Ein Stück Cuxhavener Geschichte: Mit der "Nige Ooge" und Käpt'n Schaal nach Neuwerk
An Donnerstag beginnt für die Reederei Cassen Eils die Neuwerk-Saison mit der "Flipper". Was heute die "Flipper" ist, war für Kinder der 60-er zumeist die "Nige Ooge", benannt nach dem alten Namen der Insel Neuwerk. Das Schiff existiert heute noch.
Eine Fahrt von und nach Neuwerk - ob als reine Schifffahrt oder in Kombination mit dem Wattwagen oder einer Wattwanderung - gehört seit Generationen zum Cuxhaven-Urlaub dazu. Viele Cuxhavener, Neuwerker und Kurgäste erinnern sich an das elegante weiße Schiff "Nige Ooge", mit dem sie zwischen 1966 und 1986 von Cuxhaven nach Neuwerk gefahren sind. Eigner und Kapitän war Werner Schaal, der sich in seiner prachtvollen Kapitänsuniform persönlich um seine Gäste kümmerte.
1930 war das 30 Meter lange und 6,50 Meter breite Schiff mit einem Tiefgang von 1,50 Metern in der Krämer-Werft in Elmshorn gebaut worden. Die zwei Motoren mit je 230 PS ermöglichten eine Geschwindigkeit von 10,7 Knoten. Als "Pellworm" wurde der Neubau als Versorgungsschiff zwischen den Halligen und dem schleswig-holsteinischen Festland eingesetzt.
1966 kaufte Werner Schaal, Kapitän im Fährdienst zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel, die "Pellworm". Nach umfangreichen Umbauten und Modernisierungen auf der Beckmannwerft wurde aus ihr die "Nige Ooge". Das Schiff hatte jetzt zwei Salons und ein großes Deck und bot rund 230 Personen Platz.
Vorläuferschiff "Christiane" wurde bald zu klein

Werner Schaal hatte drei Jahre zuvor den Neuwerk-Dienst gegründet und fuhr erfolgreich mit der "Christiane" nach Neuwerk. Aber weil die "Christiane" mit ihrer Kapazität von rund 100 Passagieren zu klein war, wurde sie durch die "Nige Ooge" ersetzt. Die "Christiane" war vor dem zweiten Weltkrieg in Dänemark als Minensuchboot gebaut worden. Nach dem Krieg wurde sie völlig umgebaut und als Ausflugsschiff auf dem Neckar eingesetzt, bis sie von Werner Schaal persönlich über den Neckar, den Rhein und die Nordsee nach Cuxhaven gebracht wurde. "Vom Neckar ins Salzwasser zurück" lautete die Schlagzeile in der Cuxhavener Zeitung vom 26.06.1963.

1975 erfolgte auf der Schichau-Unterweser-Werft ein Generalumbau der "Nige Ooge". Dabei wurden die äußeren Umrisse des Schiffes wesentlich verändert. Unter anderem erhielt es eine komplette neue Brücke und die Kapazität wurde erweitert, die "Nige Ooge" konnte jetzt knapp 400 Passagiere befördern.

Sie fuhr aber nicht nur nach Neuwerk. Auf ihr konnte man zu den Seehundsbänken, in den Nord-Ostsee-Kanal und zu Abend-Tanzfahrten auslaufen. Sehr beliebt waren auch die Butterfahrten mit zollfreiem Einkauf und Verzehr an Bord (kleine und große Fahrt).
Dreimal um den Globus in 15 Jahren
Der Aufschwung des Neuwerk-Dienstes wurde rege durch die Lokalzeitung begleitet: Die Cuxhavener Nachrichten stellten am 2. November 1984 einen Vergleich an: "In der ersten Sommersaison beförderte die ,Christiane' 2000 Kurgäste; eine Anzahl, für die die ,Nige Ooge' heute zwei Wochen benötigt." - "MS ,Nige Ooge': In 15 Jahren dreimal den Globus umrundet" lautete eine Schlagzeile der CN am 29. Juni1978.

Im Oktober 1984 verkaufte der 60-jährige Werner Schaal, der sich zur Ruhe setzte (und leider schon 1986 an Krebs verstarb), seine "Nige Ooge" an Peter Ahlf aus Cuxhaven. Die feierliche Übergabe fand zwischen Cuxhaven und Neuwerk statt.
Ab der Saison 1985 fuhr die "Reederei Peter Ahlf, Neuwerkdienst und Seetouristik" mit der "Nige Ooge" nach Neuwerk. Im nächsten Jahr charterte Peter Ahlf zusätzlich ein zweites Schiff, die "Max Brauer". Sie sollte neben der maximal 400 Personen fassenden "Nige Ooge" bei großem Andrang auch Kurs Neuwerk nehmen. Das moderne Schiff ließ sich durch seinen geringen Tiefgang ohne Schwierigkeiten dort einsetzen. 1980 gebaut, hatte es eine Länge von 53 Metern und eine Breite von 9,50 Metern. In den großen Salons sowie auf dem Oberdeck fanden etwa 500 Passagiere Platz.
Nach der Versteigerung in skandinavischen Gewässern
Doch das Fahrgastaufkommen reichte wohl nicht für zwei Schiffe aus. 1986 musste Peter Ahlf Konkurs anmelden. Die Nachricht "Die ,Nige Ooge' liegt an der Kette" erschreckte am 3. Januar 1987 viele Cuxhavener. Weiter hieß es in den Cuxhavener Nachrichten: "Gestern Nachmittag gegen 16 Uhr wurde das Fahrgastschiff durch einen Schlepper der Firma Otto Wulf von seinem Liegeplatz an der Innenkante Alte Liebe zur Schiffs- und Yachtwerft verholt. Der Gerichtsvollzieher hat die Werft mit der Bewachung und Verwahrung des Schiffes beauftragt. Vom Amtsgericht Cuxhaven war bereits am Dienstag die Zwangsversteigerung der ,Nige Ooge' sowie die Beschlagnahme des Schiffes angeordnet worden. Seit Mittwoch liegt das Fahrgastschiff an der Kette."
Später nach Finnland und Schweden
Die "Nige Ooge" wurde dann am 27. März 1987 vor vielen Zuschauern für 280.000 DM an die Bremer "Schiffs-Betriebsgesellschaft" zwangsversteigert. Im September 1987 verkaufte diese sie nach Finnland. Dort wurde sie von Turku aus weiter als "Nige Ooge" eingesetzt und danach mehrmals weiterverkauft, inzwischen in Schweden. Nach einem Feuer wurde sie instandgesetzt. Heute liegt sie als Wohnschiff in Stockholm.
Und der Neuwerk-Dienst? Den übernahm die Reederei Cassen Eils. Nach einem kurzen Zwischenspiel mit der "Wappen von Cuxhaven" (vormals "Dybbøl") setzte sie dafür die neu gebaute "Flipper" ein.

Nicht zu verwechseln ist das Schiff "Nige Ooge" mit der "Nige Oge": Sie war seit den 1920er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg das erste Schiff, das regelmäßig nach Neuwerk schipperte. Die Überfahrt erlebten die Passagiere auf dem offenen Deck.
Von Kurt Eisermann und Maren Reese-Winne

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