Schock in Cuxhaven um das MSC-Siegel: Seelachs verliert Zertifikat
Obwohl die Kutterfisch-Zentrale alles dafür tut, den Fang des Seelachses in der Nordsee nachhaltig zu gestalten, ist es nun vorbei mit der Zertifizierung durch MSC. Dabei kann das Fischereiunternehmen aus Cuxhaven nichts für diese "Katastrophe".
Seelachs aus der Nordsee wird zum 30. Juni nicht mehr mit dem international anerkannten MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei versehen sein. Es ist ein Umstand, der die Kutterfisch-Zentrale aus Cuxhaven hart trifft - oder wie Geschäftsführer Kai-Arne Schmidt gegenüber der Nordsee-Zeitung sagt: "Das ist eine Katastrophe".
Zur Einordnung: Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) begründet den Verlust des MSC-Siegels mit der nicht mehr im grünen Bereich liegenden Bestandssituation des Nordsee-Seelachses. Von Wachstumsschwäche ist in diesem Zusammenhang die Rede.
Kai-Arne Schmidt, Geschäftsführer der Kutterfisch-Zentrale, weiß, dass das Siegel künftig in Deutschland, aber auch Frankreich, Großbritannien, Dänemark und Norwegen fehlen wird. Es sind Nationen, die allesamt in der Nordsee nach Seelachs fischen. Schmidt verweist darauf, dass mit Hilfe eines Scorings festgestellt wird, ob auch die Befischung des Nordsee-Seelachbestands nachhaltig ausgestaltet ist. Bewertet werde etwa wie die Fangnetze zur Reduzierung des Beifangs und Meeresbodenkontakts beitragen können. Ein Wert von 80 Prozent müsse im Scoring erreicht werden, um das Zertifikat auch weiterhin zu erhalten. Von jeweils allen Nationen.
Allein: "Bleibt einer darunter, dann werden auch alle anderen bestraft." Schmidt bemüht einen Vergleich mit der Schule: "Schreibt einer eine 6, bleibt nicht nur er sitzen. Es trifft auch alle, die eine 1 geschrieben haben." Das Schlimme sei, dass es von deutscher Seite aus keine Verfehlung gegeben hat: Die Netze seien modernisiert worden, zudem habe man dafür gesorgt, dass sich Fänge mit der nachwachsenden Ressource "Fisch" in Einklang befanden.
Suspendiert, obwohl vorbildlich in allen Bereichen
Kathrin Runge, Leiterin des MSC im deutschsprachigen Raum, nimmt denn auch Anteil an der Situation bei Kutterfisch. "Wir bedauern diese Suspendierung sehr. Die Kutterfisch-Fischerei ist seit Jahren ein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit: gut reguliert, streng kontrolliert und eng vernetzt mit wissenschaftlichen Einrichtungen."
Laut Schmidt hat Frankreich nicht nach MSC-Regeln gearbeitet und nur ein Scoring von 60 Prozent erreicht. "Sie haben Mist gebaut", hält er fest. Dr. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven, kann Schmidts Ärger verstehen - zumal sich die eigentliche Schwierigkeit nach Einschätzung des Forschers am Markt materialisiert. "Dramatisch ist aus unserer Sicht, dass der Handel so sehr auf das Siegel schaut. Die Abnehmer wollen nur Fisch mit dem MSC-Zertifikat erwerben."
Die Schwierigkeit mit der nicht-zertifizierten Ware
Das Zertifikat habe eine große Marktdurchdringung. Er könne sich vorstellen, dass Kutterfisch sich entsprechend andere Abnehmer suchen und andere Preise aufrufen muss. "Nicht zertifizierte Ware ist in Deutschland eben ganz schwer loszuwerden."
Getreu dem MSC-Umweltstandard, wonach die Fischbestände nur so stark befischt werden sollen, dass sie eine "gesunde Größe behalten oder in ihrer Regeneration nicht beeinträchtigt werden" (Runge), spricht Kraus von "ein bisschen zu hohen Werten". Aus Sicht des Fischereimanagements sei dies aber bislang nicht alarmierend.
Zum Seelachsbestand weiß Kraus zu berichten, dass das Gewicht einzelner Fische abgenommen hat. Dies habe vermutlich mit einem zu kleinen Nahrungsvorrat zu tun, auf den die Fische zurückgreifen können - und folglich mit dem Klimawandel. "Wir sehen die kritische Schwelle des MSC aber eigentlich überhaupt nicht. Man muss nicht das Aussterben des Bestandes befürchten, sondern nur ein wenig nachsteuern", sagt der Wissenschaftler, der schätzt, dass der Verlust des Siegels nur geringe Auswirkungen auf das Kundenverhalten haben wird.
"Der Anteil des Fisches, der frisch verkauft wird, ist nicht so hoch. Die Verbraucher werden dies nicht unbedingt unmittelbar merken." In dieselbe Kerbe schlägt auch Schmidt, der betont, dass es sich um den gleichen Fisch handelt. Fakt sei aber, dass die Kunden ab 1. Juli keinen MSC-Lachs mehr bekommen, obwohl er so nachhaltig gefischt wird wie vorher. Wie die Verbraucher reagieren - das könne er aber nicht sagen.
War es das jetzt wirklich mit dem Siegel?
Eines dagegen schon: "Unsere Kapitäne sind sehr enttäuscht. Sie schonen den Bestand, werden aber mit Verursachern aus anderen Ländern in einen Topf geworfen", so Kai-Arne Schmidt. Zwar dürfe der Seelachs noch gefroren werden, jedoch habe ein fehlendes MSC-Siegel zur Folge, dass es für den Fisch keinen Absatz mehr gibt. Wie sich die Situation an der Frischfisch-Theke verhält, könne er indes nicht vorhersehen.
Das Siegel muss derweil nicht für immer weg sein. Heißt es laut MSC, Deutschland sei suspendiert, weiß Schmidt von einer neuen Chance. "Es muss jetzt ein Jahr gewartet werden, um es wieder zu beantragen. Solange, bis sich die Bestände wieder entwickelt haben." (Von Pascal Patrick Pfaff)