Wenn 12 Saxofone zu viert erklingen
Mit zwölf Saxofonstimmen und einem Hauch Meeresrauschen verwandelte das Kebyart Saxophon Quartett die kühle Herz-Jesu-Kirche in einen Ort voller Klangwelten und Emotionen. Ein musikalisches Experiment, das die Sinne überraschte.



Von Jens Jürgen Potschka
Cuxhaven. Der Schnee lag noch auf Cuxhaven, als sich die Herz-Jesu-Kirche am Meer am Sonnabendabend mit Musik füllte. Draußen Winter, drinnen vier Musiker in dunklen Anzügen, die sich gelegentlich die Hände rieben, bevor sie zu ihren Instrumenten griffen. Das Publikum in den Kirchenbänken, eingemummelt in dicke Winterjacken und Schals, ließ sich von den kühlen Temperaturen nicht abhalten. Was folgte, war ein Konzert, das die Kälte vergessen machte.
Zum zweiten Mal gastierte das Kebyart Saxophon Quartett aus Barcelona in der Stadtklang-Reihe und bot einmal mehr Außergewöhnliches. Pere Méndez, Víctor Serra, Robert Seara und Daniel Miguel hatten ihr Programm "An American Counterpoint" mitgebracht: eine Hommage an 250 Jahre USA, gewürzt mit Bach als kontrapunktischem Ruhepol. Vor dem Altar standen nicht nur vier Notenständer mit iPads, sondern auch vier große Lautsprecher und ein Notebook. Was nach technischer Nüchternheit klingt, entpuppte sich als spirituelle Erfahrung.
Steve Reichs "New York Counterpoint" eröffnete den Abend als Klangexperiment. Zwölf Saxofonstimmen füllten das Kirchenschiff, obwohl nur vier Musiker auf dem Podium standen. Acht Stimmen hatten sie vorab eingespielt, nun verschmolz das Live-Spiel mit der Konserve zu einem Gewebe, in dem Vergangenheit und Gegenwart, aufgezeichneter und lebendiger Klang miteinander tanzten. Das Publikum, das anfangs vielleicht skeptisch auf die Technik geblickt hatte, ließ sich rasch in diese minimalistische Klangwelt entführen. Die vier Musiker spielten sich warm - und wie.
Atem wie ein Meeresrauschen
Bei Caroline Shaws "Entr'acte" offenbarte sich dann jene besondere Qualität, die Kebyart auszeichnet. Die ursprünglich für Streichquartett komponierte Musik wurde zum Saxofonsatz, mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, als sei sie nie für andere Instrumente gedacht gewesen. Die vier bewegten sich dezent, harmonisch zur Musik, ihre Körper schienen zu verschmelzen wie ihre Klänge. Wenn sie ihre Instrumente atmen ließen beim Luftholen, klang es für einen kurzen Moment wie eine Brise am Meer, wie Meeresrauschen im Kirchenschiff. Die Grimmershörnbucht war zum Greifen nah.
Dann Johann Sebastian Bach. "Allein Gott in der Höh sei Ehr" - ursprünglich für Orgel geschrieben, nun im vierstimmigen Saxofonsatz. Die Frage, ob ein Saxofonquartett wie eine Orgel klingen kann, stellte sich nach diesem Vortrag nicht mehr. Die vier Katalanen ließen die Stimmen miteinander sprechen, wie es nur der Meister des Kontrapunkts lehren konnte. Eingerahmt von den Statuen Josefs und Mariens zur Rechten und Linken des Altarraums verdichtete sich die Atmosphäre zu etwas, das über ein gewöhnliches Konzert hinausging.
William Albrights "Fantasy Etudes" führten in surreale Klanglandschaften. Von Dudelsack-Imitationen bis zu Big-Band-Anklängen aus amerikanischen Fernsehserien der Fünfziger spannte sich der Bogen. Besonders bei "Pypes" demonstrierten Tenor- und Baritonsaxofon die Technik der Zirkularatmung: über eine Minute ohne Pause spielen, die Luft in den Wangen gespeichert. Sie überlebten und das Publikum applaudierte heftig.
Der Moment, in dem sich die Blume öffnet
Den Abschluss bildete Dani López Pradas' "Echoing Rhapsodies - Homage to Gershwin", eine deutsche Erstaufführung. Was wäre gewesen, wenn George Gershwin im 21. Jahrhundert gelebt und Kendrick Lamar getroffen hätte? Der katalanische Komponist, selbst Saxofonist, wagte das Gedankenexperiment: Gershwins Klaviermusik trifft auf Hip-Hop-Rhythmik, Jazz-Effekte verschmelzen mit zeitgenössischen Klangfarben. Ein kühnes Stück, das die Brücke von der Rhapsody in Blue zu modernem Rap schlägt und das Kebyart mit jener Spielfreude interpretierte, die ihrem Namen alle Ehre macht. "Kebyar" bedeutet im Balinesischen "aufplatzen", der Moment, in dem sich eine Blume öffnet. Genau das geschah an diesem Abend immer wieder.
Als Zugabe dann die schönste Pointe: "Summertime" von Gershwin. Magentafarbene Lichtstrahlen tauchten den Altarraum in warmes Licht, auf der Empore und im Kirchenschiff lauschte ein sichtlich bewegtes Publikum. Zwei Tage zuvor hatten die vier in der Hamburger Elbphilharmonie gespielt. Jetzt standen sie in der kleinen Kirche am Meer. Für Matthias Christian Kosel, den musikalischen Leiter der Stadtklang-Reihe, ist die Herz-Jesu-Kirche "die schönste kleine Spielstätte der Welt". Nach diesem Abend will man ihm nicht widersprechen.