Die Jugendlichen mit Dr. Lutz Meyer (l.), Michael Stobbe (3.v.r.) und Ralf Salih (r.) in der Großen Hardewiek 1, zweiter Punkt des Audio-Rundgangs. An dieser Stelle befand sich das renommierte Fleischereigeschäft der Familie Rosenthal. Foto: Reese-Winne
Die Jugendlichen mit Dr. Lutz Meyer (l.), Michael Stobbe (3.v.r.) und Ralf Salih (r.) in der Großen Hardewiek 1, zweiter Punkt des Audio-Rundgangs. An dieser Stelle befand sich das renommierte Fleischereigeschäft der Familie Rosenthal. Foto: Reese-Winne
BBS-Klasse

Cuxhavener Jugendliche machen mit Audioguide ein Kapitel der Geschichte neu erlebbar

von Maren Reese-Winne | 07.06.2026

Für die Jugendlichen war es das erste Mal, dass sie sich mit diesem Teil der Cuxhavener Geschichte befassten. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis, denn mit ihrem Audioguide zu Spuren jüdischen Lebens in Cuxhaven haben sie etwas Bleibendes geschaffen.

Unter Anleitung ihres Religionslehrers Dr. Lutz Meyer hat die Klasse der einjährigen Berufsfachschule Medien und Drucktechnik eine rund einstündige Audiotour zu Orten jüdischen Lebens in Cuxhaven erarbeitet.

Mittels QR-Code können Einheimische und Gäste an acht Stationen Geschichte erleben. Die Tour beginnt am Gedenkstein in der Südersteinstraße. Und dort versammelten sich die jungen Frauen und Männer am Donnerstag auch zusammen mit Lehrer und Schulseelsorger Lutz Meyer, Ralf Salih (Abteilungsleiter an den BBS) und dem Ratsvorsitzenden Michael Stobbe.

Lieber selbst sprechen als KI benutzen

Mit eigenen Texten und Fotos erinnerten sie an eine Personengruppe, der sie erst durch ihre Recherchen nahegekommen waren. Dafür hatten sie neben Internetquellen vor allem das Buch der Wissenschaftlerin Dr. Frauke Dettmer "Cuxhavener Juden 1933 bis 1945" studiert. 

Letzte Vorbereitungen für die Vorstellung des Audio-Guides mit selbst verlesenen eigenen Texten. Foto: Reese-Winne

Für mehrere der Jugendlichen ist Deutsch nicht die Muttersprache, einige von ihnen sind zu Beginn des Kriegs aus der Ukraine gekommen. Dennoch trugen sie flüssig ihre Beiträge vor und haben auch die Texte für den Audioguide selbst eingesprochen, statt dafür etwa die Hilfe der KI in Anspruch zu nehmen. Mit Absicht, betonte Lutz Meyer, denn nur so werde echtes Leben abgebildet.

Jüdische Familien standen mitten im Leben

Mitten im Leben standen bis zur Machtergreifung der Nazis auch die Cuxhavener Juden. Sie waren respektierte Mitglieder der Stadtgesellschaft, angesehene Handwerker und Kaufleute. Von der Großen Hardewiek 1 aus belieferte Fleischermeister Bernd Rosenthal Kunden in der ganzen Stadt und weit darüber hinaus; auch die Marine und die Hochseefischerei-Betriebe in Cuxhaven kauften hier.

Bankier Arthur Gotthelf unterstützte die Stadt Cuxhaven 1926 mit einem Kredit zu sehr günstigen Konditionen. Die Geschäftsleute Emil Bermann, Benjamin Wallach, Leo Ehrlich, Oskar Dankner, Jakob Scharfstein: Sie alle waren mit ihren Familien fest in Cuxhaven integriert und wichtige Arbeitgeber.

Der Kaemmererplatz, in der Nazi-Zeit "Adolf-Hitler-Platz", im Jahr 1933. Noch steht der Name "Scharfstein" am Geschäft links im Bild. Durch zermürbende Drangsalierung zwang das NS-Regime die Geschäftsleute zur Aufgabe und Flucht. Foto: Stadtarchiv Cuxhaven

Das alles fiel nach dem 30. Januar 1933 binnen weniger Tage und Wochen zusammen. Die jüdischen Familien wurden drangsaliert, bedroht und zum Verkauf ihrer Geschäfte zu Schleuderpreisen gezwungen. Oskar Dankner und seine Geliebte Adele Edelmann wurden Opfer eines beispiellosen Spießrutenlaufs; so perfide, dass er bis heute in den Geschichtsbüchern festgehalten ist. Das dabei entstandene Foto ist weltweit in Gedenkstätten zu sehen. Die Propaganda leistete ganze Arbeit, damit aus Freunden Bedroher wurden und jüdische Gaststätten und Geschäfte verwaisten.

"Gewalt und Boykotte begannen sofort, nicht allmählich"

"1933 veränderte sich alles. Die Gewalt und die Boykotte begannen sofort, nicht allmählich", machte Lutz Meyer deutlich. In kürzester Zeit wurden Familien zerrissen, in Armut gestürzt, entwurzelt und - mit dem Einsetzen der systematischen Vernichtung - deportiert und ermordet. "All das passierte nicht in Großstädten, sondern hier, mitten in der Stadt, in der wir heute leben."

Die vier Stolpersteine für die Familie Scharfstein befinden sich mitten in der Nordersteinstraße. Foto: Reese-Winne

Geschichte greifbar und konkret zu machen, war ein Hauptanliegen des Projekts. Mit den Recherche-Ergebnissen der Jugendlichen, in erzählbare Geschichten verwandelt durch Lutz Meyer, ist eine 36-seitige Begleitschrift entstanden. Wegen der beschränkten Auflage soll hierfür noch eine Downloadmöglichkeit geschaffen werden. In den BBS nahmen die Jugendlichen die Tonaufnahmen auf.

In Kürze soll der Rundgang über die Plattform "Guidable" zugänglich sein, ein dorthin führender QR-Code soll - auf Postkarten gedruckt - unter anderem in den Tourist-Informationen und städtischen Stellen verteilt werden. Lutz Meyer lädt außerdem Schulen ein, mit ihren Schülerinnen und Schülern den Rundgang nachzugehen und dabei eigene Akzente zu setzen. Die Route führt von der Südersteinstraße durch die Innenstadt über die Post-  und Deichstraße bis in die Marienstraße 50 (einst Haus der Kirche). 

Das spätere "Haus der Kirche", Marienstraße 50: Über einen durch den Jugendbeirat angebrachten QR-Code kann hier auch ein Film über die Demütigung von Oskar Dankner und Adele Edelmann gestartet werden. Foto: red

Unterstützt wurde das Projekt, durch den Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln und die Landeskirche Hannovers sowie die Stadt Cuxhaven, die die Broschüre in ihrer Druckerei drucken ließ. Berührt und überwältigt dankte Michael Stobbe der Gruppe. Den Audioguide müsse jeder kennen. Ralf Salih erinnerte außerdem an das durch ihn initiierte und ebenfalls durch Lutz Meyer begleitete Engagement von Klassen der BBS auf dem jüdischen Friedhof im vergangenen Jahr. Beides möge auch weiterhin als Anknüpfungspunkt für weitere Schulklassen dienen, so seine Hoffnung.

In etwa einer Stunde ist der Weg mit seinen acht Stationen zu Fuß zu bewältigen. Foto: Reese-Winne

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

reese-winne@no-spamcnv-medien.de

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