Karin Lüdke, Erika Fischer und Lena Raddatz-Flehnert (v.l.) inmitten der 40 Ölgemälde umfassenden Ringelnatz-Werkschau, die bis zum 12. Juli auf der Ausstellungsetage im Schloss Ritzebüttel während der Öffnungszeiten besucht werden kann. Foto: Potschka
Karin Lüdke, Erika Fischer und Lena Raddatz-Flehnert (v.l.) inmitten der 40 Ölgemälde umfassenden Ringelnatz-Werkschau, die bis zum 12. Juli auf der Ausstellungsetage im Schloss Ritzebüttel während der Öffnungszeiten besucht werden kann. Foto: Potschka
40 Ölgemälde im Schloss Ritzebüttel

Ringelnatz' verborgene Meisterwerke: Eine neue Facette entdecken

von Jens Potschka | 13.06.2026

Tauchen Sie ein in die unbekannte Welt von Joachim Ringelnatz, wo 40 Ölgemälde im Schloss Ritzebüttel eine überraschende, ernste Seite des bekannten Dichters offenbaren. Eine Ausstellung, die Erwartungen auf den Kopf stellt.

Wer Joachim Ringelnatz nur als Verfasser skurriler Gedichte kennt, erlebt derzeit im Schloss Ritzebüttel eine Überraschung: 40 Ölgemälde zeigen die andere, die ernstere Seite eines Ausnahmekünstlers.

Wer die Ausstellungsetage im Obergeschoss betritt, weiß zunächst nicht genau, was ihn erwartet. Vielleicht die Ameisen. Vielleicht Kuttel Daddeldu. Vielleicht irgendetwas Schräges, Befreiendes, wie man es von Joachim Ringelnatz eben kennt. Und dann steht man vor vierzig Ölgemälden und spürt, wie das Bild, das man sich von diesem Mann gemacht hatte, langsam anfängt zu bröckeln.

"Viele erwarten den typischen Ringelnatz-Humor", sagt Erika Fischer, Leiterin des Ringelnatz-Museums, "und sind dann überrascht von der Einsamkeit, der Weite, den Geschichten des Scheiterns." Fischer kennt diese Reaktion aus dutzenden Führungen. Immer wieder dasselbe Innehalten vor den dunklen Fenstern in den Industriegebäuden, vor der trauernden Frau mit dem Schaf, vor den Seemannsfiguren, denen der Tod still zur Seite steht.

Melancholie hinter dem typischen Ringelnatz-Humor

Die Ausstellung trägt den Titel einer kleinen Prosaanekdote, die Ringelnatz 1928 schrieb. Ein Käufer fragt den Maler, ob er das Gemälde wirklich selbst gemacht habe, weil es so viel schöner sei als alles andere von ihm. Der Maler verneint zunächst, gesteht dann dem Freund, als sie allein sind: "Es hat sich selbst aus mir gemalt." Dieser Satz ist klüger, als er klingt. Er beschreibt etwas, das in jedem der vierzig Gemälde spürbar ist: eine Bildsprache, die nicht erklärt werden will, die einfach da ist und einen trifft.

Ob es das Gemälde "Kindheit" ist, bei dem ein kleines Mädchen vor einem bedrohlichen Holzstapel sitzt und je nach Betrachterin entweder liest, wartet oder trauert, oder die "Blaue Blume", die sich beim Näherkommen als trostlose Industrielandschaft mit toten Stromleitungen entpuppt: Ringelnatz legt falsche Spuren, sagt Fischer, und es ist genau dieses Täuschungsmanöver, das die Besucher nicht mehr loslässt. Karin Lüdke, Vorsitzende der Ringelnatz-Gesellschaft und seit Jahren eng mit dem Museum verbunden, bringt es auf den Punkt: "Er ist ein Geschichtenerzähler mit seinen Bildern. Und jetzt bist du frei, deine eigene Geschichte zu entwickeln."

Leihgaben aus ganz Deutschland

Dass diese Schau möglich wurde, ist das Ergebnis eines knappen Dreivierteljahres intensiver Arbeit. 28 der rund 40 Ölgemälde kommen aus dem eigenen Bestand des Museums, das heute die weltweit größte Sammlung an Ringelnatz-Dokumenten und bildkünstlerischen Werken beherbergt. Dazu gesellen sich zwölf Leihgaben: aus der Hamburger Kunsthalle, dem Kunsthaus Kiel, dem Clemens-Sels-Museum in Neuss, aus Ringelnatz' Geburtsstadt Wurzen und aus Privatbesitz. Zwei der ausgestellten Ölgemälde wurden dem Museum erst im Herbst 2025 geschenkt und sind nun erstmals öffentlich zu sehen: der "Elefant im Sturm", dessen Titel allein schon ahnen lässt, wie weit Ringelnatz' Fantasie reichte, und "Auf dem Kohldampfer", ein maritimes Bild, das nahtlos in seine Welt der Seefahrt und des Untergangs passt. Eines dieser Bilder reiste aus der Schweiz an, aus dem Besitz der Enkelin eines Zürcher Künstlers, den Ringelnatz persönlich kannte und dem er das Gemälde einst geschenkt hatte. Bis es in Cuxhaven ankam, hatte es mehrere Zwischenstationen und eine Fahrt durch die halbe Schweiz hinter sich. "Es sind die Geschichten hinter den Bildern", sagt Fischer, "die ich zu fast jedem Gemälde erzählen könnte.”

Kurator kommt aus Hamburg

Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Ulrich Luckhardt, dem früheren Leiter der Hamburger Kunsthalle. Er hat den Raum im Schloss klug genutzt, durch einen Mittelbau zusätzliche Ausstellungsfläche geschaffen und die Gemälde in thematische Gruppen gegliedert: skurrile Welten, leere Welten, Seemannsgedanken, Flugzeugblick, tierische Welten und exotische Welten. Diese Gliederung hilft, ist aber nicht zwingend. Manches Bild lässt sich nicht festhalten. Der "Nachtzug", der durch die Nacht rollt und Einsamkeit atmet. Die "Himmelsbrücke", bei der niemand so genau weiß, ob da oben ein Trauerzug auftaucht oder doch eine Befreiung. Das Gemälde, in dem das Ehepaar Möbus einmal ein Selbstporträt von Ringelnatz erkannt haben wollte: einen charakteristischen Schatten, eine typische Nase. Vielleicht ist es so. Vielleicht nicht. Fischer lässt es offen, und das ist richtig so.

Kunsthistorisch nicht einzuordnen

Wo ordnet man Ringelnatz ein? Die drei Museumsfachleute der Kooperationshäuser, allesamt Kunsthistoriker, haben sich darüber ausgetauscht und sind zu keinem Ergebnis gekommen, das irgendjemanden zufriedenstellen würde. "Neue Sachlichkeit", sagen manche. De Chirico, sagen andere. Autodidakt stimmt auf jeden Fall: Ringelnatz hat nie eine Malschule besucht, hat sich von Malerfreunden ermutigen lassen, hat Unterricht genommen, sich in Briefwechseln über seine Bilder beraten. Die Bildhauerin Renée Sintenis drängte ihn zur Ölmalerei, Karl Hofer inspirierte ihn, der Briefwechsel mit "Muschelkalk" zeigt, wie ernsthaft er das alles nahm. Nur das Etikett fehlt. Und vielleicht braucht es das auch nicht.

Ausstellung bald auf Wanderschaft

Noch bis zum 12. Juli ist die Ausstellung im Schloss Ritzebüttel zu sehen. Dann wandert sie weiter: ab 25. Juli ins Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See, anschließend vom 25. Oktober bis zum 7. Februar 2027 ins Ernst-Barlach-Haus nach Hamburg. Für Fischer ist besonders die Bayern-Station bedeutsam. Ringelnatz hat mehr als zehn Jahre in München gelebt, war dort im Kabarett Simpl zu Hause, und hat im Schwabing der Vorkriegsjahre seinen künstlerischen Durchbruch erlebt. "Eine große Ringelnatz-Ausstellung in Süddeutschland hat es eigentlich noch nie gegeben", sagt Erika Fischer abschließend.

Begleitend ist im Hirmer Verlag ein Katalog erschienen, mit Beiträgen von Fachleuten aller drei Häuser. Er kostet 20 Euro und ist noch an Ort und Stelle erhältlich. Wer drüben im Ringelnatz-Museum noch einmal von vorn anfangen möchte, findet dort derzeit die Aquarelle des Malers sowie eine Sonderausstellung zur Provenienz- und Sammler-Geschichte seiner Gemälde. Beide Häuser, das Schloss und das Museum, liegen sich unmittelbar gegenüber. Man kann an einem Vormittag beide besuchen und geht mit einem anderen Ringelnatz nach Hause, als man gekommen ist.

Öffnungszeiten auf einen Blick

Die Ausstellung im Schloss Ritzebüttel, Schlossgarten 8, kann zu folgenden Öffnungszeiten besucht werden: Dienstag bis Donnerstag 11 bis 13 und 14 bis 17 Uhr, Freitag: 14 bis 17 Uhr, Sonnabend und Sonntag: 11 bis 17 Uhr. Ringelnatz-Museum, Südersteinstraße 44: Dienstag bis Sonntag 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.

"An der Kaimauer" ist dieses Bild aus dem Jahr 1925 übertitelt. Es befindet sich im Besitz des Joachim-Ringelnatz-Museums Cuxhaven und gehört dort in die Dauerausstellung. Foto: Joachim-Ringelnatz-Museum
In dem Ölgemälde "Makabere Szene" (auch: "Dachgarten der Irrsinnigen") aus dem Jahr 1925 offenbart sich die skurrile und tiefgründige Welt des Künstlers. Foto Clemens Sels Museum Neuss
"Auf dem Kohldampfer" (1926): Ringelnatz' Ölgemälde fängt die melancholische Weite des Meeres und die Gemeinschaft an Bord ein, eine unerwartet ernste Facette des vielseitigen Künstlers. Foto: Joachim-Ringelnatz-Museum
Lena Raddatz-Flehnert, Erika Fischer und Karin Lüdke (v.l.) enthüllen im Gespräch im Schloss Ritzebüttel die ernsthafte, unerwartete Seite von Joachim Ringelnatz. Insgesamt 40 eindrucksvolle Ölgemälde sind dort im Obergeschoss zu sehen. Foto: Potschka

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