Weltbekannter Klarinettist Giora Feidman in Cuxhaven: "Möchte viele Herzen erreichen"
Giora Feidman, der Meister der Klarinette, kommt nach Cuxhaven. Fast 80 Jahre steht er auf der Bühne und verzaubert weltweit mit seiner Musik. Im Interview erzählt er von seiner Karriere und was sein neues Programm "For a Better World" verspricht.
Seit fast 80 Jahren steht Giora Feidman mit seiner Klarinette auf der Bühne - und das weltweit. Am 28. Februar 2026 tritt er mit seinem neuen Konzertprogramm "For a better world" in der Herz-Jesu-Kirche am Meer in Cuxhaven auf. Im Gespräch mit cnv-medien.de gibt er Einblicke in sein musikalisches Wirken.
Herr Feidman, wie sind Sie dazu gekommen, Klarinette zu spielen?
Wissen Sie, ich bin in eine Musikerfamilie hineingeboren worden. Schon zwei Generationen vor mir wurde bei uns musiziert. Die Klarinette ist in unserer Familie kein bloßes Instrument - sie ist ein Familienmitglied. Mit sieben oder acht Jahren habe ich meine ersten Erfahrungen mit ihr gemacht. Mit zehn Jahren stand ich zum ersten Mal auf der Bühne. Wenn Gott mir beisteht und meine Kräfte bleiben, wie sie sind, darf ich im nächsten Jahr mein 80-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
Was gibt Ihnen die Musik persönlich?
Die Musik ist mein Leben. Sie ist die Luft, die ich zum Atmen brauche. Neben Wasser, Nahrung und Sauerstoff ist sie für mich ein wahres Lebenselixier. Wissen Sie, warum? Weil Musik zu 100 Prozent aus Liebe besteht. Sie entsteht aus Liebe, sie wird mit Liebe gespielt - und sie erreicht die Menschen nur dann wirklich, wenn sie mit Liebe erfüllt ist. Ohne Liebe ist sie nur Klang. Mit Liebe aber wird sie zu etwas, das Herzen berührt und Seelen verbindet.
Gibt es etwas, das Sie heute noch inspiriert?
Mich inspiriert das Gute in den Herzen der Menschen. Wenn ich sehe, wie viel Wärme, Mitgefühl und Hoffnung trotz allem in dieser Welt existieren, dann berührt mich das zutiefst. Mich inspiriert das Lachen eines Kindes, das unbeschwert mit seinen Eltern durch die Straßen läuft - dieses ehrliche, freie Lachen, das noch nichts von Sorgen weiß. Genau diese Reinheit und Freude versuche ich in meine Musik zu legen. Und natürlich inspiriert mich die Bühne. Ganz gleich, wo ich spiele. Jeder Ort hat seine eigene Seele, jedes Publikum seine eigene Energie. Sobald ich die Bühne betrete, spüre ich diese besondere Verbindung. Es entsteht ein Dialog ohne Worte - nur durch Musik.
Wie sind Sie dazu gekommen, vor allem jüdische Musik zu spielen?
In erster Linie durch meine Familie. Dort liegen meine Wurzeln, dort habe ich alles gelernt - nicht nur die Technik, sondern vor allem das Gefühl für die Musik. Aber ich kann meiner Musik keine Religion hinzufügen. Musik ist für mich etwas Universelles. Sie gehört keinem Glauben und keiner Grenze. Wenn Sie die Klezmermusik meinen: Ja, sie liegt in der Tradition meiner Vorfahren. In meiner Familie haben alle Klezmer gespielt. Diese Musik wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Sie ist für mich mehr als nur Tradition - sie ist Ausdruck von Freude, Melancholie, Sehnsucht und Leben. All das versteht jeder Mensch, ganz gleich, woher er kommt.
Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt viele schöne und bewegende Momente. Einer davon war mein Auftritt vor dem inzwischen verstorbenen Papst - vor etwa einer Million Menschen. Diese Dimension, diese gemeinsame Stille inmitten so vieler Menschen, war überwältigend und zutiefst berührend. Ein ganz anderer, aber ebenso prägender Moment war mein Besuch im Konzentrationslager Dachau im vergangenen Jahr. Ich habe mir dort die Bilder angeschaut, die Spuren der Geschichte gespürt - diese Eindrücke haben mich tief erschüttert. In dieser Zeit entstand die Komposition "Longing for Liberty" - was so viel bedeutet wie "Sehnsucht nach Freiheit". Dieses Werk trägt all diese Gefühle in sich: Trauer, Erinnerung, aber auch Hoffnung.
Was möchten Sie den Menschen mit "For a Better World" mitgeben?
Das Programm liegt mir besonders am Herzen. Alle Stücke stammen von meinem Freund und geschätzten Komponisten Majid Montazer. Unsere Zusammenarbeit ist etwas Vertrautes - wir verstehen uns musikalisch oft ohne viele Worte. Er weiß, was ich fühle, und ich spüre, was er mit seiner Musik sagen möchte. "For a Better World" ist ein Programm, bei dem die Zuschauer nach dem Konzert mit einem Gefühl nach Hause gehen, als wären sie gerade aus einem Traum erwacht. Sie spüren die Magie der Musik noch intensiver. Und sie tragen mehr Liebe in sich. Selten habe ich es erlebt, dass mir so viele Gäste sagen, sie hätten während des Konzertes geweint - vor Rührung, vor Hoffnung, vor innerer Bewegung.

Sie stehen seit vielen Jahren auf der Bühne - gibt es etwas, was Sie noch erreichen wollen?
Kein Preis und keine Auszeichnung gibt mir so viel, wie ein Herz, das ich für meine Mission und meine Musik gewinnen kann. Jedes Mal, wenn ein Besucher mein Konzert verlässt und meine Musik, vielleicht auch meine Worte, in seinem Herzen mit nach Hause nimmt, weiß ich: Meine Mission ist erfolgreich erfüllt. Es gibt noch so viele Herzen, die ich erreichen möchte. Die Welt steckt aktuell in einer internationalen Krise und braucht mehr denn je Liebe und Frieden.
Gibt es einen Grund dafür, dass viele Ihrer Auftritte in Kirchen stattfinden?
Kirchen haben für mich etwas Magisches. Nicht nur, weil sie Orte des Gebets sind, an denen Menschen Hoffnung, Trost und Stille suchen. Die Akustik in den meisten Kirchen ist außergewöhnlich. Als Künstler sitzt man dem Publikum dort auf besondere Weise nahe. Es gibt keine unsichtbare Grenze, keine Distanz wie in manchen Philharmonien oder großen Konzerthäusern. Die Begegnung ist unmittelbarer, persönlicher. Man teilt denselben Raum, denselben Atem, denselben Moment. Und vielleicht ist es genau das, was die Magie ausmacht.
In diesem Jahr feiern Sie ihren 90. Geburtstag - denken Sie überhaupt an den Ruhestand?
Wir Künstler kennen das Rentenalter nicht. Solange wir die Kraft haben, solange wir gehört werden und unsere Kunst etwas bewirken kann, soll die Bühne unser Zuhause sein. Ich fühle mich vitaler als in den vorherigen Jahren. Ich sage immer: Musik ist die beste Medizin - für mich ist sie meine Lebensquelle. Mehrere Tage ohne zu musizieren könnte ich nicht überleben.
Sie haben die ganze Welt bereist - welcher Ort bedeutet für Sie Heimat?
Für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohlfühle. Neben Israel fühle ich mich zum Beispiel auch in Deutschland zu Hause. Mittlerweile gibt es Orte in der Schweiz und in Österreich, bei denen ich ein echtes "Nach-Hause-Kommen"-Gefühl habe. Aus künstlerischer Sicht ist die Bühne meine ewige Heimat. Denn dort fühle ich mich am sichersten, frei und vollkommen - dort bin ich ganz ich selbst.
Gibt es etwas, das Sie jungen Musikern mitgeben möchten?
Ja, folgt euren Herzen. Geht dorthin, wo eure Herzen euch führen, auch wenn der Weg manchmal steinig oder ungewiss ist. Die Kunst ist das reinste Gut, das uns der liebe Gott als Gabe geschenkt hat. Sie ist ein Licht, das wir in die Welt tragen dürfen. Passt gut auf sie auf. Pflegt sie, entwickelt sie, gebt ihr Raum, zu wachsen. Versucht, eure Kunst für die Menschheit einzusetzen - für Liebe, Freude, Hoffnung und Verbundenheit. Denn Musik, Malerei, Tanz oder jedes andere kreative Werk kann Brücken bauen, Herzen berühren und die Welt ein Stück heller machen. Eure Kunst kann eine Stimme für die sein, die keine haben, und ein Trost für die, die ihn brauchen.
