In Cuxhaven: Autor Max Czollek diskutiert deutsche Erinnerungskultur mit Publikum
Max Czollek fordert im Schloss Ritzebüttel eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur und hinterfragt ihre Wirksamkeit. Diskutiert wurde über Alltagsrassismus, Antisemitismus und politische Entwicklungen.
Ein Abend zwischen Selbstvergewisserung, Widerspruch und der Frage nach den Grenzen deutscher Erinnerungskultur: Der Autor und Politikwissenschaftler Max Czollek diskutierte am Mittwochabend (27. Mai 2026) im Schloss Ritzebüttel mit rund 50 Gästen über die gesellschaftliche Bedeutung des Erinnerns in Deutschland. Eingeladen hatte der Landkreis Cuxhaven mit Unterstützung der Stadt Cuxhaven.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Friedhelm Ottens, Erster Kreisrat des Landkreises Cuxhaven. Bereits in seiner Begrüßung setzte Ottens einen bewusst kritischen Akzent. Er sprach über Alltagsrassismus und Antisemitismus und äußerte die persönliche Einschätzung, dass auch die Gastfreundschaft in Cuxhaven "noch verbesserungswürdig" sei.
Im Zentrum des Abends stand das Buch "Alles auf Anfang", das Czollek gemeinsam mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker veröffentlicht hat. Das Buch versteht sich weniger als historischer Rückblick denn als Diagnose der politischen Gegenwart. Ausgangspunkt ist die Frage, warum eine Gesellschaft, die sich selbst als international anerkanntes Vorbild der Vergangenheitsbewältigung begreift, zugleich erneut eine starke völkisch-nationalistische Bewegung hervorbringt.
Wurde Erinnerungskultur zunehmend ritualisiert?
Czollek zeichnete dabei das Bild einer Erinnerungskultur, die aus seiner Sicht zunehmend ritualisiert worden sei. Formeln wie "Nie wieder ist jetzt" liefen Gefahr, ihren politischen Gehalt zu verlieren, wenn sie nicht mit konkreten gesellschaftlichen Konsequenzen verbunden würden. Die Bundesrepublik habe zwar eine umfangreiche Gedenk- und Aufarbeitungslandschaft geschaffen, die eigentliche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den historischen Voraussetzungen nationalsozialistischer Gewalt sei jedoch vielfach unvollständig geblieben.
Besonders zugespitzt formulierte der Autor seine These, dass die frühe Bundesrepublik nach 1945 einen Weg gesucht habe, moralische Verantwortung sichtbar werden zu lassen, ohne die gesellschaftlichen und familiären Kontinuitäten grundlegend infrage zu stellen. Gedenkveranstaltungen und symbolische Akte des Erinnerns seien deshalb auch Ausdruck eines Bedürfnisses gewesen, Aufarbeitung zu leisten, ohne die eigene soziale Ordnung nachhaltig zu erschüttern.
Verbindungen zu aktuellen politischen Entwicklungen
Immer wieder verband Czollek diese Überlegungen mit aktuellen politischen Entwicklungen. Deutlich wandte er sich gegen die AfD, kritisierte zugleich aber auch die Migrationspolitik von CDU und SPD. Skeptisch betrachtete er Begriffe und Narrative, die nationale Identität oder Heimat positiv aufladen. Auch politische Schlagworte wie "Heimatministerium", "Wiederaufrüstung" oder "Wiedervereinigung" ordnete er in eine Entwicklung ein, die aus seiner Sicht problematische nationale Selbstbilder stabilisiere.
Gerade diese weitreichenden Deutungen führten im Publikum zu kontroversen Reaktionen. Eine Cuxhavenerin, die sich seit Jahren in der lokalen Erinnerungsarbeit engagiert, fragte sichtbar bewegt, ob das bisherige Engagement vieler Initiativen damit letztlich als wirkungslos erscheinen müsse. Czollek antwortete ausweichend, aber differenziert: Aus der jeweiligen historischen Situation heraus sei dieses Engagement keineswegs falsch gewesen. Eine konkrete Vorstellung davon, wie eine zeitgemäße Erinnerungskultur künftig aussehen könne, formulierte er allerdings nicht.
Breiten Raum nahm auch die Diskussion über Antisemitismus und jüdisches Leben in Deutschland ein. Czollek betonte mehrfach, dass es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft keine homogene Position gebe. Besonders sichtbar geworden sei dies nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Er selbst habe damals den Druck verspürt, sich solidarisch mit Israel zu zeigen. Zugleich beobachte er eine zunehmende begriffliche Unschärfe zwischen Antizionismus und Antisemitismus.
"Diese Gedenkfeiern waren genau richtig"
Aus dem Publikum meldete sich auch Jochen Sieper, zweiter Vorsitzender der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bremen/Bremerhaven, zu Wort. Er widersprach ausdrücklich der Sorge, bisherige Formen des Gedenkens seien bedeutungslos gewesen. "Diese Gedenkfeiern waren genau richtig", sagte Sieper. Erinnerung müsse dauerhaft sichtbar bleiben. Gleichzeitig schilderte er die konkrete Realität jüdischen Lebens in Deutschland: Gottesdienste könnten vielerorts nur unter Polizeischutz stattfinden, jüdische Schülerinnen und Schüler seien im Alltag immer wieder Anfeindungen ausgesetzt.
Eine weitere Publikumsfrage zielte auf die Rolle von Bildung im Kampf gegen Antisemitismus. Czollek verwies hierbei eher allgemein auf soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Als zugespitzte Antwort brachte er den Begriff "Kommunismus" ins Spiel — eine Bemerkung, die im Publikum durchaus Irritation hervorrief.
So blieb der Abend über weite Strecken widersprüchlich und in vielen Punkten unkonkret. Während Czollek grundlegende Kritik an der bestehenden Erinnerungskultur formulierte, blieben konkrete Antworten auf die Frage nach praktikablen Alternativen weitgehend aus. Gerade diese Leerstelle sorgte bei Teilen des Publikums für spürbare Irritationen. Die Veranstaltung hielt damit zwar ihr Versprechen ein, provokante Debatten anzustoßen, hinterließ bei manchen Zuhörern jedoch auch den Eindruck eines Abends, der mehr Zweifel formulierte als Lösungen aufzeigte.
Von Myriam Domke-Feiner
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