Wattwanderer in Not: Warum Cuxhavens Priele so gefährlich sind
Ein Spaziergang im Wattenmeer kann schnell zur Gefahr werden, wenn die Flut kommt und Priele sich in reißende Ströme verwandeln. Trotz der idyllischen Landschaft birgt das Watt unerwartete Risiken, die jedes Jahr zahlreiche Notfälle provozieren.
Vor der Cuxhavener Küste zeigt sich in diesen Tagen wieder, wie schnell aus einem Spaziergang am Meer ein Kampf um Minuten werden kann. Am Montag musste ein Mann rund 500 Meter vor Duhnen aus dem Wasser reanimiert werden, zwei Tage zuvor barg die Wasserrettung zwei Wattwanderer von der Rettungsbake 8 zwischen Sahlenburg und Neuwerk. Beide Einsätze endeten gut, doch sie zeigen, wie unberechenbar das Watt sein kann, sobald die Flut kommt.
Cuxhaven liegt direkt an der Mündung der Elbe. Vor der Haustür liegt das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer, ein Naturraum von einzigartiger Weite und zugleich von großer Tücke. Jedes Jahr ziehen Tausende Touristen bei Ebbe ins Watt, viele unterschätzen dabei das Tempo der Flut.
Wenn die Helfer ausrücken
Cora Strate, Pressesprecherin der Stadt Cuxhaven, kennt die Zahlen. Rund 30 bis 50 Mal pro Jahr rücken Feuerwehr und Wasserrettung wegen in Not geratener Wattwanderer aus, in den vergangenen fünf Jahren mit steigender Tendenz. "Wo mehr Menschen sind, da gibt es auch ein erhöhtes Potenzial an möglichen Einsätzen", sagt Strate und verweist auf den wachsenden Tourismus in Cuxhaven. Die Ursachen für Notlagen sind fast immer dieselben. Viele Wanderer informieren sich nicht ausreichend über die aktuellen Wattwanderzeiten, obwohl diese an Schildern, online bei der Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH und an den Rettungsstationen erfragt werden können.

Entfernungen im Watt werden unterschätzt, Dunkelheit und aufziehender Seenebel erschweren zusätzlich die Orientierung. Acht Rettungsbaken stehen deshalb entlang der mit Pricken markierten Wege im Cuxhavener Watt, doch selbst mit hochauflösenden Kameras und Ferngläsern lassen sich Menschen auf den Baken bei großer Entfernung und schlechter Sicht kaum erkennen. Genau das geschah am 20. Juni, als zwei Wanderer wegen diesigen Wetters zunächst unentdeckt blieben. Strate rät deshalb dringend, bei einer Fehleinschätzung der Zeit sofort eine Bake aufzusuchen und mit einem mitgeführten Mobiltelefon den Notruf 112 zu wählen. Über die sogenannte Advanced Mobile Location können Leitstellen den Standort eines Anrufers für eine Stunde orten und so gezielt Hilfe schicken.
Tückische Kraft der Priele
Noch gefährlicher als die offene Wattfläche sind die Priele, die das Wattenmeer durchziehen. Dieter Sandforth, Vorsitzender der DLRG Cuxhaven, erklärt, warum diese Wasserläufe regelmäßig unterschätzt werden. Rinnen, die bei Niedrigwasser nur wenige Zentimeter tief sind, können sich binnen kurzer Zeit in tiefe Gewässer verwandeln, weil die Priele bei Flut zuerst volllaufen. Die Fließgeschwindigkeit erreicht dabei bis zu fünf Kilometer pro Stunde, bei Sturm oder besonderen Mondphasen auch deutlich mehr. Wer glaubt, notfalls einfach zur nächsten Bake schwimmen zu können, irrt sich oft.

"Selbst für geübteste Schwimmer ist es nicht möglich, einen bestimmten Punkt anzuschwimmen, wenn man gegen eine Strömung schwimmen muss", sagt Sandforth. Hinzu kommt die Kälte des Wassers, die je nach Jahreszeit zwischen vier und zwanzig Grad liegt und die Kräfte schneller schwinden lässt als gedacht. Kälte führt zu Krämpfen, Erschöpfung raubt die Schwimmtechnik und am Ende droht Orientierungsverlust. Auch unsichtbare Muschelbänke, plötzliche Höhenunterschiede und der Zusammenfluss zweier Priele machen das Queren zu einem Risiko, das selbst erfahrene Wattwanderer meiden sollten. Sandforths Rat im Ernstfall: niemals gegen die Strömung ankämpfen, sondern kräftesparend mit ihr treiben und so die andere Seite erreichen, auch wenn der Weg dann nicht gerade verläuft.
Planung schützt vor Gefahr
Wie viel Zeit für eine Wanderung nach Neuwerk tatsächlich bleibt, weiß Katharina Ziersch von der Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH genau. Der ideale Start liegt etwa dreieinhalb bis vier Stunden vor dem Niedrigwasser, abhängig davon, ob man in Duhnen oder Sahlenburg startet. Von Duhnen aus sind es rund zwölf Kilometer bis zur Insel, von Sahlenburg etwa zehn. Geübte Gruppen brauchen für die Strecke zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden, ungeübte Wanderer deutlich länger.

Einen sicheren Zeitpunkt für eine spätere Umkehr gibt es laut Ziersch nicht. "Im Watt gibt es keinen sicheren Zeitpunkt für eine spätere Umkehr, weil der Rückweg mit dem auflaufenden Wasser zur gefährlichen Falle werden kann", warnt sie. Wer sich unsicher ist, sollte die Tour besser per Schiff oder Wattwagen antreten, statt das Risiko einer eigenständigen Wanderung einzugehen. Deutlich sicherer sind ohnehin geführte Wattwanderungen. Erfahrene Wattführer beobachten Wasserstände und Wetterlagen im Vorfeld und sagen eine Tour notfalls ab. Außerdem kennen sie die sicheren Wege durch das Watt, die für Laien oft kaum zu erkennen sind.
Die wichtigsten Regeln zählen
Aus den Erfahrungen von Feuerwehr, DLRG und Nordseeheilbad lässt sich eine klare Botschaft ableiten. Wer ins Watt geht, sollte sich vorher über die Gezeiten informieren, am besten direkt an einer Rettungsstation. Eine Wanderung ohne Wattführer sollte nur unternehmen, wer die Strecke und die Gezeiten wirklich sicher einschätzen kann. Festes Schuhwerk, trockene Wechselkleidung, Sonnenschutz und ausreichend Wasser gehören ebenso ins Gepäck wie ein aufgeladenes Mobiltelefon. Gekennzeichnete Wege sollten unter keinen Umständen verlassen werden, und bei aufkommendem Wasser zählt jede Minute. Wer diese Regeln beachtet, kann das einzigartige Naturerbe vor der eigenen Haustür sicher erleben. Wer sie ignoriert, riskiert mehr als nur nasse Füße.
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