Maifeier 2026 in Cuxhaven: Ein unerwarteter politischer Umschwung
Kritische Reden, sommerliche Klänge und historische Verweise prägten die Maifeier 2026 im Cuxhavener Fischereihafen. Die Veranstaltung offenbarte nicht nur die Dringlichkeit aktueller Debatten, sondern auch eine unerwartete politische Wendung.
Sommerliche Wärme, Popmusik zwischen den Reden, Pagodenzelte mit Infoständen der Gewerkschaften und der Cuxhavener Grünen und mittendrin eine Kundgebung, die in diesem Jahr mehr war als Tradition: Die Maifeier 2026 der Gewerkschaften vor der Gastronomie Unikat im Fischereihafen hatte eine politische Dringlichkeit, die sich schon in den ersten Sätzen der Hauptrednerin entlud. "Erst unsere Jobs, dann eure Profite", rief Andrea Wemheuer, Landesleiterin von ver.di Niedersachsen-Bremen, den rund hundert Beschäftigten zu, die auf Bierzeltgarnituren Platz genommen hatten und an diesem Freitagvormittag genau zuhörten.
"Wir sind nicht schuld an der Krise”
Wemheuer ließ keine Deutungshoheit zu: Wer Beschäftigte zu Sündenböcken der wirtschaftlichen Misere erkläre, betreibe Ablenkung von Managementfehlern, Standortverlagerungen und kurzfristiger Profitmaximierung. "Diese Strategie ist Ausdruck eines Klassenkampfes von oben, wir stellen uns ihr entschieden entgegen", sagte die Gewerkschafterin und erntete dafür den stärksten Beifall des Vormittags.
Besonders scharf reagierte Wemheuer auf die in der Union diskutierte Idee, den 1. Mai als Feiertag infrage zu stellen: "Wer den Tag der Arbeit antastet, will Solidarität schwächen und hart erkämpfte Rechte relativieren.” Dass der Achtstundentag verteidigt werden müsse, sei keine Nostalgie, sondern medizinische Notwendigkeit: Arbeitstage von bis zu dreizehn Stunden, wie sie im Zuge einer Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes möglich würden, führten zu mehr Krankheit, mehr Unfällen und weiterem Belegschaftsabbau.
In diesem Zusammenhang griff Wemheuer tief in die Cuxhavener Lokalgeschichte: Die Fischarbeiterinnen, die 1926 im Wohnheim am Elfenweg lebten und unter härtesten Bedingungen in der Fischverarbeitung schufteten, stünden für eine Erkenntnis, die bis heute gelte: "Sozialer Fortschritt entsteht nur dort, wo Menschen sich zusammenschließen, ihre Interessen organisieren und für Würde, Schutz und Anerkennung kämpfen.” Der Verweis auf die Cuxhavner Stadtgeschichte fiel im Fischereihafen besonders weit: Arbeit war immer auch Frauenarbeit und sie war immer auch Migrationsgeschichte.
"Lasst uns nicht bange machen”
Oberbürgermeister Uwe Santjer, der die Kundgebung nach eigener Aussage seit 44 Jahren fast durchgehend besucht, kam an diesem Morgen nach eigenem Bekunden "ein Stück weit zerrissen" ans Mikrofon. Die Verhältnisse seien unklar, die Verunsicherung unter Beschäftigten spürbar und Botschaften wie die, "die Deutschen arbeiteten zu wenig", seien schlicht falsch. "Es gibt doch keine Frau, keinen Mann, keine jungen Leute, keine Älteren, die ich kenne, die morgens zur Arbeit gehen und sich überlegen, wie sie den Tag rumkriegen mit Nichts-tun", sagte Santjer. Kolleginnen und Kollegen würden krank, weil Arbeit sie überhäufe; psychische Erkrankungen nähmen zu, nicht weil die Menschen zufrieden seien, sondern weil sie erschöpft seien. "Unsere Leute sind oft kaputt von jahrelangem Arbeiten.” Mit dieser Mär muss endlich Schluss sein.
Gleichzeitig warnte der Oberbürgermeister vor dem Gegeneinander: "Das Gegeneinander wird den Rechten in die Karten spielen.” Zusammenhalt sei in dieser unsicheren Zeit wichtiger als je zuvor, zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Politik. Für den Standort Cuxhaven zeigte sich Santjer dabei durchaus optimistisch: Der Hafen entwickle sich, die maritime Konferenz in Emden habe Signale gesetzt, die Energiewende bringe Arbeitsplätze. Doch er mahnte auch: "Wir dürfen bei aller Freude über das, was sich hier am Hafen entwickelt, nicht vergessen, dass die, die da sind, auch bleiben.”
Musik, Grußworte und ein Jubiläum
Bernd Hesse begrüßte die Anwesenden für die Gewerkschaften. Ein kurzes Grußwort sprach Christoph Frauenpreiß, Cuxhavens einziger Bundestagsabgeordneter der CDU, der sich zur Energiewende und zum Hafenausbau äußerte. Benjamin Wujkiw, der bei Siemens Gamesa im Hafen arbeitet, kam als Arbeitnehmerstimme zu Wort. Für musikalische Übergänge zwischen den Reden sorgte Mense mit einem Programm aus Rock und Pop, das der Veranstaltung Rhythmus und Leichtigkeit gab. Die Polizeigewerkschaft bot eine Kinderbetreuung an. Und am Rande gab es noch einen persönlichen Moment: Santjer hob Frauke Döscher hervor, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Dienstjubiläum feiert, als lebendiges Beispiel dafür, was Kontinuität und Verlässlichkeit in der Arbeitswelt bedeuten.





