Fast zwei Meter lang ist das Werftmodell der "Lagena", das der Förderverein Schifffahrtsgeschichte neuerdings in seinem Bestand hat. Fotos: Reese-Winne
Fast zwei Meter lang ist das Werftmodell der "Lagena", das der Förderverein Schifffahrtsgeschichte neuerdings in seinem Bestand hat. Fotos: Reese-Winne
Ehemalige erzählen, wie es war

Zwei-Meter-Schiffsmodell erinnert in Cuxhaven an die große Zeit der Supertanker

von Maren Reese-Winne | 09.09.2024

Die L-Klasse der Shell bezeichnete eine Flotte von Riesentankern, die in den 70er-Jahren zuhauf gebaut wurden. 1974 lieferte der Bremer Vulkan der Deutschen Shell gleich zwei Riesenpötte ab. Einer ist jetzt als Schiffsmodell in Cuxhaven zu sehen.

Der Riesentanker "Lagena" hat zwischen dem Segelschiff "Amerigo Vespucci" und dem klassischen Stückgutfrachter "Hammonia" festgemacht - zumindest gilt das für das Modell, das seit einigen Tagen im Ausstellungsraum des Fördervereins Schifffahrtsgeschichte im Museum "Windstärke 10" zu sehen ist. Es erinnert an eine Epoche, in der die Seefahrt noch eine andere war, wie der frühere Kapitän Rolf Matuszak und Schiffsbetriebsmeister Peter Meister berichten.

Das Modell der "Lagena" wird an den neuen Liegeplatz bugsiert. Foto: Reese-Winne

Die L-Klasse der Shell bezeichnete eine Flotte von Riesentankern, die in den 70er-Jahren in diversen (fast ausschließlich europäischen) Werften gebaut wurde. Im Mai und September 1974 lieferte der Bremer Vulkan der Deutschen Shell Tanker-Gesellschaft mit der "Lagena" und der "Liotina" zwei Riesenpötte ab, im Dezember 1975 folgte die "Lottia".

Supertanker "Lottia", Schwesterschiff der "Lagena", im Dezember 1975 am Steubenhöft. Foto: Reese
Maren Reese-Winne, Autorin dieses Artikels, als Kind am Bug der "Lottia" am Steubenhöft. Deutlich ist das Shell-Logo zu erkennen. Foto: Reese

Regelmäßig in und vor Cuxhaven zu sehen

Die Zuladekapazität betrug bis zu 317.588 Tonnen (tdw). Alle drei Schiffe - jeweils mehr als 350 Meter lang über 55 Meter breit und mit einem Tiefgang von 22,4 Metern - waren öfter vor Cuxhaven zu sehen, obwohl die Hauptroute zunächst zwischen dem Persischen Golf und Rotterdam verlief. Das Fahrensgebiet wurde später auf die ganze Welt erweitert.

In Scharen strömten die Menschen zum Steubenhöft

Im Dezember 1975 lag die "Lottia" zur Endausrüstung am Steubenhöft, das damals noch völlig frei begehbar war. Über Hunderte von Metern konnten Familien an der aufragenden Bordwand entlangspazieren. Die Giganten fuhren auch regelmäßig nach Hamburg zur Überholung im Dock Elbe 17 bei Blohm+Voss.

Helfer des Fördervereins schoben das Modell vorsichtig über die Schwelle ins Museum "Windstärke 10". Foto: Reese-Winne
Charakteristisch ist die Gruppierung der Aufbauten am Heck. Fotos: Reese-Winne

Das Exponat, das jetzt dem Förderverein übergeben worden ist, ist ein Geschenk des ehemaligen Shell-Kapitäns Ulrich Rehberg aus Minden-Holtrup. Dessen Vorliebe für Cuxhaven beruhte hauptsächlich auf einer familiären Verbindung: Sein Bruder Jörg Rehberg war Lehrer an der hiesigen Seefahrtschule. Mehrere Ehrenamtliche des Vereins um den Vorsitzenden Jörg Hinners bugsierten dieser Tage das Werftmodell ins Museum.

Beim Anlegen waren acht Schlepper schon Pflicht

Kapitän Rolf Matuszak erinnert sich noch genau an die "wunderbare Manövrierfähigkeit" der Riesentanker. "Im Ballast waren es allerdings reine Segelschiffe, wir mussten in den Gewässern kreuzen." Beim Anlegen waren mindestens acht Schlepper Pflicht; vielfach hielt die Shell auch eigene Lotsen vor. Auch der Cuxhavener Ernst Bachor sei hier als Kapitän gefahren und viele weitere Angestellte seien ebenfalls aus Cuxhaven gewesen.

Ausflaggung veränderte Herkunft der Mannschaft

Es handelte sich um reine Rohöltransporter in Einhüllenbauweise. An Bord 26 bis 30 Besatzungsmitglieder, darunter "ein Koch, ein Bäcker, zwei bis drei Stewards", so Rolf Matuszak. Deutsche und Spanier hätten anfangs  das Gros der Mannschaft gestellt. Nach der Ausflaggung nach Liberia seien es dann Philippinos gewesen.  Brücke und Maschinenführung seien aber immer deutsch besetzt geblieben.

Die philippinischen Seeleute blieben für ein Jahr an Bord, während die Offiziere nach vier bis fünf Monaten abgelöst wurden. "Eine Sekunde Satellitentelefon kostete eine Mark", weiß Rolf Matuszak noch. Ihn begleitete  häufig seine Ehefrau: "Die Shell war eine der ersten Reedereien, die es möglich machte, Ehefrauen, später auch Kinder (und Verlobte, d. Red.) mitzunehmen."

Schiffsbetriebsmeister Peter Meister auf einer der zahlreichen Fahrten an den Persischen Golf. Bei der Szenerie im Hintergrund handelt es sich - unfassbar - um die heutige Mega-Metropole Dubai. Foto: privat

Ihn und Peter Meister hat es im Laufe der Jahre in die ganze Welt verschlagen: Singapur, Japan, Kanada, Argentinien, Australien, Neuseeland, Hongkong, Ecuador oder Südkorea zählen sie auf. "Das heißt aber nicht, dass wir diese Länder auch kennengelernt haben." Für einen Landgang war meist kaum Zeit.

Trotz Swimming Pool und Tennis: Von Luxus keine Rede

Umso wichtiger war es, die Leute an Bord bei Laune zu behalten. Die Schiffe verfügten über Swimming Pools, an Deck wurde Fahrrad gefahren, der Bestand der großen Bücherei regelmäßig ausgewechselt. Später gab es schon die ersten Videocassetten. Für die Filmabende in der Mannschaftsmesse war der Nachschub durch einen weltweiten Filmservice sichergestellt. Auch eine riesige Carrera-Bahn und das Tennisspielen sind Peter Meister noch lebendig in Erinnerung.

Bedarf an Rohöl kannte keine Grenzen

Als sich die Deutsche Shell Tanker-Gesellschaft (DSTG) 1958 als Tochter des niederländisch-britischen Shell-Konzerns gegründet hatte, befand sich die deutsche Wirtschaft im Wiederaufbau, der Bedarf an Rohöl kannte keine Grenzen. Als "Very-Large-Crude-Carrier" machten die "Lagena", "Liotina" und "Lottia" die DSTG zur größten deutschen Reederei.

Schwesterschiff "Lottia" 1977 am Steubenhöft. Die Passanten konnten bis an die Schiffswand herangelangen. Foto: Werner
Tanker "Lottia" 1977 am Steubenhöft. Foto: Werner

Das politische und wirtschaftliche Weltgeschehen besiegelte schon bald das Schicksal der Riesenpötte. Die Ölkrisen der 70er und der Anstieg der Rohölpreise zwangen die Mineralölgesellschaften, Raffineriekapazitäten abzubauen und Flotten zu reduzieren. Die "Lottia" war 1977 zeitweilig in Cuxhaven aufgelegt.

"Der Unterhalt war mit der Zeit nicht mehr rationell", so die Experten. Und so endete die Geschichte der drei Flaggschiffe an Stränden in Fernost: Die "Lottia" und die "Lagena" wurden 1984 in Japan verschrottet und die "Liotina" 1997 in Bangladesch.

Noch einmal die "Lottia" 1977 am noch völlig frei begehbaren Steubenhöft - natürlich auch noch mit den Kampnagel-Kränen. Foto: Werner

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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