CNV Medien

Ins erfundene Finstermoor am Ahlenmoor entführte Susanne Ziegert ihr Publikum mit ihrem Küstenkrimi „Küstendorf“. Foto: Potschka
Ins erfundene Finstermoor am Ahlenmoor entführte Susanne Ziegert ihr Publikum mit ihrem Küstenkrimi „Küstendorf“. Foto: Potschka
Moorleiche trifft Tigermücke

Spannende Krimifälle in Cuxhaven enthüllen dunkle Geheimnisse

von Jens Potschka | 25.10.2026

Eine Moorleiche, ein Hundemann und die Tigermücke: Ein Krimiabend in Cuxhaven-Sahlenburg enthüllt faszinierende Verbindungen zwischen realen Begebenheiten und fiktiven Geschichten. Die Autoren entführen in Abgründe jenseits der Dorfidylle.

Draußen hatte der Wind das Abendrot längst vom Himmel gefegt, als die Krimifans die Treppenstufen in den großen Ausstellungssaal des Wattenmeer-Besucherzentrums in Sahlenburg nahmen. Hinter dem Panoramafenster lag das Watt schwarz da, drinnen leuchtete ein Podest mit Lesetisch. Die Stuhlreihen standen mitten in der Ausstellung, zwischen Wisent, Wolf und Artentisch. Über den Autoren schwebte ein Schwarm weißer Zugvögel aus Metall, gefertigt von Mitarbeitenden der Lebenshilfe Cuxhaven.

Norbert Balzer eröffnete auf seinem Orchester-Akkordeon mit der Titelmelodie von "Derrick". Passender kann ein Krimiabend kaum beginnen. Hausherr Bernhard Rauhut freute sich über einen ausverkauften Saal: "Haben wir gar nicht mit gerechnet."

Ein Haus für nur einen Euro

Susanne Ziegert, Journalistin und Autorin, lebt seit 2019 auf einem Pferdehof bei Cuxhaven. Sie las aus "Küstendorf", dem vierten Fall ihrer Reihe um Kommissarin Friederike von Menkendorf. Schauplatz ist Finstermoor am Rande des Ahlenmoors, ein erfundenes Dorf. Ein Freund der Autorin wollte keinen Krimitourismus vor seiner Haustür. Denn in seinem Haus spielt die Geschichte, und die ist zum Teil wahr. Der Freund hatte eine Ruine für einen Euro gekauft und beim Entrümpeln blaue Müllsäcke voller Aktenordner gefunden: die Lebensgeschichte des Vorbesitzers. Dessen Pensionshunde starben am Parvovirus der Katzenseuche, doch niemand glaubte ihm. Er zog von Prozess zu Prozess, zahlte keine Steuern mehr und wurde zwangsgeräumt.

Ziegert machte ihn als "Hundemann" Holger Waldmann zur Romanfigur und spitzte ihn zum Reichsbürger zu. Als zwei Mädchen verschwinden, findet ein Suchtrupp eine Leiche im Moor. Doch die Tote liegt seit Jahrhunderten dort. Diese falsche Fährte verdankt der Roman einer Moorleichen-Spezialistin der Hamburger Rechtsmedizin, die in einem Moorkrimi eine Moorleiche vermisst hätte. Als das Haus des Hundemanns explodiert, hat halb Finstermoor ein Motiv. Nur so viel verriet die Autorin: Der Gärtner war es nicht.

Hinter den heimeligen Fassaden

Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählte Ziegert, wie stark ihr neues Zuhause ihr Schreiben prägt. Die zugezogene Hofbesitzerin im Roman spiegele eigenes Erleben: "Die Welten, die so aufeinanderprallen." Etwa beim Moorschutz. "Das stellt man sich als Großstädter ganz toll vor", sagte Ziegert, die das Anliegen teilt. "Aber wenn man dann hier lebt, sieht man: Das sind Menschen, die haben dort ihre Weiden, ihre Felder, die leben davon." An die heile Welt glaubt sie ohnehin nicht. "Gibt es auf Dörfern eine heile Welt?", fragte sie zurück. Auf dem Land erfahre man mehr über die Menschen als in der Großstadt.

Ihr erster Roman sei eigentlich "eine große Reportage" gewesen, die Recherche liebt die Journalistin bis heute. Für ihren aktuellen Fall fuhr sie oft auf einem Krabbenkutter mit. Das Klischee von Fischbrötchen und Nebel überlässt sie der Marketingabteilung. Was ihre Krimis erzählen, das kein Reiseführer verrät? "Ich blicke hinter die Kulissen." Im Frühjahr erscheint ihr nächster Küstenkrimi. Er spielt in Duhnen und verarbeitet erneut eine wahre Geschichte.

"Geolofsont" an der Kugelbake

Lesung mit Lehrstunde: Markus Rahaus erklärte am Bildschirm, wie die Tigermücke das Dengue-Virus überträgt. Im Anschluss signierte er seine Krimis. Foto: Potschka

Nach der Pause wechselte die Szenerie vom Moor an den Strand. Markus Rahaus, habilitierter Virologe, stellte "Operation Wellenbrecher" vor, den sechsten Band um Kommissar Arne Olofsen. Auf der ersten Seite erbricht sich ein fiebernder Urlauber in den Duhner Sand, kurz darauf verschanzt sich ein Landwirt mit zwei Geiseln in seinem Traktor vor dem Kreishaus. Im Norden tauchen Dengue-Infektionen auf, übertragen von der Asiatischen Tigermücke, und der Fall führt Olofsen bis nach Dänemark.

Autoren im Fokus: Nach der atmosphärisch dichten Krimilesung im Wattenmeer-Besucherzentrum signiert Markus Rahaus seinen neuen Küstenkrimi. Foto: Potschka

Rahaus war lebendig unterwegs. Immer wieder trat er vor eine Leinwand und einen Bildschirm und zeigte Schauplätze, Verbreitungskarten und Mückenlarven aus dem Hamburger Bernhard-Nocht-Institut, wo er für seinen Küstenkrimi recherchiert hatte. Streckenweise glich das einem kleinen Vortrag, einer originellen Spielart der Krimilesung. Und eine mit Humor. Wer sich mit Olofsen anlegt, dem droht der Kommissar, ihn "mit den Eiern an die Kugelbake" zu nageln. In Cuxhaven heiße das inzwischen "geolofsont" werden, erklärte Rahaus unter Gelächter. Den Showdown verlegte er in die Gewächshäuser einer alten Gärtnerei bei Altenbruch. Wie sein Krimi ausgeht? "Lesen. Das ist auch ganz einfach."

Die Ehefrau liest zuerst

Virologische Krimis gebe es nicht viele, sagte Rahaus im persönlichen Gespräch, das sei sein Alleinstellungsmerkmal. Im Buch stecke "ganz viel Wissenschaft". Übertrieben habe er nur, wie leicht die Täter das Virus herstellen: "Ganz so einfach, wie im Buch beschrieben, ist es dann doch nicht." Bei solchen Details bleibe er bewusst vage, um keine Anleitung zu liefern. Doch der lange, schwüle Sommer hat gezeigt, dass sich solche Erreger hier immer leichter etablieren könnten. Das Buch greife zudem die "immer noch recht fehlende Aufarbeitung" der Corona-Zeit auf.

Warum Cuxhaven? "Ich wohne hier einfach und ich kenne mich hier aus." Seine einzige Testleserin ist seine Frau. Schwerer als ein Kapitelende fällt ihm ein Forschungsantrag. Beim Krimi schreibt er: "Wie mir der Schnabel gewachsen ist."

Vom "Derrick"-Thema bis "Moon River": Norbert Balzer ließ auf seinem Orchester-Akkordeon das Wattenmeer nachklingen. Foto: Potschka

Zwischen den Lesungen ließ Balzer mit "Moon River", "La Mer" und "Scarborough Fair" das Wattenmeer nachklingen. Am Signiertisch bildeten sich Schlangen. Draußen pfiff der Herbstwind übers dunkle Watt. Der Leseherbst kann getrost kommen.

Fesselnde Geschichten und lebhafte Lesungen: Besucher erwerben am Büchertisch der Oliva-Buchhandlung Krimi-Lektüre von der Küste. Foto: Potschka
Ein musikalischer Einstieg: Norbert Balzer sorgt mit seinem Akkordeon für die passende Stimmung beim Krimiabend im Wattenmeer-Besucherzentrum in Sahlenburg. Foto: Potschka

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Newsletter

Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.


Top Nachrichten



Bild von Jens Potschka
Jens Potschka

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

potschka@no-spamcnv-medien.de

Lesen Sie auch...
Versorgung

MVZ-Schließung in Cuxhaven: Bestrebungen für Lösung in letzter Minute laufen an

Menschen unserer Stadt

Zwischen Kita-Alltag und Ehrenamt in Cuxhaven: Engagement für Kinder und die Stadt

Vier Gastspiele im Fokus

Stadttheater Cuxhaven: Vier Theater-Highlights im November - von Hemingway bis Hamlet

Geschlechtliche Gleichberechtigung

Premiere in Cuxhaven: Neuer Verein plant ersten CSD mit prominenter Unterstützung