Härterer Wind im Gesundheitswesen: Cuxhavener Facharzt fordert Offenheit ein
Eine Reform im Gesundheitswesen jagt die andere: Der Cuxhavener HNO-Arzt Dr. Dieter Czapski hat sich angeschaut, was das bedeuten kann. Er warnt vor langfristigen Auswirkungen, wenn Wartezeiten länger werden und die Weiterbildung unattraktiv wird.
Die Wortungetüme sind kaum noch zu fassen und das Tempo, mit dem die Reformen im Gesundheitswesen durchgedrückt werden, auch nicht. Klar ist nur, dass sie die Kosten im Gesundheitssystem senken sollen. Patientinnen und Patienten werden die Auswirkungen der Gesetzgebungsvorhaben an mehreren Stellen zu spüren bekommen.
Was diese konkret erwartet, sollte klar kommuniziert werden, findet Dr. Dieter Czapski, Vorsitzender des Bezirks Stade im Berufsverband der HNO-Ärzte. Im Gespräch mit unserer Redaktion hat er Hintergründe beleuchtet und prophezeit: "Das wird richtig hart." Dabei liegt ihm Stimmungsmache überhaupt nicht, schon gar nicht in der Praxis. Hinter den Kulissen aber habe er in den vergangenen Tagen Kollegen so aufgewühlt erlebt wie noch nie. "Selbst bislang sehr besonnene Personen haben erklärt, dass sie sich das nicht mehr lange anschauen werden", berichtet er. Besonders verbitternd sei die Erkenntnis, dass alle im Vorfeld geführten Gespräche offenbar nur als Alibiveranstaltungen gedient hätten.

Neben mehr Ehrlichkeit und Offenheit den Menschen gegenüber, die für ihre teils hohen Versicherungsbeiträge eine ordentliche medizinische Versorgung erwarteten, hätte er sich ebenso einen fairen Umgang mit denjenigen erhofft, die jeden Tag für diese medizinische Versorgung einträten, so Czapski.
Was genau kommt auf die Patientinnen und Patienten zu?
Primärarztversorgungssystem: Bis auf wenige Ausnahmen (Augenheilkunde, Gynäkologie; die HNO gehört erstmals nicht mehr zu den Basisversorgern) sollen sie zuerst die Hausarztpraxis aufsuchen. Dort sollen laut der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) über 80 Prozent der Beratungsanlässe abschließend geklärt und behandelt werden. Facharztbesuche ohne Überweisung sollen mit einer Gebühr belegt werden. Ein abschließender Beschluss fehlt noch, der Cuxhavener Mediziner glaubt aber, dass die Haus- und Fachärztinnen und -ärzte in Cuxhaven diesen Teil der Reformen im Interesse ihrer Patientinnen und Patienten noch gut hinbekommen können. Die Zusammenarbeit habe Tradition - erst kürzlich sei schließlich in den CN auf der Seite "Heute vor 25 Jahren" zu lesen gewesen, dass die Ärzte damals schon gemeinsam auf der Straße gestanden hätten.
Ende des Terminservice- und Versorgungsgesetzes
GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz: Dieses soll in Kürze beschlossen werden. Verbunden ist damit neben der bekannten Erhöhung der Zuzahlungen und der Streichung des Hautkrebs-Screenings unter anderem auch die Aufkündigung des Terminservice- und Versorgungsgesetzes. Dieses gibt hausärztlichen Praxen zurzeit noch die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten in dringenden Fällen fachärztlich vorzustellen (Hausarztvermittlungsfälle). Versicherte können über die Terminservice-Stelle der Kassenärztlichen Vereinigung innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin erhalten und in dringenden Fällen an fünf Stunden in der Woche einen basisversorgenden Facharzt (zum Beispiel HNO, Augenheilkunde) ohne Termin aufsuchen, was extrabudgetär vergütet wurde.

In seiner Gemeinschaftspraxis sei das mit einem Ansturm von täglich über 20 Patientinnen und Patienten überaus gut in Anspruch genommen worden, so Czapski. Da jedoch der Gesetzentwurf eine Streichung der Vergütung für die offene Sprechstunde vorsehe, dürften die wenigsten Praxen diese Versorgung aufrechterhalten. Czapskis Verband prophezeit hierdurch einen weiteren Run auf Hausarztpraxen und Notaufnahmen.
Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG): Das am 1. Januar 2027 in Kraft tretende Gesetz wird dazu führen, dass sehr viele Fachabteilungen (sicherlich die Hälfte allein der HNO-Abteilungen) schließen müssen. Unter anderem liegt das daran, dass kleine Krankenhäuser die erforderliche Facharztquote pro Abteilung nicht werden erreichen können. Diese Konzentration wird Wartezeiten, insbesondere auf ambulante Operationen, verlängern. Insbesondere für Kinder mit eingeschränktem Hörvermögen sei das fatal: "Der Rückstand in der Hörbahnreifung und Sprachentwicklung, den ein Kind erleidet, wenn es ein Jahr lang nicht richtig hört, ist nie wieder aufzuholen." Hinzu kämen die Auswirkungen auf die Facharztweiterbildung: "Kaum ein gerade approbierter Arzt oder Ärztin wird sich einem Fach zuwenden, bei dem nicht klar ist, ob eine fünfjährige Weiterbildung erfolgen kann", so Czapski.
Das Fach werde zu Grabe getragen und die aktuelle politische Entwicklung, bei der ein Austausch mit den im Gesundheitswesen Tätigen entweder nicht stattfinde oder ignoriert werde, beschleunige das Praxissterben noch. Die demokratische Auseinandersetzung mit den gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Mitte und den Krankenkassen dürfe deshalb nicht aufhören. Und noch einen Wunsch hat er im Hinblick auf die Beschäftigten in der ersten Reihe: "Bitte nicht den Frust an denen auslassen, die Tag für Tag das System am Leben erhalten."