Visionär an der Spitze der Lebenshilfe Cuxhaven wurde in den Ruhestand verabschiedet
Ohne Unterlass nieselte es auf die Gäste der Lebenshilfe herab, während am Freitag gleich zwei besondere Anlässe gefeiert wurden: das 65-jährige Bestehen des Vereins und die Verabschiedung des langjährigen Geschäftsführers Werner Ludwigs-Dalkner.
Gerade ein Jahr war Werner Ludwigs-Dalkner alt, als sich in Cuxhaven 1961 eine Gruppe Eltern und Interessierter zusammentat, um den Verein "Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind" zu gründen; eine Institution, die in 65 Jahren beständig gewachsen ist und sich immer wieder neuen Aufgaben gestellt hat.
Die Lebenshilfe - ob Verein, die gemeinnützigen Gesellschaften oder die Stiftung - ist heute eine bedeutsame Akteurin im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Stadt Cuxhaven und in Hemmoor.
Mehr als ein Job: "Das war auch Berufung"
Über 24 Jahre hinweg (länger als jeder andere) hat Werner Ludwigs-Dalkner diese Entwicklung vorangetrieben. Ein gesamtes Arbeitsleben - insgesamt 47 Jahre - für die Eingliederungshilfe, "da kann man wohl auch von Berufung sprechen", gestand der Geehrte selbst ein.

In bewegenden Reden charakterisierten Ehrengäste, Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter sowie Beschäftigte Werner Ludwigs-Dalkner als zielstrebigen, mutigen und leidenschaftlichen Streiter für die Rechte und Chancengleichheit der Menschen mit Behinderungen. Die stets offenstehende Tür sei für ihn keine Floskel gewesen; vielmehr sei er jeder Person im Betrieb auf Augenhöhe und mit echtem Interesse begegnet und habe Menschen dabei nicht als Hilfsbedürftige, sondern als Träger eigener Rechte betrachtet. In seine Epoche fielen aber auch visionäre Bau- und Geschäftsprojekte wie der Aufbau des Kubi und des Cap-Marktes, das Wohnprojekt Südersteinstraße und der noch fertigzustellende Neubau in der Brockeswalder Chaussee.
Dieses Lebenswerk ist beispiellos
"Was Du auf den Weg gebracht hast, ist beispiellos. Es war kein Job für Dich, sondern das ist eine Lebenseinstellung, eine Haltung, ein klares Bekenntnis zu einer Gesellschaft, in der niemand an den Rand gehört, und da bist Du für uns alle auch ein Vorbild", konstatierte Oberbürgermeister Uwe Santjer. Frank Steinsiek, Landsvorsitzender der Lebenshilfe Niedersachsen, berichtete über die Ausstrahlung Werner Ludwigs-Dalkners weit über die Grenzen Cuxhavens und Niedersachsens hinaus. Welche Tagung oder Sitzung auch immer: "Werner war da, und zwar immer als Erster." Angepasst zu sein, sei nicht sein Ding gewesen: Vielmehr habe der Kollege stets eigene Haltung gezeigt und sie vertreten.
"Andere gehen einer Arbeit nach, Du hast einen Dom gebaut", so beschrieb Nahid Shirazi von der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit/Bildung/Teilhabe mithilfe einer Parabel die Einstellung ihres Weggefährten. Als Gestalter, Vordenker und "wandelnde Enzyklopädie der Eingliederungshilfe" sei Ludwigs-Dalkner vielen weit voraus gewesen. "Und was Du aufgebaut hast, das bleibt."
Als Gesicht und Stimme des sozialen Cuxhaven, der immer stolz auf jede gemeinsame Errungenschaft gewesen sei, bezeichnete Helle Vanini, Geschäftsführerin des Paritätischen Cuxhaven, Werner Ludwigs-Dalkner. Dass der Eintritt in den Ruhestand nun von gesundheitlichen Herausforderungen begleitet sei, hätten sich alle anders gewünscht - "gerade für einen, der immer für uns vorangegangen ist."
"Es lohnt sich jeden Tag, das zu erhalten und nicht zurückzuweichen"
Er habe eine wunderschöne Zeit erlebt, versicherte Werner Ludwigs-Dalkner: "Es lohnt sich jeden Tag, das zu erhalten und nicht zurückzuweichen." Im übrigen habe alles Erreichte nur gelingen können, weil alle gemeinsam gearbeitet, gelebt, gelacht, geweint und gestritten hätten - das sei es, was die große Gemeinschaft der Lebenshilfe und die ganze Gesellschaft ausmache. Allen voran dankte Werner Ludwigs-Dalkner aber seiner Ehefrau Dörthe und der ganzen Familie für die immerwährende Rückendeckung und Bestärkung in allen Lebenslagen.

Den Abschied verband er mit einem Appell, nämlich gerade in diesen Zeiten weiter die Stimme zu erheben, klare Kante zu zeigen und nicht zurückzuweichen - "auch wenn der Wind mal ein bisschen doller weht." Seinem Nachfolger Fabian Scharping übergab er ein Stück Besenstiel mit der Aufschrift "Viel Glück", unschwer auch als Staffelstab zu erkennen. Den hatte ihm Vorgänger Günter Behne zu seinem eigenen Start überreicht; nun soll er Fabian Scharping durch die kommende Zeit begleiten.
Wirtschaftlich und mit Qualität arbeiten
Wie heftig der Gegenwind gerade ist - immerhin werden selbst Menschenrechte infrage gestellt -, wurde in allen Beiträgen deutlich. Nicht umsonst kündigte Fabian Scharping "keine Festrede, sondern eine Kampfrede" an. Wie schon Edebohl Tietje, Vorsitzender des Vereins Lebenshilfe, sprach er klare Worte zu den auf dem Tisch liegenden beispiellosen Einschnitten in den Sozialstaat. Verschlankung brauche allenfalls der Bürokratieapparat. Die Kosten der Eingliederungshilfe dürften nicht als Einbahnstraße betrachtet werden, vielmehr erhalte die Gesellschaft jede Menge zurück - finanziell und sozial. "Wir brauchen uns nicht klein zu machen, denn wir arbeiten wirtschaftlich und mit Qualität", so Scharping.
Die Lebenshilfe in Zahlen
An den Standorten Cuxhaven und Hemmoor beschäftigt die Lebenshilfe rund 460 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Menschen mit Beeinträchtigungen). Die Personalstärke (also alle, die die Menschen begleiten und den Betrieb sicherstellen) liegt bei 212 Personen; das Personal in der Hauptverwaltung noch nicht eingerechnet.
Der Verein zählt 255 Mitglieder; Zuwachs ist willkommen.
Über 100 Menschen wohnen in verschiedenen Wohnangeboten. Durch die Assistenz werden 109 Personen ambulant beim Wohnen betreut, dazu gibt es Begleitungen und Reiseangebote. Die Seniorentagesstätte nimmt 22 Senioren auf.
Weitere soziale Wohnangebote, insbesondere das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen, verspricht der Neubau in der Brockeswalder Chaussee. Allerdings gibt es auf elf Wohnungen schon 80 Bewerbungen.

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