2. September 1876 wurde es eröffnet.

Die Umgebung sah damals völlig anders aus als heute. Der Kaemmererplatz existierte noch nicht. Das Hotel hatte zunächst die Adresse Schleusenstraße 1 und lag unmittelbar am Hafenobdeich. Vor dem Gebäude befand sich die sogenannte Jungfernburg. Erst nach deren Abbruch 1903 und dem Abtragen des verbliebenen Deichstücks entstand der freie Platz vor dem Hotel. 1910 erhielt er den Namen Kaemmererplatz.
Dölles Hotel machte sich schnell einen Namen. Als am 1. November 1881 die Eisenbahnverbindung Harburg-Cuxhaven vollständig eröffnet wurde, endete der Festtag mit einem großen Essen im Hotel. Die neue Bahn rückte Cuxhaven näher an Hamburg und das übrige Reich - und Dölle lag für die ankommenden Reisenden günstig.
Historische Zeitungsanzeigen zeigen, wie selbstbewusst das Haus um Gäste warb. 1886 empfahl Emil Dölle sein Belvedere als "Hotel 1. Ranges". Geworben wurde mit "guter Küche, feinen Weinen", warmen Seebädern und einem eigenen Omnibusverkehr vom Bahnhof und Landungsplatz. Das Hotel bot seinen Gästen damit weit mehr als nur Unterkunft.
Im Keller des Hotels saß die "Affenbrüderschaft"
Fast ebenso berühmt wie das Hotel selbst wurde seine Weinstube. Schon beim Bau war im Kellergeschoss der "Blaue Affe" eingerichtet worden. Emil Dölle galt als großer Weinkenner, und die Kellerwirtschaft entwickelte sich zum Treffpunkt der Cuxhavener Gesellschaft. Am zweiten Weihnachtstag 1897 gründeten Stammgäste dort sogar eine "Affenbrüderschaft".
Dass Dölle mehr als ein gewöhnliches Hotel war, zeigte sich auch bei städtischen und politischen Ereignissen. Als Cuxhaven 1907 zur Stadt erhoben wurde, schloss sich an die Amtseinführung des neuen Bürgermeisters ein Frühstück in Dölles Hotel an. Vor einem Besuch Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1912 bezog der Chef der Nordseestation dort Quartier.

1904 hatte Emil Dölle die Führung seinem jüngsten Sohn, ebenfalls Emil, übergeben. Zugleich wuchs Cuxhaven weiter. Die Hamburg-Amerika-Linie setzte immer größere Schiffe auf der Atlantikroute ein, immer mehr Passagiere wurden in Cuxhaven abgefertigt. Zwischen 1913 und 1915 entstand deshalb nach Plänen des Cuxhavener Architekten Richard Alberts ein zusätzlicher Flügel. Danach bot das Hotel 60 Zimmer, elektrisches Licht und für damalige Verhältnisse besonders komfortable Bäder.
Dölle war nun endgültig das Haus, in dem Cuxhaven wichtige Gäste unterbrachte. Im August 1925 übernachtete Reichskanzler Hans Luther auf dem Weg nach Helgoland dort. Mit ihm war Reichsaußenminister Gustav Stresemann nach Cuxhaven gereist. Dölles Hotel war Herberge, Restaurant und politischer Salon zugleich.
Doch die Geschichte des Hauses bestand nicht nur aus Glanz und Gesellschaft. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde der Kaemmererplatz zum "Adolf-Hitler-Platz". Bei propagandistischen Aufmärschen präsentierten sich NS-Funktionäre auf dem Balkon des Hotels. Das Gebäude, jahrzehntelang Bühne bürgerlichen Stadtlebens, wurde nun auch zur Kulisse der Diktatur.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb das Hotel baulich weitgehend verschont, diente aber verschiedenen Wehrmachtsdienststellen. Als britische Truppen im Mai 1945 Cuxhaven besetzten, wurde dort das Hauptquartier des 2. Bataillons der Scots Guards eingerichtet. Anschließend beschlagnahmte die britische Besatzungsmacht das Haus. Noch Anfang 1948 stand über dem Eingang "Frontier Inspection Service Mess". Als General Sir Brian Robertson, Gouverneur der britischen Besatzungszone, die Truppen an der Elbmündung besuchte, nahm er seinen Tee im ersten Haus am Platz. Erst am 1. April 1950 wurden Hotel, Restaurant und Gesellschaftsräume wieder für die Öffentlichkeit freigegeben. Die Leitung lag nun bei August Dölle und seinem Neffen Hans Dölle.
Doll, döller am döllsten in Dölles Hotel
Die Nachkriegsjahre wurden noch einmal zu einer großen Zeit des Hotels. Für viele Cuxhavener war "Dölle" eine Institution. Der Gastronom Franz Schneller, dessen erste Cuxhavener Arbeitsstelle das Hotel war, erinnerte sich Jahrzehnte später an einen Spruch des Personals: "Doll, döller am döllsten in Dölles Hotel." Solche Erinnerungen zeigen, welche Stellung das Haus in der Stadt besaß.
Auch prominente Gäste gingen weiter ein und aus. Der frühere Bundespräsident Theodor Heuss soll nach einem Aufenthalt Oberbürgermeister Karl Olfers eindringlich gebeten haben, dafür zu sorgen, dass das Haus erhalten bleibe. Der Wunsch erfüllte sich nicht.

Am 27. November 1964 meldeten die Cuxhavener Zeitungen den bevorstehenden Verkauf an die Karstadt AG. 1965 wurde das Inventar versteigert, zwei Jahre später fiel das Gebäude. Wo fast neun Jahrzehnte lang Reisende empfangen worden waren, sollte Platz für Autos geschaffen werden: Karstadt ließ das Hotel 1967 für einen Parkplatz abbrechen. Eine Cuxhavener Stadtchronik bezeichnet Schließung, Versteigerung und Abriss rückblickend als ein "unrühmliches Kapitel" der Stadtgeschichte.
150 Jahre nach der Eröffnung existiert Dölles Hotel längst nicht mehr. Von Zimmern, Speisesälen und Balkonen ist nichts geblieben. Umso bemerkenswerter ist, wie präsent der Name Dölle in Cuxhaven noch immer ist. Das Gebäude verschwand, seine Geschichte blieb.

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