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Auf dem Kaemmererplatz machten Chrischan Theis (Foto) und weitere Redner Mut zu Solidarität und Widerstand. Foto: Reese-Winne
Auf dem Kaemmererplatz machten Chrischan Theis (Foto) und weitere Redner Mut zu Solidarität und Widerstand. Foto: Reese-Winne
"Erst der Anfang"

Kundgebung gegen Rechtsextremismus in Cuxhaven: "Wir dürfen nicht still sein"

von Maren Reese-Winne | 13.10.2026 Zuletzt aktualisiert: 13.10.2026 18:08 Uhr

Rund 500 Menschen versammelten sich in Cuxhaven, um ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus und für Zusammenhalt zu setzen. Auf der emotionalen Kundgebung wurde deutlich, wie greifbar die Gefahr ist - aber auch, was Solidarität leisten kann.

Es war eine spontan einberufene Kundgebung, eine unmittelbare Reaktion auf die Wahl des ersten AfD- Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt am 6. Oktober, aber auch auf die zunehmende Verharmlosung rechtsextremer Botschaften. Rund 500 Menschen aus Stadt und Kreis kamen am Montag auf dem Kaemmererplatz zusammen, um ein Zeichen für Zusammenhalt zu setzen und sich klar gegen Hass, Bedrohung und Missachtung demokratischer Werte auszusprechen.

Eingeladen hatte das überparteiliche Bündnis "Cuxhaven für Respekt und Menschenwürde". Die "Omas gegen Rechts" Cuxhaven riefen ein Zeichen des Widerstands in Erinnerung, das schon 1940 im nationalsozialistisch besetzten Norwegen als stilles Zeichen des Zusammenhalts verwendet worden war: Mit einer Büroklammer am Revers versicherte sich die Bevölkerung damals im Alltag ihrer Solidarität - so wie am Montag auch viele Menschen auf dem Kaemmerplatz. 

Menschen aus Stadt und Kreis zeigten Gesicht für die im Grundgesetz verankerten Werte. Foto: Reese-Winne

In der hereinbrechenden Dunkelheit ertönten Lieder des Pop- und Rock-Chors "Stimmstärke" 10. "Wehrt Euch, leistet Widerstand, gegen den Faschismus hier im Land..." klang es zur Melodie des Kanons von "Hejo, spann den Wagen an" mehrstimmig durch die Stadt. Wie schon beim Singen am Tag der deutschen Einheit übertrug Chorleiterin Frederike Weis mit Baby im Tragetuch ihre Energie auf das Publikum.

"Nie wieder still", dies bekundeten die Omas gegen Rechts Cuxhaven. Foto: Reese-Winne

Parallelen zu damals sind unübersehbar

Angst, aber auch Mut und Solidarität beherrschten die Stimmung auf dem Platz und die emotional gehaltenen Reden. Immer wieder ging ein bestätigendes Raunen durch die Reihen, vor allem, als Oberbürgermeister Uwe Santjer an das Aufwachsen der Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik erinnerte und dabei erschreckende Parallelen zu heute aufzeigte: Nicht mit Konzentrationslagern habe es damals angefangen, sondern mit schleichenden Botschaften und dem Glauben, dass der Zauber schnell vorbei sein und man die anderen "ruhig mal machen lassen" sollte.

Oberbürgermeister Uwe Santjer warnte: Die Gefahr ist näher denn je. Foto: Reese-Winne

Nichts ahnend von den perfiden Machtvisionen im Hintergrund hätten die Vorfahren keine Angst vor dem gehabt, von dem sie dann überrumpelt worden seien. Damit sich Geschichte nicht wiederhole, brauche es einen Schulterschluss der gesamten Region. Anders als bisher gehe es inzwischen nicht mehr nur um Warnungen und Bedenken: Inzwischen sei die Gefahr greifbar. Gesichert rechtsextreme Kräfte schickten sich an, diesem Staat zu schaden, ohne ihre Verachtung für Teile des Grundgesetzes und die Würde des Menschen überhaupt noch zu verbergen.

Chrischan Theis vom DGB bezeichnete den 6. Oktober als "dunklen Dienstag" für Sachsen-Anhalt und die gesamte Republik, wobei die Bevölkerung, die eben nicht zu den 44 Prozent der AfD-Wähler gehöre, die Solidarität aller anderen brauche. Theis äußerte Kritik am fehlenden Mut des Bundeskanzlers Friedrich Merz, sich klar gegen die Strömungen in seiner Partei abzugrenzen, die mutmaßlich zur Wahl des rechtsextremen Landtagspräsidenten geführt hätten. Gleichzeitig rief er zu einer breiten Bürgerbewegung für die Einleitung eines Prüfverfahrens eines AfD-Verbots auf.

Die 17-jährige Schülerin Emma Heilemann führte vor Augen, was passiert, wenn Politik Einfluss auf Unterrichtsinhalte nehmen und ganze Epochen aus dem Gedächtnis streichen will. Foto: Reese-Winne

LiG-Schülerin Emma Heilemann (17), die schon bei mehreren Veranstaltungen zuvor durch fundierte Reden und Analysen aufgefallen war, griff das erklärte Ziel der AfD auf, den Geschichtsunterricht durch Eingriffe auf Lerninhalte nachhaltig zu verändern und den Nationalsozialismus dabei weitgehend auszublenden. Doch das Wissen darüber, über deutsche Kriegsverbrechen und den Holocaust bilde zu Recht die Grundlage für die tägliche Erinnerung, wieso so etwas nie wieder passieren dürfe, so die Zwölftklässlerin.

Menschlichkeit darf nie verdrängt werden

"Wenn essenzielle Teile unserer Geschichte gezielt weniger Raum bekommen sollen, dann sollte uns das alle zum Nachdenken anregen." Geschichte dürfe weder davon abhängen, wer gerade regiere noch dürfe sie niemals so verändert oder kleingeredet werden, dass in Vergessenheit gerate, wozu Menschen fähig seien, wenn Menschlichkeit keine Rolle mehr spiele: "So groß die Angst auch ist, wir dürfen nicht still sein. Wir können uns zusammenschließen", sagte sie und appellierte: "Seid laut, informiert Euch und lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir nicht gegeneinander, sondern miteinander leben." 

Nur gemeinsam in Deutschland und Europa. Foto: Reese-Winne

Bündnis-Sprecher Frank Struß unterstrich die Forderung zum Schulterschluss. Unsichere Zeiten führten zu Sorgen, Wut und unterschiedlichen Meinungen, dürften aber nicht mit Hass, Angst und Feindschaft beantwortet werden. Niemand, ob anderer Nationalität, anderen Glaubens oder anderer sexueller Neigung, dürfe in Cuxhaven dazu gezwungen werden, sich zu verstecken. Als sichtbares Zeichen der Vielfalt solle deshalb im kommenden Jahr, am 5. Juni 2027, in der Grimmershörnbucht der erste Christopher Street Day am Meer gefeiert werden.

Der abschließende Appell von Gunnar Wegener, Moderator und ebenfalls Bündnis-Sprecher: "Ruht Euch nicht aus, leistet Widerstand. Es ist erst der Anfang." Die nächste Gelegenheit dazu besteht in Cuxhaven bei der Lichterkette in der Grimmershörnbucht am 28. November.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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