Medienkonsum, Gewalt und Prävention: So schützt die Polizei die Jugend in Cuxhaven
Vor vier Jahren wechselte Britta Schumann vom Streifendienst zur Präventionsarbeit bei der Polizeiinspektion Cuxhaven. Seitdem ist sie Beauftragte für Jugendsachen und besucht jede Woche rund drei bis vier Schulen im Landkreis Cuxhaven.
Britta Schumann ist Beauftragte für Jugendsachen bei der Polizeiinspektion Cuxhaven. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist dabei die Prävention. Als ihre Geschwister nach Göttingen gingen, um Jura zu studieren, folgte sie ihnen aber zuerst. Gerechtigkeitsdenken und Toleranz hatten immer einen hohen Stellenwert in ihrer Familie.
Frau Schumann, wie sind Sie schlussendlich bei der Polizei gelandet?
Das Jurastudium war mir dann doch etwas zu trocken, und ich machte ein Praktikum beim NDR. Dort begleitete ich die Polizei bei einem Castortransport und war beeindruckt von der Arbeit der Beamten. 2005 begann ich nach dem Polizeistudium schließlich meine Arbeit bei der Polizeiinspektion Cuxhaven und war vorerst im Streifendienst tätig. Vor vier Jahren wechselte ich zum Präventionsteam. Seit einem Jahr bin ich Beauftragte für Jugendsachen. Ich besuche Schulen und arbeite mit Kindern und Jugendlichen unter anderem zu den Themen Gewalt und Sucht.
Wie sieht die Präventionsarbeit der Polizei an Schulen aus? Was ist der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Wöchentlich besuche ich rund drei bis vier Schulen im ganzen Landkreis. Dies geschieht auch auf Anfrage von Lehrkräften oder Schulsozialarbeitern. Mittlerweile gab es sogar schon Projekte in dritten und vierten Grundschulklassen. In der Präventionsarbeit muss ich für die Kinder und Jugendlichen präsent sein. Ich muss mit ihnen auf Augenhöhe sprechen. Es hilft, sich in die Rolle der Kinder und Jugendlichen hineinzuversetzen. Sie fühlen sich dann ernst genommen und wertgeschätzt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man das Projekt am Gymnasium oder an einer Hauptschule durchführt. Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Die Polizei ist dabei nur ein Teil der Präventionsarbeit. Lehrerinnen, Schulsozialarbeiter und andere Kooperationspartner gehören ebenso dazu.
Eines der Projekte heißt "Wir sind stark" und behandelt die Themen Zivilcourage und Anti-Gewaltstrategien mit den Jugendlichen. Außerdem biete ich Selbstbehauptungstraining für Mädchen an. Es ist zu beobachten, dass viele Kinder ein geringes Selbstwertgefühl haben. Es fällt ihnen schwer, Stopp zu sagen und anderen ihre Grenzen aufzuzeigen. Auch Elternabende sind ein Teil der Präventionsarbeit. Mediensucht und langes Zocken gehören ebenso zu den Problemen der jungen Menschen. Häufig sitzen sie zwei bis sechs Stunden vor dem Handy oder einer Spielekonsole, ohne dass ihre Eltern wissen, was dort wirklich passiert.
Was raten Sie Eltern bei einem erhöhten Medienkonsum?
Ich rate Eltern dazu, gemeinsam mit ihren Kindern auch Onlinespiele zu spielen und so Interesse zu zeigen. Ein vertrauensvolles Miteinander auch im Hinblick auf die notwendige Kontrolle in Bezug auf das Medienverhalten ist meines Erachtens erforderlich. Bei dem Elternabend zeige ich ihnen auch ein Video, auf dem zu hören ist, wie Kinder und Jugendliche während eines Online-Games miteinander sprechen und zu welchen Beschimpfungen es unter den Kindern und Jugendlichen dabei kommt.
Kinder und Jugendliche schauen häufig etliche Videos auf TikTok hintereinander, ihr Gehirn ist dadurch überlastet und sie können sich schon nicht mehr an die ersten drei Videos erinnern. Der vermehrte Medienkonsum führt dann häufig zu einem Leistungsabfall in der Schule und dies wiederum zu schlechteren Noten. Das hat Auswirkungen auf die Berufswahl. Auch bei dem hohen Konsum von Vapes spielen die sozialen Medien eine erhebliche Rolle. Schon Elf- bis Zwölfjährige sind süchtig, und einige Kids suchen sich ihre Vape passend zu ihrer Handtasche aus, da es dazu etliche Videos in den sozialen Netzwerken gibt. Ein großer Anteil der Vaperaucher ist unter 18 Jahren.
Kinder und Jugendliche brauchen echte Erfolgserlebnisse und das Gefühl, selbstwirksam zu sein. Durch Corona sind viele zu Einzelgängern geworden, was durch Social-Media verstärkt wird. Sport und andere Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einem Verein, können das Selbstwertgefühl der Kids steigern und zu mehr sozialer Kompetenz führen. Gemeinsame Ausflüge müssen nicht viel Geld kosten, sind aber immens wichtig für Kinder und Jugendliche.
Wie sollten Schulen mit grenzüberschreitendem, bzw. strafrechtlich relevantem Verhalten umgehen?
Wichtig ist, dass Schulen bei grobem Verhalten, wie Gewaltdelikte oder rassistische oder antisemitische Parolen, Anzeige erstatten. Das Verhalten der Kinder und Jugendlichen sollte korrigiert werden. Bei Menschen, die früh anfangen zu mobben und Gewalt ausüben, ohne begrenzt zu werden, besteht auch im Erwachsenenalter eine erhöhte Gefahr, straffällig zu werden.
Wichtig sind hier vor allem erzieherische Gespräche. Polemik hilft hier nicht weiter. Hier meine ich insbesondere die Forderung nach Herabsetzung der Strafmündigkeit.
Es bleiben Kinder, mit Emotionen, einer Vergangenheit und vielleicht sogar eigenen Opfererfahrungen. Sie brauchen Hilfe und sollten nicht kriminalisiert werden.
Sind Jugendliche schlimmer geworden, wovon häufig medial die Rede ist?
Gewalttaten haben in den letzten drei bis vier Jahren auch unter Kindern und Jugendlichen zugenommen. Vor rund 20 bis 30 Jahren war die Quote jedoch noch höher.
Hat sich der Blick auf die Polizei verändert? Gilt noch "Dein Freund, dein Helfer"?
Die Kinder und Jugendlichen nehmen die Projekte toll an. Vermehrt kommt es dazu, dass sie sich danach an mich wenden, weil etwas "Klick" gemacht hat und sie realisieren, dass auch sie grenzüberschreitendes Verhalten erfahren haben. Opfer trauen sich zu offenbaren und sprechen zum Beispiel über den sexuellen Missbrauch, den sie erfahren haben. Grundsätzlich hat die Gewalt gegenüber Polizisten und auch Rettungskräften und Feuerwehrleuten aber zugenommen. In meinem Nebenamt bin ich Demokratie-Patin und versuche, demokratische Grundwerte in meiner Polizeiarbeit zu vermitteln. Im April wird es in Cuxhaven eine Ausstellung geben, die das Thema Gewalt gegen Einsatzkräfte beleuchtet. In "Der Mensch dahinter" werden Interviews und Fotos von Kollegen der Blaulichtfamilie gezeigt, die über Gewalterfahrungen sprechen. Mir hat mal ein engagierter Fußballtrainer gesagt: "Was man kennenlernt, kann man schlechter ablehnen."
Wer die Menschen hinter der Uniform respektiert, wer sich mit den Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt, wer sich mit anderen Kulturen und Glaubensrichtungen vertraut macht, baut eine Akzeptanz auf und Vorurteile ab.