Eine emotionale Matinee in Cuxhaven: Musik und Schauspiel erinnern an 1945
In einer tief bewegenden Matinee im Stadttheater Cuxhaven verschmelzen Schauspiel und Musik zu einem eindrucksvollen Erinnerungsraum, der das Publikum in die Nachkriegszeit entführt und die Geschichte Cuxhavens neu erlebbar macht.
Mit einer Trommel um den Bauch und dem Kinderlied "Hänschen klein" auf den Lippen trat Schauspieler Roman Knižka am Sonntagvormittag aus dem Zuschauerraum auf die Bühne des Stadttheaters Cuxhaven. Es war der Beginn einer Matinee, die sich unaufgeregt, aber tief bewegend dem Erinnern widmete - an das epochale Jahr 1945, an das zerrissene Deutschland zwischen Kapitulation, Hunger, Überleben und dem Wunsch nach einem besseren Morgen.
Die Begrüßung hatte zuvor Rüdiger Pawlowski von der Ortsgruppe Cuxhaven des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" übernommen. In seinen Worten klangen Dank, Verantwortung und Mahnung an - die Koordinaten eines Vormittags, der Vergangenheit und Gegenwart auf eindrückliche Weise miteinander verband.
Musikalische Reflexionen
Roman Knižka war es, der mit seiner markanten, nuancierten Stimme die Stimmen derer hörbar machte, die zwischen 1945 und 1949 über das Unsagbare sprachen - oder schwiegen. Texte von Wolfgang Borchert, Ruth Andreas-Friedrich, Bertolt Brecht, Margaret Bourke-White und Nelly Sachs wurden nicht einfach gelesen, sondern durchlebt, oft nur ein Hauch entfernt von der Atemlosigkeit der Zuhörenden.

Knižka verstand es meisterhaft, zwischen Empathie und Distanz zu balancieren - ohne Pathos, aber mit jener Wachheit, die der Erinnerung nicht nur Würde, sondern auch Schärfe verleiht. Besonders eindrucksvoll geriet eine Szene aus Cuxhaven selbst: Als ein Zeitzeuge mit seinen eindringlichen Beschreibungen von britischen Tieffliegern, zerborstenen Fenstern und dem brennenden Meer in der Grimmershörnbucht zitiert wurde, war die Geschichte keine ferne mehr - sie war lokal, konkret, unausweichlich.
Regionale Erinnerung als Resonanzraum
Der Bezug zu Cuxhaven, in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv hergestellt, verlieh der Lesung eine ungewohnte, fast intime Tiefe. Die Geschichte der "offenen Stadt" Cuxhaven, die sich am 7. Mai 1945 kampflos ergab, wurde zu einem Symbol für einen Akt der Vernunft in einer Zeit des Wahnsinns. Die Worte über Lebensmittelverteilungen, über Not, aber auch Mut, über einen Bürgerausschuss, der Verantwortung übernahm, wurden im Raum greifbar.

Zwischen den Lesepassagen webte das Ensemble OPUS 45 - bestehend aus Solistinnen und Solisten des großen Deutschen Rundfunkorchesters - einen dichten Klangteppich. Die Musik war dabei weit mehr als Zwischenstück oder Kontrast: Sie kommentierte, widersprach, erhellte. Werke von Beethoven, Eisler, Hartmann, Ligeti, Schostakowitsch und Richard Strauss, aber auch die "Moonlight Serenade" von Glenn Miller ließen ein musikalisches Echo der Nachkriegszeit entstehen - mal zerrissen, mal zart, mal widerständig.
Kunst als Gedenkraum
Dramaturgin Kathrin Liebhäuser hatte aus Literatur und Musik eine dichte Dramaturgie entwickelt, die die Matinee zu mehr als einer Gedenkveranstaltung machte: Sie wurde zum Reflexionsraum, zur ästhetischen Erfahrung von Geschichte. Borcherts Sprachgewalt, Sachs' poetisches Lamento und Brechts nüchtern-präzise Fragen trafen ins Zentrum der Gegenwart. Kleinere Filmeinspielungen im hinteren Bühnenraum vervollständigten das Bild.

Und auch wenn der Vormittag "keine leichte Kost" war, wie Rüdiger Pawlowski eingangs formulierte - das Publikum war dankbar. Mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen verabschiedeten die Zuhörer Roman Knižka und OPUS 45. Denn was sie geboten hatten, war nicht nur erinnerungspolitisch wichtig, sondern künstlerisch herausragend. Als Zugabe gab es dann noch "Drei kleine Geschichten" von Evelyn Künneke, mit der sich Knižka und das Ensemble OPUS 45 von den Cuxhavenern verabschiedeten.

Ein leiser Trost
Am Ende bleibt die Einsicht: Gedenken kann berühren, wenn es nicht moralisch doziert, sondern existenziell erinnert. Diese musikalische Lesung bewies, wie wirkungsvoll das Zusammenspiel von Wort und Klang sein kann, wenn es um Fragen geht, die kein Ende kennen - Schuld, Hoffnung, Verantwortung.
Dass das Publikum bewegt und still das Theater verließ, war der vielleicht schönste Beweis für die Kraft eines Vormittags, der nicht vergessen machen, sondern erinnern wollte.