Traum vom MVZ - oder bleibt's ein Wunschkonzert?
Ein Antrag im Ortsrat Sahlenburg sorgt für Aufsehen: Ein Medizinisches Versorgungszentrum soll das brachliegende Helios-Areal beleben. Doch der Investor hat andere Pläne. Wird der Traum des Ortsrats Realität oder bleibt es beim Wunschkonzert?
Es war der ungewöhnlichste Moment des Abends: Ein CDU-Mann setzt eine Flasche Champagner auf das Scheitern eines SPD-Antrags und stimmt ihm trotzdem zu. Was das über die Stimmung im Ortsrat Sahlenburg verrät? Einiges. Denn als Andreas Wichmann (SPD) in der gut besuchten Aula der Grundschule Sahlenburg für ein Medizinisches Versorgungszentrum auf dem alten Helios-Areal warb, wollte ihm niemand widersprechen, doch glauben mochte ihm auch kaum jemand. Der Wunsch ist groß. Die Skepsis ist größer. Und der Investor plant derweil etwas ganz anderes.
Ein Signal: nicht mehr, aber auch nicht weniger
Wichmanns Antrag ist kein Bebauungsplan, kein Vertrag, kein Versprechen. Es ist eine Willensbekundung, die an den Kieler Investor NGEG adressiert ist, der das Gelände übernehmen soll und bislang eine touristische Nutzung plant. Wichmann will ein Zeichen setzen: Der Ortsrat wünscht sich dort ein MVZ, möglichst mit Fachärzten für Rheumatologie, Orthopädie und Pneumologie. Alles Disziplinen, die in der Region rar sind und an die medizinische Tradition des Areals anknüpfen würden. Die Nordheim-Stiftung öffnete dort 1906 ihre Pforten. Mehr als ein Jahrhundert lang war das Gelände ein Ort der Heilung. Wichmann findet: Das sollte nicht einfach ausgeblendet werden.
Rückenwind bekommt er vom Cuxhavener Rheumatologen Dr. Ingo Hartig, der die Idee angestoßen hatte und sich vorstellt, von Nordholz aus einen Zweigstandort in Sahlenburg zu betreiben. Die Idee: stabile Mieteinnahmen für den Investor, medizinische Versorgung für die Region, weniger Ferienhäuser auf einem Gelände, das viele Sahlenburger ohnehin mit Unbehagen beobachten. Eine "Win-Win-Situation", meint Wichmann, wenn der Investor mitzieht.
Knackpunkt: Investor hat ganz andere Pläne
Ortsbürgermeisterin Claudia Bönnen hatte sich vor der Sitzung direkt an den Investor gewandt. Dessen Antwort verlas sie in der Schulaula öffentlich: Das geplante touristische Konzept werde nach wie vor vorbereitet. Kein Nein, aber auch kein Ja zur MVZ-Idee. Derzeit würden noch Bodenuntersuchungen laufen, Versorgungsleitungen und alte Bunkerstrukturen kartiert. Die Übergabe des Geländes steht noch aus, ein Bebauungsplan ist nicht beschlossen. Und damit, so Wichmanns eigene nüchterne Einschätzung, sei bislang noch kein einziger Euro geflossen.
CDU-Ratsherr Herbert Kihm, der damals in der Kommission saß, die das touristische Konzept des Investors befürwortete, sprach Klartext. Er erinnerte daran, dass es seinerzeit schlicht keinen anderen Investor gegeben habe, der das Gelände hätte retten wollen. Kihm stimmte dem Antrag zu, und zwar aus Respekt vor dem Wunsch vieler Sahlenburger. Aber er machte keinen Hehl aus seiner Einschätzung: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Investor einlenkt, taxierte er auf "plus minus Null". Und er setzte noch einen drauf: Eine gute Flasche Champagner wolle er darauf wetten, dass dieser Wunsch unerfüllt bleibt. Wichmann nahm die Wette an - und ließ durchblicken, dass er selbst an die eigene Flasche glaube.
Entscheidung wird in Kiel getroffen
Auch Ortsratsmitglied Sebastian Schlagmann zeigte sich skeptisch. Er halte das MVZ für wünschenswert, aber für unrealistisch: Der Investor stecke ohnehin schon in Schwierigkeiten, die Planungen zögen sich, und ihm jetzt noch eine Planänderung vor die Füße zu werfen, werde nicht fruchten.
Wichmann blieb gelassen. Es gehe nicht darum, den Investor zu überrumpeln, sondern darum, eine klare Haltung zu formulieren. Solange kein Bebauungsplan stehe, sei noch alles offen. Und manchmal, sagte er, müsse man Wege gehen, die noch keiner gegangen ist.
Der Ortsrat Sahlenburg hat seinen Wunsch nun zu Protokoll gegeben. Ob der Investor ihn erhört, entscheidet sich andernorts, und zwar in Kiel.
