In der Igelstation Osterbruch werden derzeit so viele Jungtiere versorgt wie noch nie – ein Zeichen für den schwindenden Lebensraum der Tiere. Foto: Röse
In der Igelstation Osterbruch werden derzeit so viele Jungtiere versorgt wie noch nie – ein Zeichen für den schwindenden Lebensraum der Tiere. Foto: Röse
Expertin im Interview

Polizei Cuxhaven rettet Igel in Osten - Tierschützerin warnt vor dramatischer Lage

von Tamina Francke | 29.11.2025

Nach dem Igel-Einsatz der Polizei in Osten blickt auch die Igelhilfe im Landkreis Cuxhaven besorgt auf die Lage. Expertin Stefanie Röse erklärt, wie es den Tieren geht - und wie jeder ihnen jetzt noch durch den Winter helfen kann.

Der ungewöhnliche Polizeieinsatz in Osten, bei dem mehrere lebende Igel aus einem Transporter befreit wurden, hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Während die Ermittlungen weiterlaufen, beschäftigt der Vorfall vor allem jene besonders, die sich tagtäglich um die geschützten Tiere kümmern. Eine von ihnen ist Stefanie Röse, Leiterin der Igelstation in Osterbruch. Im Gespräch erklärt sie, warum der Fall sie tief bewegt, wie dramatisch die Lage für die Tiere in diesem Winter ist - und was jeder Einzelne tun kann, um den stacheligen Gartenbewohnern durch den Winter zu helfen.

Frau Röse, wie haben Sie von dem Polizeieinsatz in Osten erfahren - und was war Ihre erste Reaktion?

Ich habe davon erst auf Facebook gelesen. Vorher wusste ich nichts. Ich dachte erst an eine Falschmeldung oder daran, dass vielleicht eine Ente gefangen worden war. Doch leider stellte sich schnell heraus, dass der Fall real war.

War Ihnen bekannt, dass Igel gezielt gefangen werden?

Nein, das war für mich völlig neu. Mir ist zwar bekannt, dass im osteuropäischen Raum Igel tatsächlich gegessen werden, aber in Deutschland überhaupt nicht.

Wie wichtig ist eine konsequente Strafverfolgung solcher Fälle?

Ich hoffe auf eine sehr harte Strafe. Der Igel steht auf der Roten Liste, seine Bestände gehen zurück. Wir päppeln jedes Jahr bis zu 500 Tiere auf - dieses Jahr sogar 550. Damit andere sie fangen und essen? Das geht so nicht. Der Igel steht unter Artenschutz und muss sein Leben ungestört und sicher verbringen können. So etwas darf sich niemals wiederholen.

Was passiert mit Igeln, die in der Einwinterungsphase gestört oder eingefangen werden?

Das ist für sie extrem gefährlich. Wenn Tiere aus der Winterruhe gerissen werden, geraten sie in starken Stress. Viele schaffen es dann kaum, wieder in den Ruhezustand zu kommen oder den Winter gesund zu überstehen.

Igelretterin Stefanie Röse zeigt den Besuchern der Auffangstation einen ihrer Schützlinge. Foto: Larschow

Wie sehr belastet Sie ein solcher Vorfall persönlich?

Dieser Vorfall war emotional etwas ganz Besonderes, weil in mir eine große Traurigkeit aufgestiegen ist. Mir tun diese Tiere furchtbar leid, wenn sie so brutal von Menschen aus ihrem Lebensraum gerissen werden. Es war ein schrecklicher Vorfall, und ich möchte so etwas nie wieder hören müssen.

Wie ist die Igelsituation im Landkreis Cuxhaven in diesem Herbst?

2025 ist ein ungewöhnliches Jahr: Wir haben so viele Jungtiere aufgenommen wie noch nie. Alttiere kommen kaum noch rein. Es wirkt, als fänden die Tiere schlicht keinen Lebensraum mehr. Dieses Zubauen mit sechsstöckigen Häusern, das Plattmachen von Wäldern und Gärten - der Igel hat kaum noch Orte, an denen er sich als Wildtier aufhalten kann. Im Grunde geben wir dem Igel gerade den letzten Schub in Richtung Aussterben.

Welchen Einfluss hatten Witterung und Nahrungslage auf die Vorbereitung auf den Winterschlaf?

Es gab deutlich weniger Insekten. Viele Igel waren stark unterernährt. Ohne Zufütterung durch Menschen wären viele Tiere verhungert. Jetzt ist es entscheidend, nicht mit dem Füttern aufzuhören - Jungtiere brauchen dringend Gewicht, und im Frühjahr sind die ersten Altigel ebenfalls sofort auf Nahrung angewiesen.

Woran erkennen Bürgerinnen und Bürger, ob ein Igel hilfsbedürftig ist?

Man sollte prüfen: Wirkt er rund und kräftig oder dünn und geschwächt? Gibt es Verletzungen? Dann brauchen sie Unterstützung - durch Futterstellen mit hochwertigem Katzenfutter oder einen Transport in die Station. Wer unsicher ist, kann uns jederzeit per WhatsApp kontaktieren und Fotos oder Videos schicken - dann können wir schnell einschätzen, ob der Igel Hilfe braucht.

Welche typischen Fehler beobachten Sie?

Viele Menschen nehmen gesunde Igel vorschnell mit. Andere geben ungeeignetes Futter wie Obst, Gemüse, Milch oder Igel-Fertigfutter. Katzenfutter - Pastete mit Huhn oder Rind oder ein getreidefreies Trockenfutter - ist ideal. Wer möchte, kann auch ein Rührei anbieten.

Stefanie Röse, die engagierte Leiterin der Igelstation Osterbruch, zeigt zwei der vielen pflegebedürftigen Igel, die sie versorgt. Foto: Grell

Was sollten Menschen tun, bevor sie einen Igel zur Station bringen?

Ganz wichtig ist, sich selbst zu schützen - ein Igel ist immer noch ein Wildtier. Man sollte ihn daher nie mit bloßen Händen, sondern mit einem Handtuch, einem T-Shirt oder einer Jacke aufnehmen. So ist der Igel sicher eingewickelt, man selbst wird nicht gepikst, und das Tier kommt stressärmer und geschützter bei uns in der Station an.

Welche positiven Erfahrungen haben Sie in diesem Herbst gemacht?

Ganz viele Jugendliche und Kinder melden sich - so viele wie noch nie. Aber Menschen aller Altersgruppen fragen nach Hilfe. Das zeigt mir, wie viel Bewusstsein inzwischen da ist. Es ist schön zu sehen, dass so viele etwas Gutes tun wollen.

Was können Gartenbesitzerinnen und -besitzer aktuell für Igel tun?

Am wichtigsten ist, Natur im Garten zu lassen: Laubhaufen, Benjeshecken, Wildwuchs. Igel brauchen Verstecke und Käfer. Aufgeräumte, "winterfeste" Gärten nehmen ihnen ihren Lebensraum.

Was wünschen Sie sich von der Bevölkerung?

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen finden, die Igel über den Winter aufnehmen und in einem Außengehege in die Winterruhe begleiten. Und ab Mai suche ich immer Gärten für die Auswilderung. Dafür braucht es nur eine mit Stroh gefüllte Kiste und die Zusage, das ganze Jahr Katzenfutter bereitzustellen.

Wie arbeitet Ihre Station das alles überhaupt ab?

Wir sind 15 Ehrenamtliche, und ohne sie ginge es nicht. Zweimal täglich wird die gesamte Station gereinigt - das dauert jeweils drei bis vier Stunden. Alle Stationen im Landkreis sind aktuell ausgelastet, weil immer mehr Menschen den Igel schützen wollen. Das ist anstrengend, aber auch unglaublich schön.

Wer einen hilfsbedürftigen Igel findet oder Fragen zur Versorgung hat, kann sich an die Igelhilfe im Landkreis Cuxhaven e.V. wenden, Dorfstraße 19, 21762 Osterbruch, Telefon 01 60 95 79 80 61.

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Tamina Francke

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

tfrancke@no-spamcuxonline.de

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