Lieder, die nach Literatur klingen: Randi Tytingvåg Trio gastierte in Süderwisch
Unverwechselbar macht sie nicht nur nicht nur die Sprache, sondern auch die von ihnen gepflegte musikalische Handschrift. In der Gnadenkirche fanden die drei Musiker aus Norwegen neue Fans.
Würden die Coen-Brüder einen Film über ein Trio aus Norwegen drehen, müssten die Protagonisten unweigerlich so aussehen wie Randi Tytingvåg und ihre beiden Mitmusiker Vagle und Aasland. Der altertümliche Mikrofonständer, um den sich die drei bei ihren Auftritten scharen, würde am Set ebenfalls nicht fehlen - als Relikt aus dem Coen-Meisterwerk "Inside Llewyn Davis", nach dessen Logik die Tonspur ungefähr so klingen müsste wie Peter, Paul & Mary auf Skandinavisch.
Mit den Genannten hat das Randi Tytingvåg Trio, das am Samstagabend in der Kulturkirche in Cuxhaven-Süderwisch gastierte, nicht viel gemein - weswegen man sich auf der Suche nach einer musikalischen Schublade auch nicht zu sehr von den bestickten Denim-Shirts der beiden Gitarristen blenden lassen sollte. Zweifellos fallen die Songs des aktuell in Cuxhaven vorgestellten Albums "Lengt" (deutsch: Sehnsucht) unter den dehnbaren Begriff Folk. Amerikanischen Vorbildern nachzueifern, ist dabei aber nicht Sache der Band.
Stilistisch "ganz bei sich selbst"
Das Dreigestirn aus Stavanger gibt sich betont eigen. "Ganz bei sich selbst zu sein" - darum geht es im Tytingvåg-Song "Den røde anorakken", aber eben auch auf der musikalischen Ebene. Den Klang des als Ausnahmeerscheinung gefeierten Trios prägt das ausgefeilte Saitenspiel von Dag Vagle (Gitarre/Mandola) und Erlend Aasland (Gitarre/Tenorgitarre): Mit traumwandlerischer Sicherheit orchestrieren die beiden Instrumentalisten Liedzeilen, die in gedruckter Form in jedem Fall als Lyrik durchgehen.
Wie viel ihr diese Verse bedeuten, zeigte Randi Tytingvåg, indem sie zwischen den Songs ein Notizheft zückte, um jeweils einen Teil des Songs in deutscher Übersetzung vorzulesen. Auf diesem Weg durfte das Publikum, das zur Premiere des aus dem Ahab's-Club hervorgegangenen Formats "Kultur Klub" erschienen war, an der Gedankenwelt der Künstlerin teilhaben. Mit großer Leidenschaft sang die 47-Jährige über einschneidende Erfahrungen, Ängste, aber auch ("Vals för Eirik") über den Trost, den die Nähe eines vertrauten Menschen bedeutet.
Empathisch und mit starker Stimme
Bei all dem mussten die Zuhörer nicht in der Statistenrolle verharren - durften sie doch bei einem Titel in den Refrain einfallen. "Wunderbar", meinte Randi Tytingvåg, die sich im locker gefüllten Kirchenraum erkennbar wohlfühlte. Ob es nicht herrlich sei, dass Musik in Zeiten, wie sie die Welt gerade erlebt, nach wie vor Menschen zusammenbringen könne, hatte sie zu Konzertbeginn in die Runde gefragt. Eine spontane Äußerung, die keinem Drehbuch folgte, sondern ganz einfach von Herzen kam.