Gefällte Kastanien in der Cuxhavener Deichstraße: Zeitpunkt der Maßnahme polarisiert
Baumschützer sind enttäuscht, Bürger unken angesichts der auf einen Sonnabend gelegten Sägearbeiten. Mit Verweis auf vorherige Stellungnahmen tritt die Stadt allerdings dem Vorwurf einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" entgegen.
Wie berichtet, geht es um zwei Rosskastanien in der Deichstraße. Die Bäume waren am Sonnabend entfernt worden. Im Rathaus widersprach man der Darstellung einer "Nacht-und-Nebel-Aktion".
Baumschützer hatten es offenbar geahnt: Am Freitag, also nur am Tag bevor die mehr als 150 Jahre alten Bäume gefällt wurden, hatten sie ein Transparent an der nahegelegenen Deichmauer entfaltet. "Altbäume erhalten - für das Stadtklima" ist auf dem Banner zu lesen, das inzwischen nur noch von zwei Stümpfen gesäumt wird. Die erste Kastanie sei schon am Morgen gefällt worden. Das berichtete Elke Schröder-Roßbach (Initiative Stadtgrün) zu Wochenbeginn.
Rathaus argumentiert mit Verkehrssituation
Wo die Kastanien für einen halbwegs harmonischen Übergang zwischen historischer Architektur und den Zweckbauten von NPorts geschaffen hatten, erscheine der Bruch zwischen Alt und Neu nun besonders hart, so Schröder-Roßbach. Der Stadtgrün-Aktivistin geht es allerdings nicht allein um ästhetische Fragen. "Geschichtsvergessen" sei es, die letzten beiden Bäume zu fällen, die einst zum Garten der Lotsenkommandantur gehört hätten.
Im Rathaus trat man auf Nachfrage unserer Redaktion der Auffassung entgegen, die Stadt habe ein bestimmtes Zeitfenster genutzt, um klammheimlich vollendete Tatsachen zu schaffen. Dass die beiden Rosskastanien gefällt würden, sei (unter anderem durch Aussagen gegenüber unserer Zeitung) vorab kommuniziert worden: "Insofern ist diese Maßnahme angekündigt und transparent verlaufen", bekräftigte eine Sprecherin. Den Zeitpunkt der Arbeiten begründete sie mit der Verkehrssituation in der Deichstraße: Tag und Uhrzeit habe man in der Absicht gewählt, möglichst wenig Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger mit den Fällarbeiten zu behindern. "Und unsere Leute arbeiten tatsächlich auch samstags", fügte die Sprecherin hinzu. Zugleich bestätigte sie erneut, dass Ersatzpflanzungen vorgesehen sind. Diese seien obligatorisch.
Baumschützer, die gegenwärtig erwägen, über eine Mahnwache mehr Öffentlichkeit herzustellen, dürfte diese Aussicht kaum trösten. Hatten sie doch schon vor eineinhalb Wochen darauf hingewiesen, dass es lange brauche, bis ein Baum einen gewissen Charakter entwickle. Ein Wissenschaftler der Hochschule Osnabrück sprach von 75 Jahren, bis ein vergleichbarer Baum seine volle ökologische Leistungsfähigkeit entfalte. Unabhängig vom konkreten Fall hatte er das Thema Rosskastanien als "Abwägungsfrage" beschrieben: Perspektivisch wird diese Art den Klimawandel nicht überdauern. Für die Stadt war weniger die Zukunft der Spezies ausschlaggebend, vielmehr der aktuelle Erhaltungszustand: Dieser sei "nicht mehr als gut" einzustufen gewesen. Deswegen habe man davon abgesehen, die beiden Kastanien mit erheblichem finanziellen Aufwand zu erhalten.
Aus "Stadtgrün"-Sicht vertauschen die offiziellen Stellen Ursache mit Wirkung: "Wenn die Standsicherheit tatsächlich nicht mehr gegeben ist, wäre das etwas anderes", betont Schröder-Roßbach. An den Schnittflächen sei jedoch zu erkennen gewesen, dass es sich um zwei gesunde Bäume gehandelt haben müsse.
Alternativen nicht konsequent genug diskutiert?
Von der Verwaltung beschriebene statische Probleme würden sich (so Schröder-Roßbach) erst durch Eingriffe ergeben, die mit Arbeiten am Stadtentwicklungsprojekt "Deichband" zusammenhängen: Eine Rampe soll dort den barrierefreien Zugang zur neu entstehenden Promenade ermöglichen. Die Bedeutung dieses Aspekts will die Initiative "Stadtgrün" keineswegs kleinreden. Ob sich nicht beide Ziele - Barrierefreiheit und der Erhalt der beiden Kastanien - hätten miteinander vereinbaren lassen, ist aus Sicht der Baumschützer aber nicht konsequent genug diskutiert worden.
