Kleingärtnerverein in Cuxhaven im Wandel: Früher Überleben heute Lebensqualität
Feiern, Erinnerungen und neue Herausforderungen: Der Kleingärtnerverein Süderwisch zelebriert 80 Jahre Bestehen, während Generationen aufeinandertreffen und die Liebe zur Natur und Selbstversorgung neu aufleben lassen.
Der Kleingärtnerverein Süderwisch besteht seit 80 Jahren. Es sind Menschen wie Renate und Hans-Georg Schön, die hier in ihrer Freizeit am Ackern sind. Sie sind am längsten dabei. Seit 52 Jahren sind die 77-Jährige und ihr ein Jahr älterer Ehemann Pächter in der Kleingartenanlage und stehen doch vor neuen Herausforderungen. Sven Schneider (31) und Tabea Lötzsch (25) hingegen haben ihren Garten erst seit drei Wochen und richtig Lust darauf, sich hier eine grüne Oase mitten in der Stadt zu schaffen.
"Früher ging es ums Überleben, heute um Lebensqualität"
Das 80-jährige Bestehen dieser Laubenpieper-Anlage war am Sonnabend (4. Juli 2026) Anlass eines Sommerfestes, bei dem auch der Cuxhavener Shanty-Chor und die Line-Dancer ihren Auftritt hatten und nur das Wetter nicht so richtig mitspielen wollte. Bärbel Reyelt, seit Februar Vorsitzende des Kleingärtnervereins, verdeutlichte in ihrer Ansprache den Wandel in der Nutzung. 1946 kurz nach dem 2. Weltkrieg standen nicht Blumen und Erholung im Vordergrund, sondern der Zweck, die Familie mit Lebensmitteln zu versorgen. "Früher ging es ums Überleben, heute um Lebensqualität", unterstrich sie. Eines aber sei geblieben: "Die besten Tipps bekommt man immer noch über den Gartenzaun."
Parzellen stehen leer und zur Pacht
Bürgermeister Thomas Brunken überbrachte Glückwünsche der Stadt Cuxhaven und dankte den Kleingärtnern für ihren Beitrag für den Natur- und Umweltschutz. Für den Bezirksverband der Kleingärtner sprach Michael Schröder ein Grußwort. Im Kleingärtnerverein Süderwisch gibt es zurzeit rund 100 Pächter. Für Interessenten stünden noch freie Parzellen bereit. "Wir haben viele neue Pächter. Das sind vor allem junge Familien, die darauf Lust haben. Der Trend geht zum Glück wieder hin zum Gärtnern und zu mehr Selbstversorgung", freut sich die Vorsitzende, die selbst mit Leidenschaft das eigene Obst und Gemüse anbaut. Ein Kleingarten nur zum "Chillen und Grillen" werde im Verein nicht so gern gesehen, so Bärbel Reyelt.

Solche Menschen sind dem leidenschaftlichen Kleingärtner Hans-Georg Schön ein regelrechter Dorn im Auge. Die Zeiten hätten sich nicht zum Guten gewandelt. Früher seien alle Gärten intakt, sauber und gepflegt gewesen und die Leute hätten das Kleingartenwesen zur Selbstversorgung noch ernst genommen. Das sei heute leider oft nicht mehr so, beklagt er eine Zunahme an Trampolinen, Spielgeräten und Planschbecken anstelle von Strauchobst, Gemüse- und Kräuterbeeten. Es bedeute zwar viel Arbeit und die meiste Freizeit hätten er und seine Frau im Garten verbracht: "Aber Gartenarbeit hält auch jung und fit", meint der Rentner. Die längsten Pächter stehen vor einem Neuanfang. Gerade erst richtet das Ehepaar Schön einen neuen Garten her, weil die Stadt seine und weitere Parzellen für das Neubaugebiet benötigte. "Seit einem halben Jahr ziehen wir mit unseren Pflanzen um, das ist viel schwieriger, als aus einer Wohnung umzuziehen, aber jetzt sind wir auf der Zielgeraden."
Neulinge mussten das verwilderte Grundstück roden
Die Neulinge Sven Schneider und Tabea Lötzsch haben vor, sich hier gärtnerisch zu betätigen und sich im Verein zu engagieren. Für sie bedeutet der Garten aber auch willkommener Außenraum für die Familie: "Wir wohnen in einer Wohnung und haben dort keinen Garten. Unser Sohn ist zwei Jahre alt und spielt gerne draußen", freuen sie sich über ihr grünes Wohnzimmer. Der Hafenarbeiter und die Sozialpädagogin wohnen gleich um die Ecke. Über Freunde erfuhren sie von den freien Parzellen und entschlossen sich zur Pacht. Sie haben richtig Lust darauf, hier gemeinsam Zeit zu verbringen und Obst und Gemüse zur Selbstversorgung zu ziehen. Doch bevor sie Tomaten, Kartoffeln und Salat anbauen können, müssen sie erst einmal für Struktur sorgen, denn der Garten war komplett verwildert. Sie beseitigten den brusthoch stehenden Schachtelhalm, frästen die Fläche durch und säten Rasen an. Aber die erste Ernte ist dennoch in Sicht. Auf dem Grundstück stehen mehrere alte Obstbäume.
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