Das JMD-Team (v.l.): Dorota Mrusek (hinten), Damaris Wolters, Nadije Mehmedi, Daniela Fontein und Vera Nickels. Foto: Wehr
Das JMD-Team (v.l.): Dorota Mrusek (hinten), Damaris Wolters, Nadije Mehmedi, Daniela Fontein und Vera Nickels. Foto: Wehr
Das Wochenend-Gespräch 

Jugendmigrationsdienst in Cuxhaven: Hier werden Chancen und Perspektiven eröffnet

von Maren Reese-Winne | 03.01.2026

Nicht alle Projekte des Jugendmigrationsdienstes haben ein so großes Publikum wie das Musikvideo gegen Cybermobbing, das in der Oberschule Cuxhaven-Mitte die Zuschauer bewegte. Aber nachhaltig sind sie alle. Wir sprechen mit den Menschen dahinter.

Das Team bestand darauf, die Fragen gemeinsam zu beantworten. Die Fragen stellte Maren Reese-Winne.

Seit wann gibt es den Jugendmigrationsdienst und was sind seine Aufgaben?

Der Jugendmigrationsdienst nahm im April 2008 in der Trägerschaft des Paritätischen Cuxhaven seine Tätigkeit auf. Ziel der sozialpädagogischen Begleitung war es, die sprachliche, soziale, schulische und berufliche Integration der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu verbessern, Chancengerechtigkeit und Partizipation in allen Bereichen des sozialen, kulturellen und politischen Lebens zu fördern.

An welche Altersgruppe wenden Sie sich?

Der vom Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderte Jugendmigrationsdienst (JMD) versteht sich als Fachdienst der Jugendsozialarbeit für zugewanderte junge Menschen von 12 bis 27 Jahren.

Welche Sprachen sprechen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Ihrer Projekte und sind Deutsch-Kenntnisse Pflicht?  

Arabisch, Ukrainisch, Russisch, Polnisch, Dari, Persisch, Paschtu, Somali, Französisch, Englisch, Griechisch, Türkisch, Bulgarisch, Chinesisch, Serbisch, Spanisch und Malinke-Sprache aus Westafrika. Deutschkenntnisse sind keine Pflicht.

Welche Personen gehören dem Team an?  

Im Jugendmigrationsdienst Cuxhaven sind Dorota Mrusek mit einer halben und Vera Nickels mit einer Vollzeitstelle tätig. Eine Vollzeitstelle im Programm "Jugendmigrationsdienst im Quartier" teilten sich Daniela Fontein und Mariana Härtel. Zwei Vollzeitstellen des Programms "Respekt Coaches" wurden mit Dorota Mrusek, Daniela Fontein, Damaris Wolters und Nadije Mehmedi besetzt.

Welche Projekte sind in Stadt und Kreis Cuxhaven bereits ins Leben gerufen worden?

Mit Unterstützung des Bundesprogramms "Demokratie leben!" konnte der JMD sehr viele Projekte für Jugendliche in der Stadt und im Landkreis Cuxhaven umsetzen, zum Beispiel 2025 die "Youniworth"-Ausstellung in Bederkesa. Youniworth richtet den Blick auf das Zusammenleben junger Menschen in Deutschland. Neben der Möglichkeit, sich multimedial  zu informieren, schuf die Ausstellung einen Ort der Begegnung für junge Menschen, Fachkräfte und Politik. Seit Jahren kooperieren wir auch mit der Theatergruppe "Das Letzte Kleinod". In den Osterferien 2025 nahmen die Jugendlichen am Projekt "Peatland" in Geestenseth teil und in den Herbstferien durften sie im Stück "Wasserwege" mitwirken. In den Sommerferien fand ein Filmprojekt zu den Themen Meeresmüll, Verpackungen und Konsum statt.

Mit Jugendlichen geht es immer wieder an Schauplätze in Cuxhaven. Foto: Wehr

Im Sommer 2025 ging es mit 23 Jugendlichen um die Frage "Wie ich nach Deutschland gekommen bin". Der Besuch des Auswandererhauses war die Basis, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und hieraus Briefe zu verfassen. So entstand der Projekttitel "Briefe aus Cuxhaven", gefolgt von einer gleichnamigen knapp 50-seitigen DIN A4-Broschüre. Noch ein Beispiel: das Graffiti-Großprojekt von "JMD im Quartier" in Süderwisch. 17 an einen Spielplatz grenzende Garagenrückwände (etwa 120 qm) erhielten ein neues Gesicht, nachdem sie gereinigt, verputzt und grundiert worden waren. Über 50 Kinder malten und sprühten unter künstlerischer Anleitung. Nach der feierlichen Einweihung mit Oberbürgermeister und Bürgermeister, Nachbarn und Eltern gab es zur Belohnung Eis aus dem Eiswagen und die Kinder durften sich selbst feiern.

Gibt es neben zeitlich begrenzten Projekten auch ständige Angebote?  

Ja, wir arbeiten intensiv daran, unsere Sprachangebote fest zu etablieren. Über ein Jahr lang waren wir bereits fest an der Realschule präsent. Leider konnte diese Kooperation aufgrund von Budgetkürzungen nicht weitergeführt werden. Wir setzen jedoch alle Hebel in Bewegung, um die Sprachtrainings dauerhaft bei uns fortzuführen. Seit einigen Jahren finden in Süderwisch außerdem einmal wöchentlich der Freizeit-, der Mädchen- und der Kunsttreff statt, offen für alle Kinder und Jugendlichen im Viertel und ausgerichtet an ihren Bedarfen und Wünschen.

Gibt es Herzensprojekte?  

JMD im Quartier: Graffiti-Projekt in Süderwisch. Respekt Coaches: Theaterworkshops und die Rap-Projekte in den Schulen. JMD: "Briefe aus Cuxhaven".

Was hat der JMD für das Musikvideo-Projekt gegen Cybermobbing in der Oberschule Cuxhaven-Mitte getan?

Im Rahmen des Respektcoach-Programms organisierte der JMD einen Rapworkshop mit zwei "Rapagogen". An zwei Tagen schrieb eine 9. Klasse unter der Anleitung der Rapagagon und der Begleitung der Klassenleitung und eines Respektcoaches ihren Song und nahm diesen im Tonstudio auf. 

Wer sind die "Rapagogen" genau?  

Es sind Rapmusiker aus Mannheim von der Who.am.I Creative Academy, die Qualifikationen aus den Bereichen Pädagogik, Logopädie und Sozialarbeit mitbringen. Sie schaffen es immer wieder, die allermeisten Jugendlichen zu motivieren und eine vertrauensvolle und wertschätzende Atmosphäre zu kreieren, die oft über das Projekt hinaus wirkt.

Was ist unter dem Begriff "Respekt Coaches" zu verstehen?

Wir sind pädagogische Fachkräfte, die im Rahmen des gleichnamigen Bundesprogramms an Schulen tätig sind, um Respekt und Toleranz sowie demokratische Werte zu fördern. Themen sind - je nach Bedarf - die Bereiche Extremismusprävention, Prävention gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie Antidiskriminierung, aber auch Mobbingprävention, Medienkompetenz, Stärkung der Resilienz und Selbstwirksamkeit. Erlebnispädagogik, Theaterpädagogik und generell ein starker Fokus auf Partizipation ermöglichen das Lernen mit allen Sinnen. Zusätzlich sind die Respekt Coaches das Verbindungsglied zwischen Lehrkräften, Schulsozialarbeit und JMD.  

Konnten Sie bereits verfolgen, wie es früher durch Sie begleiteten Jugendlichen später ergangen ist? 

Ja, wir konnten schon sogar ein Projekt hierzu durchführen. Unter dem Motto "Cuxhaven und was weiter…?"  machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Suche nach Lebenswegen der vom JMD Cuxhaven begleiteten jungen Menschen. Sie führten 22 Interviews, beschäftigten sich intensiv mit deren Biografien und stellten viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben fest. Sie nahmen mit, dass es für alle neuzugewanderten jungen Menschen anfangs schwer war, aber dass alle ihren Weg gegangen sind. Diese Erkenntnis brachte Mut, Hoffnung und Zuversicht für den eigenen Weg. Auch für uns Mitarbeiterinnen war das sehr bewegend, denn mit vielen Jugendlichen von damals stehen wir immer noch im Kontakt. Viele bleiben in der Nachbetreuung, besuchen uns und einige sind mit uns auf Facebook befreundet.

Viele Kulturprojekte konnten dank der Unterstützung des Jugendmigrationsdienstes umgesetzt werden. Foto: Wehr

Wie gelingen Begegnung und die Einbeziehung der Öffentlichkeit?

Am besten durch die Präsentation der aktuellen Projekte. Dadurch können wir auf die Bedarfe und Themen der jungen Menschen aufmerksam machen.

Wie wichtig ist für Sie Netzwerkarbeit?

Sie ist auf mehreren Ebenen entscheidend: Partnerschaften und Ressourcen in den Bereichen Politik, öffentliche Hand sowie Medien helfen, unsere Arbeit transparenter zu machen und stärken das Vertrauen in unsere Arbeit. Kooperative Beziehungen zu Jugendhilfe, Schulen und weiteren lokalen Trägern helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und präventiv gegenzusteuern.

Dennoch gibt es Probleme in der Kontinuität der Finanzierung. Was steckt dahinter?

(Hierzu antwortete Kai Uhlhorn, stellvertretender Pari-Geschäftsführer, kl. Foto oben): Der Jugendmigrationsdienst wird vom Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert, begleitet durch einen Kinder- und Jugendplan. Dieser wurde für 2026 aufgestockt, sodass man vermuten könnte, die Förderung wäre auch für den JMD auskömmlich. Unter dem Kinder- und Jugendplan (KJP) stehen aber diverse Vorhaben, zum Beispiel auch der Bundesfreiwilligendienst. Das Budget dafür wurde, mit Blick auf die Wehrpflicht, auch angehoben. Beim Regelprogramm JMD hingegen gab es keine Erhöhung, sodass es faktisch zu einer Kürzung kam, wenn Lohnsteigerung, Mieten und andere Kosten mitberücksichtigt werden. Im Raum stehen geplante Reduzierungen um sechs bis sieben Prozent. Bereits 2024 mussten 14 Prozent kompensiert werden.

Zuvor hatte der Internationale Bund (IB) immer wieder den JMD durch offene Mittel aus anderen Bereichen im KJP querfinanzieren können. Dies untersagte das Ministerium für das Haushaltsjahr 2025. Für 2026 sind darüber hinaus Kürzungen in Höhe von 10.000 Euro bei den Mitteln der Projekte des JMD im Quartier vorgesehen (ein Drittel), dies gilt bundesweit je Vollzeitstelle. Als Träger sind wir seit Jahren bestrebt, weitere Förderungen zu nutzen: "Demokratie leben", "Kultur macht stark" und andere Programme.

2025 konnten Personalkürzungen abgewendet werden, da die Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe des Landkreises Cuxhaven mit zusätzlich 10.000 Euro unterstützen konnte. Auch für 2026 hat der Kreis die Bereitschaft zur weiteren Unterstützung signalisiert, kann aufgrund der Haushaltslage aber aktuell keine Zusage geben.

Das Regelprogramm JMD arbeitet im gesamten Landkreis, hat überragende Beratungszahlen und arbeitet an seiner Belastungsgrenze. Integration wird hier wörtlich genommen. Als Träger kann ich die Haushaltsplanungen und -ansätze nicht nachvollziehen, da insbesondere die Folgekosten deutlich höher ausfallen werden.

Was wünschen Sie sich von der öffentlichen Hand, gerade im Hinblick auf die Nachhaltigkeit Ihrer Arbeit, die ja soziale Systeme langfristig entlastet?

Uhlhorn: Wir würden uns eine langfristige Finanzierung (Mehrjahresförderungen) wünschen, da nur so die Planbarkeit und Nachhaltigkeit unserer Arbeit garantiert werden kann.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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