"Zur Grenze" in Altenbruch erwacht aus Dornröschenschlaf: Neues Leben im Gasthaus
Im Rahmen eines einwöchigen Aufenthalts wollen Studierende Nachnutzungsideen für ein ehemaliges Gasthaus entwickeln.
Man kann beinahe von Kultstatus sprechen: Jahrzehntelang bot das Gasthaus "Zur Grenze" seinen Stammkunden eine Art Wohnzimmer. Mit dem Tod der Wirtsleute endete eine Ära; seither blieb die Gaststube verwaist, Fremdenzimmer im Obergeschoss standen leer.
Doch das Anwesen mit seinen Fachwerkmauern und einem idyllischen Garten wäre ja viel zu schade, um in einem Dornröschenschlaf zu versinken. Um sich hinsichtlich künftiger Nutzungsmöglichkeiten inspirieren zu lassen, hat der neue Eigentümer einen ebenso ungewöhnlichen wie spannenden Weg eingeschlagen.
Seit knapp einer Woche gibt es wieder Leben im Gasthaus "Zur Grenze" - vorübergehend jedenfalls, für die Dauer der "Summer School", eines auf mehrere Tage begrenzten Projektseminars. Tom Janocha, Neffe der Vorbesitzer, hat sich an die HafenCity Universität Hamburg gewandt: Neun Studentinnen und Studenten halten sich derzeit in Altenbruch auf, um mit fachlichem Wissen und dem sprichwörtlichen "Blick von außen" Impulse zu geben.
"Wechselwirkung" mit Altenbruchern
Die Veranda hat sich dabei in kürzester Zeit in eine Pinnwand verwandelt, der Garten ist Hörsaal und Mensa zugleich. Toll findet das Tom Janocha, der erste Ideen aufgeschnappt hat, die seine Gäste und ein Professor für Urban Design im Zuge ihrer täglichen Seminararbeit entwickeln.
Der Fokus dieser "ganz gemischten Truppe" aus angehenden Stadtplanern, Sozial- oder Kulturwissenschaftlern richtet sich dabei nicht auf das Objekt allein. Vielmehr betrachten die Studierenden das ehemalige Gasthaus in engem Zusammenhang mit seiner dörflich geprägten Umgebung. Dabei schwärmen sie aus, werden gesehen - und sind sich der daraus erwachsenden Rolle durchaus bewusst: "Wir intervenieren sehr wohl in den Raum hinein", sagt Hana Lotzer, bezogen auf Wechselwirkungen zwischen "Summer School"-Gästen und dem Altenbrucher Dorfleben.
Im ersten Moment womöglich neugierig beäugt, fanden die Studentinnen und Studenten übrigens in kürzester Zeit einen Draht zu den Einheimischen. "Wir sind sehr herzlich empfangen worden", berichten Anna Ackermann und Rabea Ellersiek. "Die Menschen hier sind sehr interessiert und kommunikativ."
Ein Idealfall für Vertreter einer Disziplin, die Architektur nicht nur unter in ihrem physischen Erscheinungsbild betrachtet: Raum habe auch eine soziale oder eine emotionale Komponente, geben die drei jungen Frauen im CN-Gespräch zu bedenken.
"Was ist hier und was könnte sein?"
Dementsprechend wird im Zuge der einwöchigen "Summer School" auch kein fertiger Bauplan entstehen, der dem mehr als 200 Jahre alten Gebäude zum Zweck einer ganz bestimmten Verwendung übergestülpt würde. "Dafür wäre die zur Verfügung stehende Zeit viel zu kurz", geben die Studierenden zu bedenken. Nach ihren Worten geht es darum, "Szenarien" für eine Nachnutzung zu entwickeln. "Was ist hier und was könnte in Zukunft hier sein?", erläutert Prof. Bernd Kniess die Herangehensweise. Die gemeinsam entwickelten Perspektiven werden sich nach seinem Dafürhalten nicht unbedingt auf einen Schlag, sondern vielleicht erst sukzessive umsetzen lassen. Denn langfristig geht es selbstredend um Wirtschaftlichkeit, um Zuständigkeiten und um Verantwortung - Aspekte, die noch nicht im Vordergrund stehen dürften, wenn die "Summer School"- Gruppe am Sonnabend ihr Fazit zieht.