Warum der Satz "Educate your son" einen Haken hat - Autorin Anne Dittmann in Cuxhaven
Bei einer Lesung im Havenhostel Cuxhaven spricht die Spiegel-Beststeller Autorin Anne Dittmann über Söhne, Männlichkeitsbilder und Fürsorge. Sie erklärt, warum Jungen kein "hartes" Rollenbild brauchen - und weshalb Caring Masculinity Kinder stärkt.
"Als ich erfahren habe, dass das Kind in meinem Bauch einen Penis hat, dachte ich: oha, wie geht es jetzt weiter?"
Bei der Lesung aus ihrem Spiegel-Bestseller "Jungs von heute, Männer von morgen - Was unsere Söhne für eine Gleichberechtigte Zukunft von uns brauchen" im Havenhostel Cuxhaven ging Anne Dittmann direkt ins Thema. Sie begann mit sich selbst. Mit Mutterschaft, mit Zweifeln, mit einer Frage, die sie bis heute begleitet: Wie erzieht man eigentlich einen Jungen?
Ostsozialisiert und trotzdem ohne Vorbild
Die Journalistin wuchs "ostsozialisiert" in Berlin-Marzahn auf. Umgeben von starken, arbeitenden Frauen. "Meine Mutter, meine Oma, meine Tanten - alle haben Vollzeit gearbeitet und sich um die Kinder gekümmert." Emanzipiert, ja. Gleichberechtigt, nein. Denn die Care- und Hausarbeit blieb trotzdem bei den Frauen. "Ich wusste, wie man Mädchen erzieht - aber ich hatte kein Vorbild für meinen Sohn", gab die Autorin zu. Diese Leerstelle habe sie verunsichert. Immer wieder habe sie sich dabei erwischt, wie sie ihren Sohn "abgescannt" habe, aus Angst er könne ein schlechter Mann werden. Ein Macho.
"Educate your son" - ein Satz mit Haken
Ausgangspunkt ihres Buches war ein Spruch, der seit Jahren durch Debatten geistert: Educate your son (Erziehe deinen Sohn). Dittmann reibt sich daran. "Ja, aber wie denn?" In ihrer feministischen Bubble habe sie Antworten gesehen, die sie nicht überzeugten und die sie als Härte 2.0 zusammenfassen würde. Ihre eigene Erfahrung als Mutter habe ihr etwas anderes gezeigt: Angst und Wut seien schlechte Ratgeber.
Also macht sich die Journalistin auf die Suche. Zwei Jahre tauchte sie tief ein in die Männlichkeitsforschung. Sie fand das Konzept der "Caring Masculinities" (Fürsorgliche Männlichkeit). Ein Gegenentwurf zur traditionellen Männlichkeit. "Wenn wir uns nicht an einem negativen Bild orientieren wollen, dann brauchen wir ein positives."
Traditionelle Männlichkeitsnormen, so Dittmann, würden Krisen verschärfen - für Frauen und für Männer. "Caring Masculinity" setze dem etwas entgegen: Fürsorge, Beziehung und emotionale Kompetenz. Zudem stärke es Kinder. "Die Resilienzforschung zeigt, Kinder, die mit sogenannten männlichen und weiblichen Kompetenzen aufwachsen, sind in Krisen widerstandsfähiger."

Der Ruf nach männlichen Vorbildern - 40 Jahre alt
Zudem würden Vorbilder kein Geschlecht haben, führte Dittmann weiter aus. Der Ruf nach männlichen Vorbildern sei alt aber wissenschaftlich nicht belegt. Sigmund Freud ging davon aus, dass Jungen sich in ihrer Entwicklung von der Mutter lösen und sich mit dem Vater identifizieren müssen, um eine "gesunde" männliche Identität auszubilden. Daraus entstand die bis heute wirksame Vorstellung, Jungen bräuchten zwingend männliche Vorbilder, um nicht "fehlgeleitet" zu werden. Viele Mütter, erklärte sie, nähmen sich selbst nicht als Vorbild für ihre Söhne wahr. Das schade jedoch der Bindung.
Ganz konkret werde es im Alltag. Hausarbeit dürfe keine Strafe sein. Es reiche nicht, wenn Erwachsene alles "vorleben". Kinder müssten einbezogen werden. Aufgaben ausprobieren, Kompetenzen lernen. Auch im Spiel. "Warum bekommt ein kleiner Junge ein Auto, aber keine Spielküche?" Und selbst Dinosaurier, fügte sie schmunzelnd hinzu, seien fürsorglicher gewesen, als viele glauben.
Testosteron schießt nicht ein
Dittmann räumte auch mit einem hartnäckigen Mythos auf. Testosteron, das angeblich schon im Grundschulalter "einschießt". "Wenn das so wäre, gehen Sie bitte mit dem Kind zum Arzt", zitierte sie einen Kinderarzt. Aggression sei kein Naturgesetz. Verhalten beeinflusse Hormone - nicht nur umgekehrt. So habe man bei Vätern, die sich viel um ihr Baby kümmern festgestellt, dass ihr Testosteron sinkt.
Aggression werde kulturell belohnt
Der Ton wurde ernster, als Anne Dittmann über problematische Vorbilder sprach - etwa über Andrew Tate, der in sozialen Medien eine aggressive, dominanzorientierte Männlichkeit inszeniert und Macht, Frauenverachtung und emotionale Härte glorifiziert. Solche Bilder wirkten, weil Männlichkeit noch immer über die Abwertung von Fürsorge und Weiblichkeit definiert werde, sagte Dittmann - Aggression werde kulturell belohnt, nicht biologisch vorgegeben.
Jungen lernten dieses Verhalten früh, oft in dem, was der Soziologe Pierre Bourdieu "ernste Spiele des Wettbewerbs" nannte: keine Jacke bei Kälte, Schmerz ignorieren, Grenzen überschreiten. Die Folgen seien messbar. "Es gibt typisch männliche Todesursachen - sie haben alle mit dem Demonstrieren von Stärke zu tun", betonte Dittmann. Männer verunglückten häufiger im Straßenverkehr, ertränken öfter, begehen deutlich mehr Suizide. Ihr Schluss war klar und eindringlich: "Unsere Söhne tragen ein erhöhtes Risiko, an ihrem eigenen riskanten Verhalten zu sterben - und genau hier müssen wir ansetzen."