Viel mehr als eine szenische Lesung: "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe" in Cuxhaven
Gesine Cukrowski und Oliver Mommsen entführten das Publikum im Stadttheater Cuxhaven in die leidenschaftliche Welt der Literatur. In "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe" gab es mit szenischer Brillanz große Gefühle und dramatische Momente.
Es geht um Liebe und Leidenschaft, um Verletzlichkeit und Zurückweisung - um all das, was Menschen in Zweierbeziehungen erleben. In "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe", der szenischen Lesung, mit der Gesine Cukrowski und Oliver Mommsen im Stadttheater Cuxhaven ihr Publikum begeisterten, geht es auch um große Namen aus der Literatur - von John Keats über Heinrich von Kleist bis hin zu Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Schier endlose Gelegenheiten also für das Schauspieler-Duo, die Facetten seines Könnens unter Beweis zu stellen.
Bei den Briefschreiberinnen und Briefschreibern handelt es sich schließlich um Charaktere der besonderen Art, und die müssen eine Charakterdarstellerin wie Gesine Cukrowski und einen Charakterdarsteller wie Oliver Mommsen ganz einfach reizen. Der glühende Liebesbrief des Dichters Paul Elouard an seine Geliebte Gala offenbart natürlich vieles von der Persönlichkeit Elouards. Nicht anders ist das bei Heinrich von Kleist, wenn er an Henriette Vogel schreibt, mit der er wenig später am Wannsee Selbstmord begehen wird.
Wirkung noch um ein Vielfaches größer
Wie sehr Gesine Cukrowski und Oliver Mommsen über die Lesung der Texte hinaus auf darstellerische Momente setzen, wird von Brief zu Brief deutlicher. Natürlich vermag allein schon die Stimme viel von der Leidenschaftlichkeit des Briefschreibers oder der Schreiberin auszudrücken, gepaart mit der Präsenz der Darsteller auf der Bühne ist die Wirkung jedoch noch um ein Vielfaches größer. Ungemein beeindruckend war da Gesine Cukrowski zum Beispiel mit dem Brief Adele Sandrocks an Arthur Schnitzler. Der Bühnenstar und der Dichter, der zu jener Zeit noch vorwiegend Mediziner war, hatten sich 1893 kennengelernt, als Adele Sandrock am Deutschen Volkstheater Wien spielte. Ihre von Launen und Konflikten gekennzeichnete Liebe dauerte zwei Jahre, und genau das legt Gesine Cukrowski in die Lesung des Briefes von Adele Sandrock - empathisch, leidenschaftlich, mit Ironie und kaum verborgenem Ärger.
Gefühlsausbrüche gab es in allen Jahrhunderten. Wie mit ihnen in Briefen umgegangen wird, unterliegt nicht von ungefähr dem Wechsel der Zeiten. Dass es zu Zeiten von Keats und Kleist anders war als viel später dann bei Dorothy Sayers und Rebecca West, ist klar. In dem von ihnen herausgegebenen Band "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe" haben Petra Müller und Rainer Wieland sie alle versammelt - die uns heute maßlos übertrieben erscheinenden Liebesschwüre und die eher verhaltenen. Eine Auswahl daraus zu treffen, ist nicht leicht. Dem Schauspieler-Duo Cukrowski/Mommsen ist das für ihren Abend auf dem Theater jedoch ohne Frage gelungen. Dass darüber hinaus die Einbettung in kurze biografische Abschnitte und Zeitumstände gleich noch mitgeliefert wird, macht das Bild rund und für das Publikum interessant. Und ohne Frage positiv ist auch die Tatsache, dass die beiden sowohl solistisch wie auch als Duo agieren.
Eine 20-jährige Newcomerin
Und zu guter Letzt mag für den einen oder anderen im Theatersaal die literarische Revue auf der Bühne der Anlass sein, in das Werk der Briefschreiberinnen und Briefschreiber einzutauchen. Rebecca West, die britische Schriftstellerin und radikale Journalistin, lohnt sich das ganz bestimmt. Sie wagt es als 20-jährige Newcomerin, den längst berühmten H. G. Wells, dessen Geliebte sie wird, kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ihr gelesener Brief spricht, was das angeht, Bände. "Black Lambs and Grey Falcon" (deutscher Titel: "Schwarzes Lamm und grauer Falke"), ihre Reise durch Jugoslawien, ist ihr vielleicht wichtigstes Werk. Und eintauchen sollte man natürlich auch in das Werk Ingeborg Bachmanns und Paul Celans, der Lyrikerin und des Lyrikers, die eine große Liebe verband, offengelegt mit ihrem erst 2008 erschienenen Briefwechsel. Oder eintauchen auch in das Werk von Oscar Wilde, in seinen Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" zum Beispiel. Jenen Roman, den seine Liebe Lord Alfred Douglas so viele Male gelesen hat. Eine Beziehung, die den Dichter letztlich vernichtet - durch eine gezielte Provokation des Vaters von Lord Alfred.
Für Gesine Cukrowski und Oliver Mommsen gab es nach viel Zwischenbeifall am Ende des Abends noch mehr Applaus für eine ungemein facettenreiche szenische Lesung mit beeindruckenden darstellerischen Momenten.
Von Ilse Cordes