Seglervereinigung Cuxhaven: "Wer hier segeln lernt, kann auf der ganzen Welt segeln"
Die Seglervereinigung Cuxhaven feiert ihr 100-jähriges Bestehen und blickt auf ein Jahrhundert voller Veränderungen und Herausforderungen zurück. Jens Nickel, seit 55 Jahren Mitglied, gibt Einblicke in die Entwicklung des Vereins.
Herr Nickel, woran denken Sie als Erstes, wenn Sie an die SVC denken?
An eine gewachsene und hilfsbereite Gemeinschaft. Segler sind von Natur aus eher Individualisten, die ihrem Sport in kleinen Crews nachgehen. Wenn es aber um den Verein und das Leben im Hafenumfeld geht, bilden sie eine harmonische große Crew. Der Unterhalt der Segelinfrastruktur ist sehr aufwendig und umfasst den Jachthafen, die Winterlagerhallen sowie sehr viel Gerät, wie zum Beispiel Kräne, schwere Fahrzeuge und Lagerblöcke für die Jachten. Dies alles will gepflegt und unterhalten werden. Das kann nur in einem starken Team gelingen, und genau dieses Team bilden die Mitglieder der Seglervereinigung.
An diesem Wochenende feiert die Seglervereinigung Cuxhaven ihr 100-jähriges Bestehen. Das ist eine lange Zeit. Wenn Sie zurückblicken, was war früher ganz anders als heute?
Das Segeln hat sich über die Jahrzehnte radikal geändert. In der Anfangszeit gab es keine Elektronik, keine Motoren und nur wenig Hilfsmittel auf den Jachten. Bis in die Siebzigerjahre war es mehr oder weniger ein Männersport, nur selten sah man "Damen" auf den Jachten. Mit dem Einzug von mehr Luxus an Bord änderte sich das sehr schnell. Zum Beispiel hat die Einführung von Sanitäranlagen an Bord dies begünstigt. Ein weiterer großer Einschnitt war die Einführung der modernen Navigation. Musste man früher noch richtig navigieren und freute sich auch bei schlechtem Wetter Helgoland zu finden, so wird heute nur noch ein Ziel auf dem Monitor eingegeben und man folgt dem GPS-System ans Ziel. Dies funktioniert im Prinzip wie die Zielführung beim Autofahren.
Gibt es Ereignisse oder Regatten, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Für mich persönlich war die Teilnahme am "Whitbread Round The World Race", eine Regatta rund um die Welt, ein unvergessliches Highlight. Besonders der Zieleinlauf in Fremantle/Australien sticht hier heraus. Für die Seglervereinigung sind Regatten in den letzten Jahren eher in den Hintergrund getreten. Aus der Jugendgruppe der SVC sind in den letzten Jahren aber ungewöhnlich viele gute Segler hervorgegangen und segeln auch in diesem Jahr wieder weltweit bedeutungsvolle Regatten. Von nationalen Meisterschaften über die EM bis zu Weltmeisterschaften sind die ehemaligen Jugendlichen und jetzigen Vollmitglieder der SVC am Start. Das ist sicher ein gutes Indiz für die starke Ausbildung in der SVC.
Sie haben die Jugendlichen angesprochen. Welche Bedeutung hat die Jugendarbeit heute für die Seglervereinigung?
Die Jugendarbeit in der SVC, hat nicht nur heute, sondern hatte schon immer einen sehr hohen Stellenwert. Die Mitglieder der SVC stellen den Jugendlichen eine Auswahl von unterschiedlichen Booten zur Verfügung. Von "Einhand-Jollen" wie dem Optimisten und der Laser-Jolle bis zur Kielyacht. Diese werden ausschließlich von Jugendlichen genutzt und stehen zu vielen Varianten der Ausbildung bereit. Selbstverständlich werden auch entsprechende Trainerboote vorgehalten. Man darf nicht vergessen: Wir segeln hier auf der Elbe in einem der schwierigsten Segelreviere überhaupt. Mit dem Weltschifffahrtsweg direkt vor dem Hafen, der sehr schnellen Strömung und dem oft starken Wind sind die Herausforderungen an die Ausbildung extrem hoch. Ohne zu übertreiben darf man sicher sagen: Wer hier seine Segelausbildung erhalten hat, kann überall auf der Welt segeln.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die mit dem Segeln anfangen möchten?
Fangt jetzt an, zögert nicht. Der Segelsport bietet, insbesondere für Jugendliche, weit mehr als nur ein paar Stunden auf dem Wasser. Gerade auf den Jollen ist man sportlich sehr aktiv. Die Ausbildung zum Segler beinhaltet nicht nur maritime Komponenten wie zum Beispiel die Navigation, die Wetterkunde, das Führen der Segel und das Ausführen der Manöver. Segeln bedeutet deutlich mehr. Viele Erlebnisse in der Natur sowie selbstständiges und weit vorausschauendes Handeln gehören ebenso zu einem guten Segler wie die Teamfähigkeit und die Übernahme von Verantwortung für die Crew.
Blicken wir auf das Sportliche: Welchen Stellenwert hat das Regattasegeln in Cuxhaven heute noch? Und hat sich der Regattasport im Vergleich zu früher verändert?
Die Nordseewoche, eine der größten Regatten Deutschlands, macht jedes Jahr auf dem Wege nach Helgoland auch in Cuxhaven einen Zwischenstopp. Das ist ein absolutes Highlight, nicht nur für die Vereinsmitglieder. Wenn an Pfingsten die Regatta in Sichtweite der "Alten Liebe" gestartet wird, sind viele Cuxhavener und auch viele Feriengäste Augenzeugen des Regattastarts. Bis vor einigen Jahren richtete die Seglervereinigung noch selbst bis zu vier Regatten pro Jahr aus. Doch das Interesse an den sportlichen Herausforderungen wurde immer geringer. Das Augenmerk richtet sich heute bei den Vereinsmitgliedern eindeutig auf das Segeln am Wochenende mit der Familie und ganz besonders auf die jährlichen Langfahrten im Urlaub. Hier geht es dann üblicherweise auf die Nord- und die Ostsee. Die Jachten unserer Seglervereinigung besuchen jedes Jahr viele Länder. Dies zieht sich über ganz Skandinavien, aber SVC-Jachten sind auch im Mittelmeer und zum Teil bis in die Karibik unterwegs. Über die Reisen von unseren Mitgliedern könnte man viele, sehr interessante, Bücher schreiben.
Welche Rolle spielte die Gemeinschaft im Verein früher - und welche heute?
Wie in vielen Vereinen hat sich das Verhältnis der Mitglieder zum Verein gewandelt. Dies ist sicher auch dem Zeitgeist geschuldet. Für Mitglieder, die früher in der SVC waren, war der Verein und das Vereinsleben oft der Lebensmittelpunkt. Hier verbrachte man seine Freizeit, mehr oder weniger komplett. Mit den vielen Sportangeboten und den einfacher gewordenen Reisen in ferne Länder ist eine andere Zeit angebrochen. Heute ist die Gemeinschaft im Verein lockerer, aber immer noch ein wichtiger Bestandteil des Vereinslebens. Gerade auf unserer letzten Jahreshauptversammlung konnten wir unseren Vorstand deutlich verjüngen und viele neue Mitglieder begrüßen. Beides sind für mich sehr positive Signale.
Die Seglervereinigung feiert nun ihr 100-jähriges Bestehen. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum persönlich?
Erst einmal sehr, sehr viel Arbeit. Wir sind mit einem Team von sieben Personen seit knapp 18 Monaten dabei, das Festjahr zu organisieren. Ich denke, wir alle konnten uns vorher nicht vorstellen, wie viel Zeit und Ideen in dieses Projekt fließen werden. Es ist aber auch eine wunderbare Erfahrung, zu sehen, wie sich alle einbringen. Dann taucht man natürlich während der Vorbereitung in die Geschichte des Vereins noch einmal sehr tief ein und es wird jedem wieder bewusst, wie viele schöne Events, Geschichten und Erlebnisse sich um einen 100-jährigen Verein entwickelt haben. Was hier an der Elbmündung in den letzten 100 Jahren von den Mitgliedern der SVC geleistet und unternommen wurde, ist schon sehr bemerkenswert. Wir haben zu unserem Festakt eine sehr schöne Festschrift erstellt. Wenn man hier in die Geschichten eintaucht, wird schnell deutlich, wie umfangreich das Vereinsleben ist und wie sehr der Verein in das Sportgeschehen und die Geschichte der Stadt Cuxhaven eingreift.
Und zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Vereins?
Im Grunde nur, dass es so weitergeht wie in den letzten 100 Jahren. Mit Sportsgeist, Kameradschaft und dem Engagement der Mitglieder. Der Verein verfügt über eine sehr gute Infrastruktur. Dies zu erhalten und immer auf den neuesten Stand zu bringen, ist und bleibt eine zentrale Aufgabe im Verein, damit wir unseren schönen Sport weiter ausüben können. Kurzfristig wünsche ich mir an diesem Wochenende eine tolle 100-Jahre-Party mit den Mitgliedern der SVC und vielen Seglerfreunden aus den anderen Elbvereinen.

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