Massen sollten Bilder voller Symbolkraft erzeugen: Umzug mit Hakenkreuzflagge 1934 am Cuxhavener Strand. Wahrscheinlich handelte es sich um Urlauberbelustigung. Foto: Hans-Henning Speckmann
Massen sollten Bilder voller Symbolkraft erzeugen: Umzug mit Hakenkreuzflagge 1934 am Cuxhavener Strand. Wahrscheinlich handelte es sich um Urlauberbelustigung. Foto: Hans-Henning Speckmann
Angst war Türöffner

Nazi-Propaganda im Kreis Cuxhaven: Sie versprachen Rettung und brachten Vernichtung

von Maren Reese-Winne | 12.02.2025

Sie versprachen Rettung und wollten doch nur Macht und Vernichtung: Wie die NSDAP den Aufstieg von der Splitterpartei zur Massenbewegung vorbereitete, war Thema eines durch den Kreis initiierten Vortragsabends in den Seelandhallen in Otterndorf.

Vor vollen Reihen stellte Henning K. Müller am Montag in den Seelandhallen in Otterndorf seine umfassende historische Arbeit zum Aufstieg der NSDAP im Elbe-Weser-Raum vor. Wie versprochen, hatte er die Inhalte speziell auf den Raum Cuxhaven und Hadeln ausgerichtet.

Nazi-Propaganda drang in jedes Dorf vor

Zahlreiche Fotos, Zeitungsausschnitte und Plakate zeigten eindrücklich, mit welcher Wucht die Nazi-Propaganda ab einem bestimmten Zeitpunkt auch in die entlegensten Dörfer vordrang. Allerdings nicht sofort, wie die tief beeindruckten Zuhörerinnen und Zuhörer - unter ihnen der Otterndorfer Bürgermeister Claus Johannßen, die ehemalige Europaabgeordnete Brigitte Langenhagen und Generalbundesanwältin a.D. Monika Harms - bewusst wahrnahmen. Der Aufstieg der in der Weimarer Republik mehrfach verbotenen nationalsozialistischen Partei hätte möglicherweise gestoppt werden können.

Ergebnis einer 14 Jahre dauernden Arbeit

14 Jahre hat der Rotenburger Kreisarchivar Henning K. Müller an seinem 1424 Seiten umfassenden Werk "Die völkische Bewegung und der Aufstieg des Nationalsozialismus im Elbe-Weser-Raum" gearbeitet, das in der Schriftenreihe des Landschaftsverbands Stade (Band 60) erschienen ist. Die Lesung bildete den Auftakt für das Themenjahr "Demokratieförderung & Erinnerungskultur" des Landkreises Cuxhaven.

Der Landkreis setze damit ein Zeichen für den Schutz der Demokratie, betonte Erster Kreisrat Friedhelm Ottens und dankte Julia Kuhnt vom Kreisarchiv für die Organisation dieser Veranstaltungsreihe, die Vorträge auch einen Workshop für Jugendliche und eine Ausstellung umfasst.

Erster Kreisrat Friedhelm Ottens, Julia Kuhnt aus dem Kreisarchiv und Auto und Historiker Henning K. Müller nach der Lesung in den Seelandhallen. Fotos: Reese-Winne

"Keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme"

Einfache Lösungen für komplexe Probleme wie Klimawandel, Bildung, Sorge um Gesundheitswesen und Pflege, Wirtschaftskrise, Inflation und Umgang mit Migration gebe es nicht, betonte Friedhelm Ottens und rief dazu auf, Herausforderungen offen zu benennen und gemeinsam anzugehen, statt Ängste zu schüren.

Angst war Türöffner

Angst vor allem um die eigene wirtschaftliche Existenz war auch in den Jahren zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) und der Machtergreifung der Nazis (1933) der Türöffner für die Nazi-Propaganda, und das vielerorts in einer erschreckenden Rasanz und Radikalität, so Henning Müller.

Völkische Kleinstgruppen wie der "Bund deutscher Jungmannen", der "Deutsche Schutz- und Trutzbund"  oder die durch den Rassentheoretiker Willibald Henschel gegründete Artamanen-Bewegung, die in Westerwanna in einer Siedlung namens Niegard ein autarkes Leben mit dem Ziel der Rassenauslese aufbauen wollte, und nach und nach auch die bislang liberal- bis konservativ-nationalen Parteien bereiteten den Boden für die Entwicklung der NSDAP.

Die Hakenkreuze am Cuxhavener Rathaus zeigten bei der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 deutlich, wer nun das Sagen hatte. Foto: Sammlung Peter Bussler

Propagandanetzwerk in der Region

Zu deren Propagandanetzwerk in der Region gehörten Parteiredner wie Friedrich-Wilhelm Lütt aus Cuxhaven, der 1920 schon als 18-Jähriger in die NSDAP eintrat und ab 1928 als hauptamtlicher Gau- und Reichsredner durch die Lande zog. Er koordinierte die Parteiaktivitäten in Cuxhaven und gehörte als Gauamtleiter des Gaus Ost-Hannover bis 1945 dem Reichstag an. Weiter konnte sich die Partei auf mehrere protestantische NS-Pastoren wie Gerhard Hahn (Elmlohe), Carl Roth (Döse) oder Hugo Hoyer in Ihlienworth stützen, der direkt nach seinem Parteieintritt 1931 NSDAP-Kreisleiter wurde. Sie genossen das uneingeschränkte Vertrauen der Dorfbewohner, die Manipulation war perfekt.

Ziel war nicht Rettung, sondern Zerstörung

Neben der Gewinnung einflussreicher Multiplikatoren stützte sich die Faszination laut Henning Müller neben der anfänglichen Neugier (für die Veranstaltungen wurde sogar Eintrittgeld fällig) vor allem auf die massive Propaganda, mit der die Partei auch zwischen den Wahlen bis ins letzte Dorf vordrang. Hitler sei als "Retter"  dargestellt, Kinder und Jugendliche instrumentalisiert worden. Die NSDAP habe bereits als  Kleinstpartei in den Parlamenten bewusst Unruhe gestiftet, gestört und provoziert. Einzige Mission: Einschüchterung und Vernichtung des bestehenden Systems.

"Nicht, um den Menschen zu helfen, sondern um Macht auszuüben"

Das Publikum reagierte sehr bewegt und mit Gesprächsbedarf. Julia Kuhnt sprach Henning Müller zunächst große Anerkennung für seine akribische Recherche in rund 70 Archiven aus. Monika Harms, Generalbundesanwältin a.D., schlug den Bogen in die Gegenwart: Der beschriebene Weg des Aufstiegs der NSDAP sollte sehr aufmerksam machen, sagte sie. Die Nazis hätten auf Missstände gesetzt - "aber nicht, um den Menschen zu helfen, sondern um Macht auszuüben: Das passiert heute wieder."

Julia Kuhnt sprach Henning Müller große Anerkennung für seine Rechercheleistung aus: Diese sei umso höher zu bewerten, weil viele Quellen nach dem Krieg bewusst aus den Akten entfernt worden seien.

Vor eineinhalb Jahren hätte er noch nicht daran gedacht, dass Menschen sich auch heute wieder so schnell manipulieren ließen, bestätigte Henning Müller: "Es bereitet mir Sorge, wie mit der Freiheit des Landes umgegangen wird." Lautstärke und scharfe Töne statt rationaler Gespräche mit dem Willen zum Konsens, das alles habe es alles schon einmal gegeben, hieß es aus dem Publikum: "Und alle haben bis 1945 begeistert mitgemacht. Denn 1933, nach der Machtübernahme, fing die Gewaltherrschaft erst richtig an."

Deshalb müsse sich die Demokratie jetzt bewähren und Stärke zeigen, so der unbestrittene Tenor: "Leben wir das, was unsere Gesellschaft auszeichnet."

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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