Schicksal der Cuxhavener "Hermine" wird vertagt
Einst stolzer Gaffelschoner, heute ein Sorgenkind: Die "Hermine" steht zwischen Verschrottung und Erhalt. Was wird aus dem Schiff, das seit Jahren am Schleusenpriel vor sich hinrottet? Ein Gutachten soll die Zukunft weisen.



Von Jens Jürgen Potschka
Cuxhaven. Die "Hermine" liegt im Schnee. Einst stolzer Gaffelschoner, heute ein Sorgenkind der Stadt: ohne Masten, ohne Takelage, die Planken verwittert. Am Schleusenpriel rottet das Schiff weiter vor sich hin, während die Politik um seine Zukunft ringt. In der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses Anfang Februar sollte eine Entscheidung fallen. Doch es kam anders.
Die Grünen hatten einen klaren Antrag vorgelegt: Die "Hermine" soll bis Weihnachten 2026 aus der City entfernt und fachgerecht entsorgt werden. "Die Gründe sind bekannt", erklärte Ratsfrau Christine Babacé knapp. "Sie hat für uns keinen wirklichen Geschichtshintergrund und marode ist sie auch. Und sie würde ja kosten ohne Ende. Das haben wir ja letztes Mal im Kulturausschuss schon gehört. Eine siebenstellige Summe."
CDU möchte "Stadtmöbel"
statt Denkmal
Doch der Vorstoß stieß auf heftigen Widerstand. Günter Wichert von der FDP warnte: "Selbst das Abwracken können wir uns nicht leisten." Er plädierte für einen Ortstermin mit der Kaufmannschaft. "Ich habe unwahrscheinlich viel Engagement aus der Kaufmannschaft gehört, wo Unternehmerinnen und Unternehmer sagen: Lasst uns doch mal das Schiff genau anschauen und vielleicht bekommen wir ja irgendwas hin." Wichert verwies auf Vorbilder wie Stralsund, wo ein altes Schiff zum Kinderspielplatz umgebaut wurde.
Noch deutlicher äußerte sich Enak Ferlemann von der CDU: "Wir lehnen den Antrag strikt ab. Die Hermine gehört zum Stadtbild." Die CDU hat einen Gegenvorschlag: Das Schiff soll aus der Denkmaleigenschaft entlassen und als "Stadtmöbel" erhalten werden. Nicht begehbar, aber optisch wiederhergestellt. "Man kann das Innere des Schiffes ausbauen mit Epoxidharz oder anderen Möglichkeiten", so Ferlemann, der gerne die Masten und Takelage wieder aufgebaut wissen möchte. Eine kostengünstige Lösung unter Beteiligung privater Initiativen und interessierter Firmen ist das erklärte Ziel. Schließlich sei die ganze innerstädtische Grünanlage am Schleusenpriel mit den gepflasterten Wellenmauern rund um die Hermine extra für den Gaffelschoner gestaltet worden.
Seine Fraktionskollegin Melanie Eitzen-Fischer wurde grundsätzlich: "Es war ein Geschenk und es ist ein ganz besonderes Schiff gewesen, und das steht unter Denkmalschutz." Sie forderte einen Einstellungswandel: "Diese Wertschätzung, diese Einstellung, das ist ganz wichtig. Die Stadt hat sich ja auch jahrelang damit geschmückt, im Besitz dieses Schiffes zu sein."
Wer trägt Verantwortung
für den Verfall?
Michael Stobbe von der SPD stellte klar: "Die Hermine ist nicht erst in den letzten fünf Jahren vergammelt. Das ist mindestens zehn Jahre her, dass das Schiff da liegt, und es ist in dieser Zeit nicht viel daran gemacht worden." Die Schuldfrage beschäftigt die Politik. Wichert forderte Aufklärung: "Wer so ein Schiff im Denkmalschutz hat, der muss dieses Schiff regelmäßig anstreichen. Ich hätte gerne eine Dokumentation. Hier muss auch Verantwortung festgelegt werden."
Sein SPD-Kollege Bernd Hartig wies auf ein grundsätzliches Problem hin: "Ein Schiff, das im Trockenen liegt, das geht kaputt. Schiffe gehören ins Wasser." Er mahnte zudem, mögliche Schadstoffbelastungen zu prüfen: "Die Schiffsanstriche waren früher bleibelastet. Wenn da auch nur ein bisschen Blei drin ist, kommen Kosten auf uns zu, die wir nicht tragen können."
Gutachten als
Hoffnungsträger
Dezernentin Petra Wüst brachte eine wichtige Nachricht in die Sitzung: Ein Gutachter habe das Schiff kürzlich ein weiteres Mal begutachtet. "Der Zustand ist nicht der beste, das wissen wir alle", räumte sie ein. Zur Verkehrssicherheit aber gab sie Entwarnung: "Es besteht keine unmittelbare Gefährdung. Wenn, dann wird die Hermine in sich zusammensacken. Aber von dem Schiff geht jetzt keine unmittelbare Gefährdung aus." Das schriftliche Gutachten werde in Kürze vorliegen und viele Fragen beantworten.
Genau auf dieses Gutachten setzte am Ende der Ausschuss seine Hoffnung. Vorsitzende Christiane Buck fasste zusammen: "Das Gutachten ist erst einmal Grundlage all dessen, was wir an weiteren Schritten in Erwägung ziehen können. Ohne das Gutachten segeln wir im Nebel." Einstimmig beschloss das Gremium, die Entscheidung zu vertagen. Der Antrag der Grünen wurde zurückgestellt.
Die "Hermine" hat also eine Gnadenfrist bekommen. Ob sie am Schleusenpriel bleibt oder verschwindet, entscheidet sich, wenn das Gutachten vorliegt und die Fakten auf dem Tisch sind. Dann wird sich zeigen, ob die Vision vom wiederhergestellten Stadtmöbel Realität werden kann, oder ob das Ende des Gaffelschoners besiegelt ist.