Der Anfang war nicht in Konzentrationslagern- Schüler aus Cuxhaven erleben Geschichte
Geschichte hautnah erleben: Sechs Oberstufenschüler des Amandus-Abendroth-Gymnasiums Cuxhaven bekamen dazu Gelegenheit. Bei der Holocaust-Gedenkstunde in Berlin zum Gedenktag am 27. Januar, setzten sie sich mit der Vergangenheit auseinander.
Anlässlich des 81. Internationalen Holocaust-Gedenktages reisten, wie wir berichteten, am Sonnabend (24. Januar 2026) sechs Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Amandus-Abendroth-Gymnasiums (AAG) aus Cuxhaven nach Berlin. Sie nahmen gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer Marten Grimke an der zentralen Gedenkstunde des Internationalen Auschwitz-Komitees teil, die auch im Fernsehen übertragen wurde. Die Fahrt erwies sich dabei nicht nur als Bildungsreise, sondern als emotionale Auseinandersetzung mit Geschichte - eine Erfahrung, die bei vielen noch lange nachwirkt.
Schülerinnen und Schüler im Gespräch mit CNV-Medien
Nach ihrer Rückkehr berichteten die Schülerinnen und Schüler von ihren Eindrücken im Gespräch mit den beiden Volontärinnen von CNV-Medien.
Der Besuch des Holocaust-Mahnmals hatte nachhaltige Eindrücke hinterlassen. "Ich fand es sehr beklemmend, als man durch die einzelnen Gänge gelaufen ist und die Steine immer höher wurden. Man hatte das Gefühl, es wird immer enger", erklärte Sophia. Dieses körperliche Empfinden habe ihr geholfen. Auch Laurien betonte, dass das Denkmal sie emotional ergriffen habe: "Man fühlt sich in der Mitte ein bisschen verloren."
Tatsächliche Ausmaß greifbar gemacht
"Man weiß aus dem Unterricht, dass es Millionen waren - aber erst, wenn man davorsteht, wird einem klar, wie unfassbar viele Menschen das wirklich waren", meinte Anna. Die abstrakten Zahlen aus dem Schulbuch hätten eine ganz andere, deutlich eindringlichere Bedeutung bekommen.
An diese Eindrücke knüpfte ein weiterer zentraler Moment der Reise an: die Teilnahme an der internationalen Gedenkstunde des Internationalen Auschwitz-Komitees. Besonders eindrücklich waren für die Jugendlichen die sehr emotionalen Schilderungen von Menschen, die Erfahrungen aus dem Umfeld von Holocaust-Überlebenden weitergaben.

Ergreifende Momente während der Gedenkfeier
Anna beschreibt die Atmosphäre so: "Es war immer dieses Zusammenspiel aus Musik und persönlichen Erzählungen. Während der Musik hatte man Zeit, alles wirken zu lassen - die Informationen, die Gefühle." Besonders bewegt habe sie eine Frau, die am Ende kaum noch sprechen konnte. "Man hatte das Gefühl, sie ist selbst kurz davor zu weinen. Das hat man im Publikum auch gemerkt - alle waren sehr ergriffen."
Schnell wurde den Schülerinnen und Schülern klar, dass solche Erfahrungen durch keinen Unterricht zu ersetzen sind. "Im Buch stehen Berichte, aber wenn eine Person vor dir steht und mit Emotionen erzählt, dann berührt das auf einer ganz anderen Ebene", betonte Erik.
Immer wieder zogen die Jugendlichen Parallelen zur Gegenwart. Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass seien keineswegs überwunden. "Heute trauen sich Menschen nicht, mit Kippa draußen rumzulaufen. Es gibt Beleidigungen im Netz, Anschläge auf Synagogen", sagte Sophia. Gerade deshalb sei Erinnerungsarbeit auch heute noch unverzichtbar.
"Wer um Juden trauert, aber gegen Muslime hetzt, hat aus der Geschichte nichts gelernt."
In diesem Zusammenhang spielte auch ein Zitat des Antisemitismusforschers Wolfgang Benz eine Rolle: "Wer um Juden trauert, aber gegen Muslime hetzt, hat aus der Geschichte nichts gelernt." Sophia ordnete das so ein: "Früher waren Juden eine Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft. Heute erleben viele muslimische Menschen etwas Ähnliches - Vorurteile, Ausgrenzung, pauschale Zuschreibungen." Für Mohamed habe seine Religion keine Rolle gespielt, erklärte der Schüler, der auch an der Gedenkveranstaltung teilnahm.
Im Jüdischen Museum Berlin, das die Gruppe am zweiten Tag besuchte, sei immer wieder betont worden, dass Menschen Handlungsspielräume haben. "Man hat immer eine Wahl", erinnerte sich Anna. Wegsehen, Mitmachen oder Widersprechen seien bewusste Entscheidungen - damals wie heute. "Man kann als einzelne Person etwas ausrichten."
Aus dieser Erkenntnis ziehen die Jugendlichen klare Lehren für ihr eigenes Leben. "Jeden Menschen als Individuum betrachten und sich selbst hinterfragen", nennt Laurien als wichtigsten Punkt. "Man sollte Menschen niemals in Schuladen stecken."

Perspektivwechsel auf das Judentum
Besonders eindrücklich war für einige auch der Perspektivwechsel auf das Judentum selbst. "Oft wird das Judentum auf den Holocaust reduziert", erklärte Anna. Der Besuch im Museum habe gezeigt, wie vielfältig, alt und prägend jüdisches Leben für Geschichte und Gegenwart sei.
Organisiert wurde die Fahrt von Lehrer Marten Grimke, der bewusst nur wenige, engagierte Schülerinnen und Schüler auswählte - "handverlesen", wie er sagt. Wichtig war ihm, das Programm nicht zu überfrachten. "Man braucht Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten", erklärt er. Zwei Programmpunkte pro Tag seien bewusst gewählt worden, um Raum für Gespräche, Ruhe und Reflexion zu lassen.
"Es hat nicht in Konzentrationslager angefangen"
Nach der Reise bleibt bei den Jugendlichen ein Gefühl von Verantwortung - und Dankbarkeit. "Aus dem Holocaust muss so viel gelernt werden, dass man das alles gar nicht in einem Zeitungsartikel unterbekommt", fasst es Emma zusammen. Jeder müsse verstehen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist und sie nur gemeinsam aufrechterhalten werden kann, durch aktives Beschützen. "Im Holocaust hat es nicht mit Konzentrationslagern angefangen - sondern viel früher mit Diskriminierung und Rassismus in kleinen Kreisen. Deshalb müssen wir direkt widersprechen."
Von Bengta Brettschneider und Märthe Werder
