Frauenwohnheim am Elfenweg: Vergessene Geschichte aus Cuxhaven wird zur Ausstellung
Im Frauenwohnheim am Elfenweg lebten Frauen in engen Räumen, während draußen die Fischindustrie boomte und Cuxhaven umgestaltet wurde. Eine Ausstellung beleuchtet das Leben dieser Arbeiterinnen und die Geschichten, die sie prägten (mit Video).
Das Bett ist schmal, das Zimmer spartanisch. Vier Frauen teilen sich den Raum am Elfenweg, vier Koffer fassen ihr Hab und Gut. Morgens um fünf klingelt der Wecker, dann geht es in die Fischhalle: Hände ins kalte Wasser, Salz auf der Haut, stundenlang. Abends zurück ins Heim, wo die Fürsorgerin die Hände versorgt und am Eingang kontrolliert, wer hinein darf. So sah das Leben aus für Hunderte von Frauen, die zwischen 1926 und 1975 im Frauenwohnheim am Elfenweg lebten.
Philipp Roll hat dieser vergessenen Geschichte nachgespürt. Anderthalb Jahre lang hat der Volontär des Museums Windstärke 10 recherchiert, Akten gewälzt und Zeitzeugen befragt. Am Sonntag, 1. März, wird seine Ausstellung "Leben im Takt der Fischfabrik - 100 Jahre Frauenwohnheim am Elfenweg" um 11 Uhr im Museum Windstärke 10 eröffnet. Es ist seine erste Sonderausstellung und ein Stück Cuxhavener Sozialgeschichte, das viele Fragen aufwirft.

Als der Hering nach Cuxhaven kam
Die Geschichte beginnt 1920, als Cuxhavens Fischer anfingen, nach Hering zu fischen. "Mit den großen Anlandungsmengen des fettreichen Fischs stieg der Bedarf an Arbeitskräften rapide", erklärt Roll. "In der Stadt und im Umland war dieser Bedarf nicht mehr zu decken." Also warb die Fischindustrie Frauen aus dem Ruhrgebiet an. In der Regel junge Frauen, sechzehn bis zwanzig Jahre alt, die der Arbeitslosigkeit entfliehen wollten.
Doch wohin mit ihnen? Erst quartierte man sie in verfallenen Baracken in Nordholz ein. Die Kirche protestierte, Landgemeinden klagten über unwürdige Zustände. Auch Privatunterkünfte funktionierten nicht: "Vermieter hegten Vorbehalte gegenüber den arbeitenden Frauen", sagt Roll. "Badegäste wollten nicht in Zimmern schlafen, die Fischgeruch angenommen hatten."

Am 1. April 1926 fanden Vertreter der Stadt und der Fischindustrie eine Lösung: Sie gründeten die gemeinnützige Heimgesellschaft. Kapitalgeber waren die Stadt Cuxhaven, die Fischmarkt GmbH, die Hochseefischerei AG und Fischindustrielle wie Karl Schmidt. Schon am 7. Mai wurde der Grundstein gelegt, im Juli Richtfest gefeiert. Am 3. Oktober 1926 zogen die ersten Arbeiterinnen ein. Dreihundert Frauen fanden Platz in dem massiven Backsteinbau, der heute unter Denkmalschutz steht.
Fürsorge und Kontrolle
Das Frauenwohnheim war ein Ort der Widersprüche. Einerseits bot es "anständige, menschenwürdige Räume", wie die Gesellschaft betonte. Andererseits schwang immer die "Sorge um Anstand und Moral" mit. Roll beschreibt es als "zweischneidiges Schwert": "Es gab ehrliche Fürsorge, aber auch Vorbehalte."
Die Fürsorgerin, bezahlt von der evangelischen Landeskirche, war Vertrauensperson und Aufsicht zugleich. Sie versorgte die salzwunden Hände der Frauen nach der Arbeit, half bei Behördengängen und organisierte Unterhaltungsabende mit Kino und Tanz. Zugleich wachte sie über die Einhaltung der strengen Hausordnung: Alkohol war verboten, Männerbesuch untersagt. "Am Eingang saß jemand, der kontrollierte, wer hereinkommt", erzählt Roll. "Selbst Väter und Brüder durften nur in öffentliche Räume."

Das Leben war hart. In den Fischhallen standen die Frauen im kalten Wasser, Fischbratöfen standen offen herum. "Schwere körperliche Arbeit", sagt Roll knapp. Erst in den Sechzigerjahren setzte die Mechanisierung ein. Nach der Schicht wartete im Heim die Hausarbeit: Wäsche waschen, Kleider flicken. Zu viert in einem Zimmer, in schmalen Betten, mit einem Koffer als ganzem Besitz.
Vom Ruhrgebiet nach Spanien
Die Zusammensetzung der Bewohnerinnen änderte sich mit den Jahrzehnten. In den Zwanzigern kamen Frauen aus dem Ruhrgebiet, nach dem Zweiten Weltkrieg Geflüchtete aus den deutschen Ostgebieten. "Sie waren froh, nicht nur Arbeit, sondern gleich auch ein Dach über dem Kopf zu finden", sagt Roll. In den Sechzigern dann die große Welle: Durch Anwerbeabkommen kamen Frauen aus Spanien, Italien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei.
Roll konnte zwei spanische Zeitzeuginnen befragen. Ihre Berichte fließen in die Ausstellung ein. "Eine sagte, in den Zimmern ging es eigentlich immer, weil man unter Landsleuten war und sich verstand. Aber in der Küche, wenn alle zusammenkamen, oh Gott." Die Nationalitäten wurden in den Sechzigern bewusst getrennt untergebracht, aus sprachlichen Gründen, offiziell. Doch die Konflikte schwelten.

Trotzdem entstanden Freundschaften, manchmal mehr. "Die Seemänner wussten, hier wohnen viele junge Frauen", erzählt Roll. "Die haben dann auf der Straße gewartet. Man hat sich über die Fenster unterhalten und ist zusammen in die Kneipen losgezogen." Manche Beziehungen wurden zu Ehen. Und dann zog man aus dem Frauenwohnheim aus, hinein in die eigenen vier Wände.
Großfotos als Fenster in die Vergangenheit
Für die Ausstellung hat Roll tief in Archiven gegraben. "Wir hatten die Berichte der Heimgesellschaft, Briefwechsel, Dokumente aus dem Archiv von Horst Hutzfeldt und dem Stadtarchiv", zählt er auf. "Und natürlich die Fotos, die sind das Bedeutendste." Diese Aufnahmen, viele aus den Zwanziger- und Sechzigerjahren, hat Roll bewusst groß inszeniert. "Die bieten wirklich diesen Einblick in das Frauenwohnheim, in die Zeit, wie es gewesen ist."
Weil so wenige Originalexponate erhalten sind, hat Roll auf Kulissenbau gesetzt. Am Eingang empfängt ein Panorama des Elfenwegs die Besucher, komplett mit Marktstand, Gemüse und einem Fahrrad aus den Sechzigern. "Man soll erst mal eintauchen", erklärt er. Weiter geht es zu einem nachgestellten Schlafzimmer mit schmalen Betten, Koffern und Wäsche an der Leine - alles aus der Zeit, wenn auch nicht von Bewohnerinnen selbst.

Die größte Herausforderung? "Es ist meine erste Sonderausstellung, die ich selbst konzipiert habe", gibt Roll zu. "Ich bin erst durch die schriftlichen Quellen gegangen und habe dann angefangen zu schreiben. Dann kam die Frage: Wie stellt man das dar? Wie macht man es verständlich?" Unterstützt haben ihn Museumsmitarbeiterin Inga Branski, Dr. Jenny Sarazin und Haustechniker Gennadi Frank. "Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen."
Das Ende einer Ära
1975 schloss das Frauenwohnheim seine Türen. "Der Fischfang war zu unstetig, zu saisonabhängig", erklärt Roll. "Und der Wunsch nach den eigenen vier Wänden wuchs. Es war einfach aus der Zeit gefallen." Heute sind im denkmalgeschützten Gebäude am Elfenweg Behörden untergebracht. Vom Leben der Frauen ist äußerlich nichts mehr zu sehen.
Doch in der kommenden Ausstellung im Museum Windstärke 10 wird es wieder lebendig. Roll hofft, dass die Besucher "sich unterhalten fühlen, gerne durch den Raum gehen und bestenfalls etwas über die Geschichte dieser Frauen mitnehmen". Es ist Heimatgeschichte, Stadtgeschichte, aber auch eine universelle Erzählung über Migration, Frauenarbeit und das Ringen um ein besseres Leben.
Was hat Roll an der Arbeit am meisten Freude gemacht? "Diese Abwechslung zwischen historiografischer Arbeit, die ich gelernt habe, und dann: Wie gestaltet man das? Wie macht man es schön und anregend?" Er lacht. "Einmal diskutierte ich über einen Begriff, wie ich das jetzt eleganter schreibe. Dann sagte Herr Frank: ,Wir müssen jetzt Lametta kaufen.' Genau das ist es, was mir gefällt."