Kitzretter aus der Cuxhavener Jägerschaft haben ab sofort mehr Kapazitäten
Ein Verein schafft seit knapp einem Jahr die Basis für die ehrenamtlichen Wildtierrettungseinsätze. Darüber hinaus verfügen die Aktiven aus dem Cuxhavener Hegering 8 über eine weitere, hochmoderne Drohne.

Auf dem Display wird das Tier als heller Fleck angezeigt. Marc Lühr wechselt vom Wärmebild in die optische Ansicht und zoomt das Objekt näher heran. Kein Kitz haben die Jäger bei diesem Testflug entdeckt. Es ist ein Bock, und obwohl die Drohne in 70 Metern Höhe steht, lässt sich das Gehörn auf dem Bildschirm deutlich erkennen.
Phänomenal sei, was das neue Fluggerät leiste: Das haben Lühr und seine Jagdkameraden vom Hegering 8 schon im Vorab-Gespräch angedeutet: "Ein Quantensprung in puncto Technik", heißt es mit Blick auf Akkulaufzeiten, Auflösung und die KI-Features der Matrice 4TD. "Wir versprechen uns, dass wir dadurch noch leistungsfähiger werden", sagen die Wildtierretter, die vor drei Jahren mit einer ersten Kamera-Drohne begannen. Mehr als 150 Jungtiere haben sie seither vor dem Mähtod bewahrt, in der vergangenen Saison waren es allein 66 Rehkitze.
In ihrer Kinderstube sind Kitze durchaus gefährdet
Die Ricke legt ihren Nachwuchs im hohen Gras ab; wenn im Mai die erste Mahd ansteht, sind die oft erst wenige Tage alten Kitze nicht in der Lage, einem herannahenden Mähwerk auszuweichen. Weil sie für den Maschinenführer nicht zu erkennen sind, würden die Tiere grausam verstümmelt - fände keine Absuche statt, die mit moderner Technik weitaus zuverlässiger erfolgen kann als mit analogen Mitteln.
Trotzdem sind den ehrenamtlich agierenden Teams Grenzen gesetzt: Sobald sich der Boden nach Sonnenaufgang erwärmt, lässt sich auf einem Wärmebild kaum noch zwischen Tier und Maulwurfshügel differenzieren. "Gegen 7.30 Uhr ist normalerweise das Ende der Fahnenstange erreicht. Außerdem ruft bei vielen der Arbeitsplatz", so Wolfgang Mordhorst über das in der Praxis relativ schmale Zeitfenster. Ist jenes verstrichen, müssten Landwirte, deren Flächen noch nicht abgesucht werden konnten, die Mahd verschieben. Anderenfalls könnten sie sich tierschutzrechtlich auf recht dünnem Eis bewegen.
Eine Lösung verspricht nun die Aufstockung der technischen Kapazitäten. "Wir brauchen eine zweite Drohne", hieß es im Hegering 8 schon vor Jahresfrist. Mitglieder gründeten zu diesem Zweck einen Verein: Unter dem Namen "Wildtierrettung Hegering 8" wurde er im vorigen Sommer offiziell registriert; der mit der Gründung verbundene Aspekt der Gemeinnützigkeit bildete ein wichtiges Kriterium, um bei der niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung um Unterstützung anzufragen. Annähernd so viel wie ein Motorrad kostet eine Wildtierdrohne dieses Kalibers; Bingo steuerte rund die Hälfte der Anschaffungskosten bei. Die anderen 50 Prozent stammen von Spendern aus dem Bereich der örtlichen Wirtschaft und mehreren Jagdgenossenschaften (namentlich der Jagdgenossenschaft Köstersweg). Sie alle zahlten auf ein gebührenfrei bereitgestelltes Konto der Sparkasse ein.
Frühaufsteher erwartet ein Naturerlebnis
"Ein Kitz gerettet zu haben, vergisst man nicht." Für Schatzmeister Jörg Tröger ist dieses Gefühl Entschädigung genug für den Schlafmangel, den die ehrenamtlichen Rettungseinsätze (sie beginnen weit vor Tagesanbruch) unweigerlich mit sich bringen. Wer's nicht glaubt, dürfe das gerne mal ausprobieren: "Viel mehr als eine Regenhose, festes Schuhwerk und ein bisschen Durchhaltevermögen braucht man nicht für dieses Naturerlebnis", sagt Tröger und kommt dabei auf Personaldecke zu sprechen. "Wir können tatsächlich noch Helfer gebrauchen", bestätigt Marc Lühr: Kräfte, die mittels der vom Drohnen-Piloten abgelesenen Informationen zur Fundstelle dirigiert werden. Das Aufsammeln geht im Regelfall schnell: Ein Kescher gewährleistet, dass das Kitz nicht "verspringt". Um Geruchsmarken zu vermeiden, streifen die Wildtierretter Handschuhe über, bevor sie ein Tier in eine Transportbox heben. In diesen Boxen - neuerdings sind sie aus Kunststoff - wird das Rehkitz sicher verwahrt, bis die Wiese abgemäht wurde. Auf ähnliche Weise seien auch schon Junghasen gerettet worden, berichten die Vereinsmitglieder, die auch in diesem Jahr wieder aktiv werden und im Raum zwischen Lüdingworth, Altenwalde und Wanhöden mehrere tausend Hektar Fläche durchkämmen werden.
Die Maßnahmen - dieser Hinweis ist ihnen wichtig - erfolgen nicht auf eigene Faust, sondern im Einverständnis mit den Flächeneigentümern und in Absprache mit den Jagdpächtern. Sonst könnte schon ein Drohnen-Suchflug als "Nachstellen" (und somit als Tatbestand der Wilderei) ausgelegt werden.