Atemwegserkrankungen: Kinderarzt aus dem Kreis Cuxhaven spricht von "extremer Welle"
Cuxhaven/Wremen/Nordholz. "Am Montag haben wir 186 Patienten versorgt und am Dienstag 149 Patienten", schrieb Kinderarzt Michael Scheel vergangene Woche auf Instagram. Grund ist eine Infektionswelle riesigen Ausmaßes.
Zu spüren bekommen dies im Moment unter anderem die Schulen, die den Unterricht im Notbetrieb aufrecht erhalten. Zum Teil werden Klassen zusammengelegt. Die Liste für die Nachschreib-Termine für Arbeiten und Klausuren sind voll. Und zu spüren bekommen es eben auch die Ärzte. Kinderarzt Michael Scheel, den wir auf seinen Instagram-Post ansprachen, hat es inzwischen selbst erwischt; ähnlich soll es Kollegen gehen. "In zwei Jahren mit Maske ist diese Infektwelle ausgeblieben", erklärt der Kinderarzt, der in Wremen Kinder aus dem gesamten Kreisgebiet und darüber hinaus behandelt , lediglich das RV-Virus sei im vergangenen Jahr etwas aktiver gewesen. Kein Vergleich mit der aktuellen Situation: "Wir haben eine Riesen-RSV-Welle." Das Respiratorische Synzytial-Virus kann schwere Atemwegsinfektionen verursachen: "Wir haben extrem viele schwer kranke Kinder." Am Freitag, kurz bevor er selber ausfiel, habe er noch mehrere Kinder ins Krankenhaus eingewiesen.
Offensiv auf die Eltern zugehen
Umso wichtiger sei es in dieser Situation, offen auf die Eltern zu zugehen. Er tue dies sehr offensiv - seit längerem auch in den sozialen Netzwerken und mit einer App, mit der er mit den Eltern verbunden ist. Dort habe er darum gebeten, nur in die Praxis zu kommen, wenn es den Kinder wirklich schlecht gehe. Tatsächlich hätten daraufhin über 30 Eltern ihre Termine abgesagt - Zeit, in denen er sich um schwerkranke Patienten kümmern konnte. Routineangelegenheiten wie das Ausstellen von Kinder-Krankschreibungen versucht Scheel möglichst abseits des Praxisgeschehens per E-Mail abzuwickeln und bezieht die Eltern aktiv mit ein ("wir lernen da gemeinsam"), indem er sie beispielsweise bittet, nicht zu kommen, um sich nur ein Rezept für frei verkäufliche Medikamente zu holen. Ein einfacher Schnupfen könne auch mit Geduld und Zuwendung zu Hause ausgestanden werden. Ohne große Zusatzmaßnahmen: "Hustensaft hilft den Eltern, die gerne etwas tun wollen, damit es ihrem Kind besser geht", sagt er lakonisch und unterstreicht provokant: "Hustensäfte sind Placebos für Eltern und Kind." Nicht viel anders sei es mit Kochsalzlösung-Inhalationen, so seine Erfahrung: "Den Rachen befeuchtet auch ein Schluck Wasser."
Im Nachhinein wird alles nachgeholt
"Im Nachgang zur Pandemie stellen wir in der Bevölkerung eine sinkende Immunität gegen Erkältungsviren fest", so Scheel. Vor allem die Kinder mit ihrem untrainierten Immunsystem holten jetzt nach, was alle Kinder durchmachen müssten. "Ich nenne die Kita immer das Trainingslager für das Immunsystem." Oder ein anderes Bild: Wenn das Immunsystem eine Polizeistation sei, müsse nach und nach die Verbrecherkartei mit Fotos (=Infektionen) gefüllt werden, damit das Immunsystem die Eindringlinge zu erkennen lerne. Wobei es sehr gute Argumente dafür gebe, bestimmte Eindringlinge wie gefährliche Grippeviren gar nicht erst aktiv werden zu lassen: "Influenza wird uns noch überrennen", befürchtet Michael Scheel. Er empfehle nicht ohne Grund allen die Grippeschutzimpfung. "Für Kinder ab zwei Jahren gibt es die sogar als Nasenspray, also ganz ohne Piks. Diese Infektion kann man sich wirklich schenken, die braucht niemand."
Bürokratie hemmt den Praxisbetrieb
Kontraproduktiv seien für ihn hingegen die durch viele Kindertagesstätten routinemäßig gestellten Anforderungen. Eine laufende Nase und einfache Bindehautentzündungen ("Schnupfen im Auge") rechtfertigten - so lange das Kind fit sei - eigentlich nicht den Ausschluss vom Kita-Besuch, viele Einrichtungen bestünden aber darauf, dass die Kinder abgeholt würden und erst mit einer "Gesundschreibung" zurückkehren dürften. Viele Kinder würden daher massiv übertherapiert, gesunde steckten sich unnötig im Wartezimmer an, Eltern müssten wegen Banalitäten Kinder-Krankheitstage nehmen und die Ausstellung des Attests am Ende auch noch bezahlen. Und die Praxen seien voll und in der Zeit nicht für schwerkranke Kinder da (die wiederum selbstverständlich nach Hause und zum Arzt gehörten). Gefährlich seien einzig die sehr seltenen durch Adenoviren verursachten Bindehautentzündungen - dabei aber seien die Kinder sichtlich schwer krank.
"Die Kitas sind da beratungsresistent", so seine Erfahrung, "dabei erkläre ich es auch gerne immer wieder." Er gebe den Eltern auch entsprechende Info-Blätter zum Vorzeigen in der Kita mit. In acht Jahren habe er allerdings nicht einen Anruf einer Leitung erhalten. Zwei habe er immerhin überzeugt, Kinder, denen es gut gehe, bei der Hand-Fuß-Mund-Krankheit nicht nach Hause zu schicken: "Eine Weiterverbreitung kann in einer Gemeinschaftseinrichtung nicht durch Quarantäne vermieden werden. Die Viren zirkulieren erst dann nicht mehr, wenn alle Kinder ausreichend immun geworden sind für ihr weiteres Leben", schreibt er in einem Merkblatt.
Michael Scheel plant zum 1. Juni kommenden Jahres seine Praxis in das Regionale Versorgungszentrum (RVZ) in Nordholz, dessen Mieter er ist, zu verlegen und dort eine Großpraxis zu errichten. Auf seine Vorstellungen dafür werden wir noch zurückkommen.